Vulkan Stromboli Aufstieg ins Fegefeuer

Er faucht, schnauft, prustet und gurgelt: Der Vulkan Stromboli ist ein sehr aktives Ungetüm - und seine Besteigung nichts für Ängstliche. SPIEGEL-ONLINE-Autorin Annette Langer kämpfte sich in mehr als 900 Meter Höhe zu einer feurigen Gala-Veranstaltung.


Es gibt Urlauber wie meinen Freund Bela, der sich über Kamtschatka aus einem Militärhubschrauber wirft und hofft, dass der Fallschirm aufgeht. Und es gibt Reisende wie mich, die gern in Cafés herumsitzen, Cocktails trinken und bei der Vorstellung, Aktivurlaub machen zu müssen, Atemnot bekommen.

Menschen der zweiten Kategorie fahren gern nach Italien, weil sie dort viele Gleichgesinnte treffen, die lieber über den Rand ihrer Sonnenbrille einen frischgegrillten Schwertfisch begutachten, als ihr Leben für einen bisschen Muskeltraining aufs Spiel zu setzen. Dennoch sind auch im Land des "Dolce far niente" sportliche Herausforderungen möglich - wenn man hoch hinaus will und die abendliche Gala-Veranstaltung "Vulkan spuckt Feuer" auf der Insel Stromboli gebucht hat.

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Aufstieg zum Stromboli: "Wie ein lebendiges Wesen"

"Asthmatiker lieber zu Hause bleiben" lese ich in einem Reiseführer zur Begehung des 926 Meter hohen Ungetüms - und beginne sofort, nervös zu hüsteln. Insgesamt sechs Stunden werde das Abenteuer dauern, beim Abstieg versinke man so tief in feinem Aschestaub, dass man seine Hand vor Augen nicht mehr sehe, heißt es. Ich sehe mich mit Atemmaske und schweißnassem T-Shirt halbblind über Gesteinsbrocken stolpern, und beschließe, der drohenden Total-Blamage eine Generalprobe vorauszuschicken.

Vulcano, die Außerirdische

Im sizilianischen Milazzo steige ich in ein Boot nach Vulcano, der drittgrößten der Liparischen Inseln und Namensgeberin aller feuerspeienden Berge dieser Welt. Hier wartet der kleine Bruder des Stromboli auf mich - der nur 391 Meter hohe Gran Cratere, von den Römern als Schmiede des Feuergottes Vulcanus verehrt. Der Vorteil: Diesen Krater darf man allein erklimmen, ohne dynamische Führer oder gemsenhaft flinke Schweizer, die genervt auf lahme Nachzügler schielen. Hier gibt es nur mich und den Vulkan, der mir zur Begrüßung beißende Schwefeldämpfe ins Gesicht pustet.

Es regnet ein wenig, als ich mich von Porto di Levante aus auf den Weg mache. In den Palmengärten leuchten fuchsiafarbene Blumen, die Ginsterbüsche treiben zögernd erste Blüten. Sieht eigentlich harmlos aus, der Berg. Kurz nach der Vegetationsgrenze geht es jedoch ziemlich schnell steil bergan. Meine betagten Wanderschuhe geben auf dem Geröll der ersten Meter endgültig ihren Geist auf. Ich fange fürchterlich an zu schwitzen, was ich sonst selten tue und irgendwie auch würdelos finde. Schon bereue ich, zum Mittagessen einen Rotwein geordert zu haben, denn jetzt läuft mein Gesicht rot an und die Füße werden so schwer wie nach einer Überdosis autogenem Training.

Doch wenige Minuten später winkt die erste Belohnung: Bei einem nachlässigen Blick über die Schulter erstrahlen sämtliche Liparischen Inseln - Alicudi, Filicudi, Salina, Lipari, Panarea und sogar das weit entfernte Stromboli - im schönsten Sonnenlicht unter mir. Wie auf der Seite schlafende Riesen liegen sie im Tyrrhenischen Meer und täuschen darüber hinweg, dass unter dem Meeresspiegel bisweilen die Hölle los ist.

