Skitouren-Fan Arthur Conan Doyle "Nichts auf der Welt ist so launenhaft wie Ski"

Die Bretter waren unpraktisch lang, die Bindungen viel zu locker: Vor 120 Jahren lernte der Sherlock-Holmes-Autor Arthur Conan Doyle Skifahren und wagte sich auf eine Tour von Davos bis Arosa. Eine Spurensuche im Schnee.

Johannes Schweikle

Von Johannes Schweikle


Bis gestern hat es geschneit. Der Hang, der steil zum Wald hinaufführt, strahlt unberührt in der Morgensonne. Nur die Abdrücke von Hasenpfoten sind im Pulverschnee zu sehen.

Walter von Ballmoos folgt einer unsichtbaren Spur. Kurz nach sieben Uhr hat er in Davos die Steigfelle unter seine Ski geschnallt. Jetzt spurt er durch den weichen Schnee bergan und sagt fast ehrfürchtig: "Das ist eine der ersten dokumentierten Skitouren der ganzen Schweiz."

Vor 120 Jahren, am 23. März 1894, ist Arthur Conan Doyle diesen Hang hinaufgestiegen. Der britische Autor, damals schon berühmt für seine Sherlock-Holmes-Krimis, unternahm mit zwei Skipionieren eine hochalpine Wintertour. Sie starteten in Davos-Frauenkirch, 1500 Meter hoch gelegen, und überquerten die 2436 Meter hohe Maienfelder Furka.

Von dort stürzten sie sich auf einer waghalsigen Abfahrt 700 Höhenmeter hinunter nach Arosa. Über diese Expedition ins Hochgebirge schrieb Doyle eine Reportage, Walter von Ballmoos will an diesem Morgen seiner Route folgen.

Die moralische Wirkung norwegischer Schneeschuhe

Doyle hatte sich das Skilaufen in drei Monaten von den Brüdern Tobias und Johann Branger beibringen lassen. Sie waren so ziemlich die Ersten, die diesen damals in Mitteleuropa noch unbekannten Sport in Davos ausübten. Der britische Autor bewunderte ihre Zähigkeit: "Sie sind beide Männer von beachtlicher Ausdauer, und selbst mein langsam buchstabiertes Deutsch schien sie nicht zu erschöpfen."

Über die Bretter unter seinen Füßen urteilte Doyle: "Nichts auf der Welt ist so launenhaft wie Ski. Niemand, der sie ansieht, würde erraten, welche Möglichkeiten in ihnen lauern." Seinen Landsleuten aus der steifen Oberklasse empfiehlt er: "Auf einen Mann, der unter zu viel Würde leidet, hätten norwegische Schneeschuhe eine gute moralische Wirkung."

Nach einer Stunde und 20 Minuten Aufstieg erreicht Walter von Ballmoos die Stafelalp. An den Dächern der dunklen Holzhütten hängen Eiszapfen, tief unten liegt Davos. Kein Laut ist zu hören, Walter macht eine Trinkpause. Er ist Anfang 40, arbeitet als Bergführer, führt ein Skigeschäft an der Promenade von Davos und betreibt die Wallhalla-Bar. Dort treffen sich Einheimische, wenn sie ohne Engländer und andere Touristen sein wollen.

"Die Skitouren sind die Ruhe in meinem Alltag", sagt von Ballmoos. Auch seine Gäste sind beim Aufstieg meistens still. "Da ist jeder mit sich beschäftigt und hängt seinen Gedanken nach", sagt der Führer. Er mag das.

Allein mit dem blauen Himmel und unendlich viel Schnee

Über die Stafelalp schrieb Doyle: "Ein hölzerner Kuhstall war das letzte Zeichen menschlicher Zivilisation, das wir bis Arosa sehen sollten." Erstaunlicherweise hat sich daran bis heute nichts geändert. Die Berge ringsum sind mit Liften erschlossen, es gibt Bars mit großen Lautsprechern, aus denen der gleiche Pop dröhnt wie in London oder Berlin. Seit diesem Winter verbindet eine Seilbahn Arosa mit den Pisten von Lenzerheide. Aber die Maienfelder Furka blieb seit der ersten Skitour unberührt.

