Wachser bei Skirennen Abreibung an der Loipe

Hartwachs für den Neuschnee, Klister fürs Eis und Fluorpulver zum Gleiten: Die Wachser machen die Skier von Langlaufprofis fit für Rennen wie in Holmenkollen und Lahti - mit viel Gespür für Schnee.

Johannes Schweikle

Von Johannes Schweikle


Eine halbe Stunde vor dem Rennen ist Chris Hönig nicht mehr ansprechbar. Vor Anspannung kommt die Zungenspitze zwischen den Lippen durch, energisch fährt er mit einer Bürste über den makellos gewachsten Belag eines Langlaufskis. Wiederholt die Prozedur mit einer zweiten Bürste, schließlich mit der dritten. Schnell noch einen Schluck aus der Wasserflasche, Schürze an den Haken hängen, Anorak anziehen, Funkgerät umschnallen. Dann im Laufschritt zum Start, drei Paar Ski unter dem Arm.

"Noch zwei Minuten", ruft der Sprecher im Skistadion. Drei Langläufer im Rennanzug des Deutschen Skiverbands hüpfen sich auf der Stelle warm, machen Armkreisen, gleich geht's los: das Rennen über 50 Kilometer, am Holmenkollen in Oslo.

Von dieser Kultstätte des Skisports ist allerdings nichts zu sehen. Die alte Kapelle am Waldrand ist weg, genauso die legendäre Sprungschanze, die gestern noch als Wahrzeichen von Oslo silberglänzend in den Winterhimmel ragte. Der dicke Nebel hat auch die Tribünen mit ein paar tausend Zuschauern verschluckt. Die riesige Videowand des Skistadions ist schemenhaft zu erkennen.

"Ihr habt's gut, ihr dürft euch bewegen", frotzelt Hönig und schlägt dem Langläufer Jonas Dobler, Startnummer 13, freundschaftlich auf die Schulter. Hönig ist der Cheftechniker der deutschen Langläufer. Wenn er verwachst, hat Dobler umsonst trainiert. Er hat nur dann im Rennen eine Chance, wenn seine Ski so gut gleiten wie die der Konkurrenz.

Chris Hönig ist 28 Jahre alt und stammt aus Oberhof. Auf seinem Funkgerät steht "Rambo". Aber dieser Kampfname passt nicht zu dem schmalen Mann mit dem freundlichen Gesicht und den ernsthaften Augen. Sein Vater ist Nationaltrainer der deutschen Biathletinnen. Er selbst stand mit drei Jahren zum ersten Mal auf den Skiern und wurde Langläufer. Nach dem Ende der Karriere blieb er als Wachser im Dunstkreis seines Sports. "Ich hab fast noch Renngewicht", sagt er lächelnd.

Sechs Dutzend Dosen Hartwachs

Die Zuschauer auf den Tribünen feuern die Langläufer an. Hönig geht zum Parkplatz hinter dem Stadion. Im Matsch steht ein langer Lastwagen. Im Auflieger des 24-Tonners arbeitet er mit seinen sechs Wachsern. Mit diesem Truck zieht die Truppe durch den Winter. Von Davos nach Slowenien, von der russischen Kälte in den Regen von Oberstdorf. An diesem Wochenende parkt der Truck in Lahti. Das liegt in Finnland und gehört wie der Holmenkollen zu den mythischen Orten der Skiläufer.

Hönig friert nicht an seinem Wachstisch. Bei Zimmertemperatur streichen seine Hände hingebungsvoll über die schwarzen Kunststoffbeläge der Skier. Für jeden Schnee muss er das richtige Mittel finden - eine Mischung aus Gleitwachsen, die den Ski bergab schnell machen. Weil aber nach jeder Abfahrt wieder ein Anstieg kommt, braucht es auch das Gegenteil: ein klebriges Wachs, das in der Mitte des Skis aufgetragen wird. Ohne diese Steighilfe würde der Langläufer bei jedem Schritt am Berg jämmerlich rückwärts rutschen.