Ich trabe weiter durch das graue Aschemeer, als sich unvermittelt eine rot-weiß leuchtende, wüstenähnliche Felsenlandschaft vor mir auftut. Die Eruptionen der Vergangenheit haben tiefe Furchen in den weichen Stein gezogen - heute ritzen Liebespaare mit Autoschlüsseln ihre Initialen in den Tuff.

Nur noch wenige Meter sind es bis zum Ziel, als urplötzlich ein heftiger Wind wie eine Wand vor mir steht und mich fast umwirft. So wütend zerrt er an mir, dass ich auf allen Vieren zum Kraterrand robben muss, um einen Blick in die Tiefe werfen zu können. Der Staub ist überall - in den Augen, den Ohren, der Nase - und dem Objektiv meiner Kamera.

Ich sehe hinab in ein ödes braunes Loch, das bei längerem Hinschauen eine geradezu magische Sogwirkung entfaltet. Über den Kraterrand schlängeln sich weiße Dämpfe, vulkanische Gase, die aus sogenannten Fumarolen aufsteigen. Der Schwefel hat die Landschaft zitronengrasgrün gefärbt, so dass man das Gefühl hat, auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. Ich kneife die Augen zusammen, um das unvergessliche Erlebnis auf die Netzhaut zu brennen, und trete dann den Rückzug an. Geschafft, ich darf morgen zur Premiere.

Respekt, keine Furcht!

"Jeder Mensch hat seinen ganz persönlichen Berg, den er bezwingen muss", sagt Zazà, seit 20 Jahren auf Stromboli und eine Legende unter den hiesigen Vulkanführern. "Und es ist ganz unwichtig, wie hoch der ist", fügt er lächelnd hinzu.

Hinter dem bärtigen Original steht er, mein Angstberg, der Stromboli, und schnauft und prustet, gurgelt und stöhnt - "ganz wie ein lebendiges Wesen", sagt Zazà. Im Dezember 2002 sorgte der aktivste Vulkan in Europa für Schrecken, als ein Teil seines Kegels nach einer Eruption abriss, ins Meer stürzte und meterhohe Flutwellen auslöste. Im Jahr darauf kam es zu einem weiteren schweren Ausbruch, bei dem riesige Lavageschosse zahlreiche Häuser zerstörten. Der Zugang zum Krater wurde für zwei Jahre gesperrt. Heute darf der Gipfel nur in Begleitung autorisierter Führer bestiegen werden - und die nehmen ihren Job ernst.

"Man muss Respekt haben, aber keine Furcht", sagt Mario Pruiti, studierter Politologe und seit Jahren Vulkanführer beim örtlichen Veranstalter Magamatrek. Unfälle habe es bisher nur gegeben, wenn Sicherheitsvorkehrungen missachtet wurden. Das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie in Catania (INGV) überwacht die seismische Aktivität des Vulkans, der Zivilschutz und die dem Innenminister unterstehende Kommission für große Risiken versuchen, die Gefahren möglichst präzise einzuschätzen.

Pruiti lebt in dem winzigen Ort Ginostra im Südwesten der Insel, der nur mit dem Boot zu erreichen ist: "Mir geht es nicht um das Spektakel", erzählt der 41-Jährige. "Für mich ist der Vulkan faszinierend, weil er seit mehr als tausend Jahren ständig in Bewegung ist und sich verändert." Der Stromboli sei die perfekte Verbindung der vier Elemente: "Das Magma ist die Synthese von allem."

Gegen 16 Uhr trudeln die ersten Trekking-Kandidaten vor dem Büro der Magamatrek ein. Man sitzt auf der Natursteinmauer, schaut aufs Meer und plaudert. Motorisierte Dreiräder knattern vorbei, jeder grüßt jeden, weil jeder jeden kennt. Der 500-Seelen-Ort Stromboli ist trotz Touristenschwemme anheimelnd und überschaubar. Man frönt dem Mythos der schönen Ingrid Bergmann, die sich hier 1949 für die Aufnahmen zu Rossellinis Melodram "Stromboli" ungelenk auf den Klippen räkelte.



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