"Wir genossen den Blick auf ein ganzes Panorama von Bergen", schrieb Doyle, "meine Leser werden erleichtert sein, dass ich ihre Namen komplett vergessen habe." 120 Jahre später sagt Bergführer von Ballmoos: "An der Amselflue gibt es einen Adler." Aber der fliegt heute nicht, wir sind allein mit dem blauen Himmel und unendlich viel Schnee.

Auf der Furka ziehen wir die Steigfelle von den Skiern und stellen die Bindung auf Abfahrt. Über das, was jetzt kommt, schrieb Doyle: "Tatsächlich ist es im Winter einfacher als im Sommer, eine Reise über höhere Pässe zu machen." Auf Schnee "ist die Mühe nur halb so groß, weil die Abfahrt hauptsächlich ein bloßes Gleiten ist".

Verstauchte Knöchel und zerschlissener Tweed

Mit dem Material von 1894 war dieses Vergnügen allerdings zweifelhaft. Die Skier von Doyle waren 2,40 Meter lang und zehn Zentimeter schmal. Mit lockeren Bindungen und weichen Schuhen waren im Tiefschnee kaum kontrollierte Schwünge möglich. Deshalb banden die Branger-Brüder die Skier paarweise zusammen, setzten sich auf diese wie auf einen Schlitten und glaubten, so gefahrlos den Furkatobel hinunterzukommen.

Einer der Führer verstauchte sich böse den Knöchel, und auch die Hose des Autors überstand die Abfahrt nicht schadlos. Doyle schreibt: "Mein Schneider sagt, Harris Tweed könne sich nicht abnutzen. Das ist bloße Theorie und hält einer gründlichen wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Er findet Warenmuster zur Ansicht vom Furkapass bis Arosa, und für den Rest des Tages fühlte ich mich am wohlsten, wenn ich mich eng an der Wand halten konnte."

Wir finden bei der Abfahrt keine historischen Fetzen. Der Pulverschnee ist herrlich leicht, wir schweben einen unverspurten Hang hinunter. Unten geht es durch den Wald, eine Herausforderung: Zwischen den Bäumen ist der Platz für die Schwünge eng. Das Gelände wird steil, und man weiß nie, ob hinter einem dicken Schneehöcker ein Stein lauert oder eine Wurzel.

Anständiges Benehmen im Schnee

Arthur Conan Doyle wagte 1894 eine kühne Prognose: "Ich bin überzeugt, dass eine Zeit kommen wird, in der Hunderte von Engländern zur Skisaison im März und April in die Schweiz fahren werden."

Der Pionier sollte sich täuschen - es kamen viel mehr. Walter von Ballmoos, unser Skiguide, holt ein Buch aus seinem Rucksack: "The best ski-tours of Davos". Es erschien 1927, drei Jahre vor dem Tod von Doyle und beschreibt 96 Touren. Fünf Jahre später beklagt sich Autor Henry Hoek im nächsten Buch schon über den "Massenbetrieb auf Ski". Deshalb widmete er ein Kapitel dem anständigen Benehmen im Schnee. Daraus zitiert Walter von Ballmoos lächelnd seinen Lieblingssatz: "Skispitzen durchstoßen leicht das dünnwandige Gefäß, das bis zum Rand mit Verbalinjurien gefüllt ist."

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caronaborealis 11.04.2014
1. Toller Artikel
Selber habe ich diese Tour vor Jahren gemacht und offenbar ist diese Landschaft immer noch so wie damals. Das freut mich und erstaunt mich gleichermassen. Hoffentlich bleibt das so, damit noch viele Menschen diese eindrückliche Landschaft geniessen können.
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