Hönig zieht eine Schublade auf: sechs Dutzend Dosen Hartwachs - die kommen bei Neuschnee zum Einsatz. In der nächsten Schublade: fast genauso viele Tuben Klister - braucht er bei Eis und Altschnee. Das Wundermittel zum Gleiten ist ein Fluorpulver - eine Dose, so klein wie ein Salzstreuer fürs Frühstücksei, kostet 100 Euro. Hönig verwachst jeden Winter 25.000 Euro.

Bei jedem Weltcuprennen dürfen zehn Deutsche an den Start, fünf Männer, fünf Frauen. Für jeden Sportler sind 40 Paar Ski im Truck. Ski für Skating und klassische Technik, Ski für kaltes und warmes Wetter, Beläge mit unterschiedlichen Strukturen. Entsprechend aufwendig ist das Testen der Bretter vor jedem Rennen. Jeder Wachser schnappt sich wenigstens ein halbes Dutzend Paar Ski, mit jedem läuft er eine Runde.

Jeder Langläufer träumt vom Schnee am Holmenkollen. Unzählige Loipen führen Hunderte von Kilometern durch die Wälder, zwischen den Hügeln geht es über zugefrorene Seen. Wer will, kann in urigen Hütten einkehren und bis Lillehammer laufen. Aber so weit kommt Chris Hönig nicht. Er dreht seine Testrunden im Skistadion.

2,7 Grad Celsius, 99 Prozent Luftfeuchtigkeit

Der Wachser hat ein spezielles Verhältnis zum Wetter. Klirrende Kälte findet er unproblematisch. "Ob es 10 oder 15 Grad minus hat, macht keinen großen Unterschied", sagt Hönig. Am schwierigsten seien die Temperaturen um den Nullpunkt in den Griff zu kriegen. Und am Holmenkollen sieht es genau danach aus: Am Abend vor dem Rennen hat es geschneit, in der Nacht geregnet. Jetzt zeigt die Wetterstation im Truck folgende Werte an: Temperatur 2,7 Grad, Luftfeuchtigkeit 99 Prozent.

Hönig hofft, dass während des Rennens nicht wieder Schnee fällt. "Wenn es klar regnet, wissen wir, was zu tun ist." Wenn er Ski nach draußen trägt, hält er sie mit dem Belag nach unten - damit die Konkurrenz nicht sieht, welchen Klister die Deutschen aufgetragen haben. Die Wachser aller Länder betreiben ihren Wettkampf genauso ehrgeizig wie ihre Sportler. Neben Deutschland parkt Norwegen - die haben zwei Trucks.

Das Rennen verfolgt Hönig mit seinen Jungs am Flachbildfernseher im Lastwagen. Von den deutschen Streckenposten bekommen sie Zusatzinformationen per Funk. Der Ski von Jonas Dobler läuft gut. Bergab ist er schnell, bergauf hat er genug Stieg. Max, der Wachser aus Bayern, sagt: "Wir können eigentlich nur verlieren. Bei einem guten Ergebnis war's der Sportler. Aber wenn's schlecht läuft, sind wir schuld."

Am Ende landet Jonas Dobler auf Platz 17. Chris Hönig bindet sich die Schürze um und macht sich wieder an die Arbeit: Die Ski für die Frauen müssen präpariert werden. Sie gehen am nächsten Tag an den Start, da soll das Wetter noch schlechter werden.

Neulich, in Südtirol, hat Hönig von den Frauen ein fettes Kompliment bekommen. Denise Herrmann lief auf den achten Platz, und strahlend vor Glück sprach sie das größtmögliche Lob in die Fernsehkamera, das ein Wachser kriegen kann. Sie sagte: "Heut hatte ich ein extremes Brett unter den Füßen."

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insgesamt 11 Beiträge
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noalk 21.02.2016
1. Fluorpulver
Klingt nicht sehr umweltfreundlich. Dürfte aus Mikro-/Nano-Kunststoffkügelchen bestehen, die es irgendwann über die Nahrungskette in den menschlichen Körper schaffen werden. Man muss kein Kunststoff-Gegner sein, um ein Verbot des Einsatzes solcher Mittel zu fordern, zumindest in freier Wildbahn.
medwed99 21.02.2016
2.
Zitat von noalkKlingt nicht sehr umweltfreundlich. Dürfte aus Mikro-/Nano-Kunststoffkügelchen bestehen, die es irgendwann über die Nahrungskette in den menschlichen Körper schaffen werden. Man muss kein Kunststoff-Gegner sein, um ein Verbot des Einsatzes solcher Mittel zu fordern, zumindest in freier Wildbahn.
Die hier eingesetzten Flourverbindungen sind gerade besonders reaktionsträge. Aussagen wie 100 % Flour sind völlig falsch-das Zeug ist zu 100 % gebunden. Gefahren bestehen vorallem 1. bei der Applikation auf den Ski. Das Zeug wird in der Regel als Finish eingebügelt und der Temperaturabstand zwischen dem Schmelzpunkt (muß mindestens erreicht werden) und der Zersetzungstemperatur ist nicht groß. Bei der thermischen Zersetzung dieser flourierten Subtanzen entstehen richtig giftige Vögel. 2. gibt es beim ausbürsten der Ski richtig gut Staub (besonders wenn maschinell gebürstet wird. Diese feinen Partikel sind sicer lungengängig! Also auf jeden Fall beim aufbügeln und ausbürsten Maske tragen und da sind die Bedingungen für die Wachser im Truck viel gesünder als im althergebrachten Wachscontainer.
albert schulz 21.02.2016
3. Fachlich überzeugende Korinthen
Der einzige Grund für den Siegeszug des blödsinnigen Skatens ist der Tatsache zuzuschreiben, daß die meisten Langläufer nicht wachsen können. Die Diskussionen und Ratschläge in der Wachshütte sind hanebüchen, zum Teil natürlich absichtlich. Dabei ist es ganz einfach: Erstmal für kalten Schnee hart wachsen, dann weicher werdende Schichten (für wärmeren Schnee) nach oben auftragen. Die Schichten, die zu weich sind, werden im Nu runtergeschliffen. Problematisch wird die Sache nur bei großen Höhenunterschieden und besonnten und beschatteten Partien. Die Hälfte aller Fahrer fängt dann zu heulen und greinen an, schimpft aufs Verwachsen und kehrt um, um kurz drauf das Gleiche zu erleben, obwohl anders gewachst wurde. Klister ist fürn Arsch, auch der für pißnasse Spuren. Es gibt nämlich keine durchgehend eisigen oder durchnäßte Loipen. Ändert sich die Schneebeschaffenheit, hat man einen Riesenballen Schnee am Ski hängen. Und das Dreckszeug läuft aus und verwandelt jeden Wachskoffer in eine unberührbare Wüstenei, angefüllt mit einem dickflüssigen klebrigen Schleim, für dessen Entfernung man literweise Nitro Universalverdünner benötigt. Wegen der enormen Kosten für ein bißchen Wachs (bis an die zehn Euro für ein Stummelchen) werden natürlich nur die zehn bis zwanzig Zentimeter in der Berührungswechselzone vorn gewachst (hinten gibt es so was nicht, weil sich sofort ein Fließgelenk ausbildet), und selbstredend bleibt das Wachs für Jahre drauf und wird nicht mühselig abgekratzt, was der diagonale Skiliebhaber als Materialpflege bezeichnet. Es kostet Mühen und vor allem Geld, weil man nächstes Mal genau die gleichen Schichten draufmacht. Zwischen einem superleichten Rennski und einem stabilen und robusten Teil bestehen übrigens auch kaum Unterschiede. Der Ski liegt nämlich auf dem Schnee und muß nicht getragen werden. Meist hat der teure Ski einen härteren sprich glatteren Belag, der sich mit Gleitwachs nicht mehr sonderlich verbessern läßt. Spurtreuer ist der schwerere Ski. Wer finanziert eigentlich den maßlosen Aufwand ? Der Skihersteller oder die Wachsfirma ?
medwed99 22.02.2016
4. ne
-daß viele nicht wachsen können hat andere Ursachen, der Begriff "No-wax-ski" suggeriert vielen leuten, daß wachsen nicht nötig ist. die laufen dann eventuell mit Flüssigwachs zum nachwachsen durch die Spur, Dabei ist es bei den no-wax ski so einfach. 2 bis 3 x pro Jahr Heißwachs auf die Gleitflächen (kostet jeweils 5 € im shop)und ab und zu ein Schuppenspray, dann läuft der Ski schneller als viele Touris laufen könen -Klister hat sehr wohl seine Berechtigung und wenns dann noch Neuschnee gibt, dann deckt man halt ab, ich habe schon Wettkämpfe mit ner kompletten Eisloipe bestritten ohne Klister noway! -ein Rennski läuft sich ganz anders als ein stabiler Tourenski. Über 90 km möchte ich nicht mit Tourenski laufen
albert schulz 22.02.2016
5. ein eigentümliches Geschäft - und teuer
Nicht wachsen können ausgewiesene Fachleute, die Einen stundenlang zulabern können, wie man zu wachsen hat. Schuppenski sind leider nicht mein Thema, habe ich doch alle Schuppen von den alten Skiern hobeln lassen. Leider. Das Problem ist, daß die Schuppen über eine viel zu große Länge angebracht sind. Das pfeift so schön beim Runterfahren. Zehn bis zwanzig Zentimeter an der entscheidenden Stelle (kurz vor den Fußspitzen) würden völlig ausreichen. Klister hasse ich nicht nur wegen der Anhaftungen, sondern wegen des Affentheaters beim Entfernen und dem zugesauten Wachskoffer. Keine Ahnung, warum das Zeug immer auslaufen muß. Wenn ich im Frühjahr um einen Buckel herumlaufe, der auf der Rückseite (im Schatten) fast Neuschnee hat, auf der Sonnenseite weich und durchnäßt ist und seitlich je nachdem angefroren, werde ich nur Ärger mit egal welchem Klister haben. Ich nehme nur noch diese rötlichen, weißen, gelben Hartwachse in solchen Fällen. Hebt das eine nicht, hebt das andere. Meinen alten Tourenski schätze ich sehr. Er hat nämlich eine größere Bauhöhe als die superflachen Rennski und ist demgemäß elastisch- fester und hat eine längere Wachszone. Und man kann ihn auch im Sauerland benutzen, wo die Loipen quer durch den Wald gehen, also abgedeckt von Baumkronen sind, so daß mal mehr mal weniger Schnee vorhanden ist. Leider hat er einen ziemlich weichen Belag, was bergunter wegen der vielen Riefen verlangsamt, aber ich sehe keine gravierenden Unterschiede zum Rennski. Ganz nebenbei: Ich habe mir mal einen Rennski für einen 120 kg schweren Läufer bestellt, wiege aber nur 100 kg, und als der Ski im Geschäft auf der Testfläche lag, meinte der Verkäufer, er wäre pißweich. Hatte ich schon befürchtet. Ich hatte nämlich Jahre zuvor einen Briefwechsel mit einem bekannten Hersteller, in dem ich wegen des Fließgelenks an der Ferse ganz harmlos gefragt habe, warum man die Bauhöhe des Skis in der Mitte nicht vergrößert. Das kann nur wenige Gramm kosten. Im Training sehe ich keinerlei Nachteile des Tourenskis. Man kann ihn auch ganz ohne Spur benutzen und die Laufzeiten für bestimmte Strecken mit den verschiedenen Skiern weichen auch nicht sonderlich voneinander ab, weil das schnellere Bergabfahren kaum Zeitvorteile bringt. Wenn der Mitfahrer unten am Berg fünfzig Meter Vorsprung hat, sind die am nächsten Berg mit ein paar kräftigen Schritten eliminiert. Und bei hundert Kilo Lebendgewicht interessiert es mich überhaupt nicht, ob zwei- oder fünfhundert Gramm - zuweilen – an meinen Beinen hängen. Bei Fahrrädern liegt die Sache anders. Da merkt man die paar Kilo am Berg. Beachtlicher allerdings ist die Qualität der Lager.
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