Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Seetangsammler in Wales: Da haben wir den Algensalat

Von "mare"-Autor Philipp Jarke

Eine Waliserin zeigt Laien bei einem Strandspaziergang, welche Speisen man aus Algen, Seetang und Muscheln kreieren kann. Zum Glück schmeckt das meistens besser, als es aussieht - und die Vergiftungsgefahr ist geringer als beim Pilzesammeln.

Küste von Wales: Seafood zum Selbersammeln Fotos
wildaboutpembrokeshire.co.uk

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Eine karierte Picknickdecke im Windschatten geparkter Autos ist die erste Station dieser Reise in eine unbekannte Geschmackswelt. Julia Horton-Powdrill, Kräutersammlerin aus St Davids, Südwestwales, kramt Einweckgläser aus einem Weidenkorb. Darin getrocknete Algen und Seetang, dunkelbraun, schwarz, klein geraspelt zumeist, einige lang und dünn wie Salzstangen.

Etwas Darmtang gefällig? Wir, zwei Frauen, zwei Männer, kauen, jemand macht "mmh", eher nachdenklich als begeistert, ein anderer sagt: "Interessant." Wie es schmeckt? Schwer zu sagen, salzig, irgendwie nach Meer. Wie wäre es mit Pepper Dulse? Die gemahlene Rotalge schmeckt pfeffrig, leicht streng. "Glaubt mir", sagt Julia, "es schmeckt besser frisch vom Stein."

Bald laufen wir mit Bratpfannen, Schüsseln und Netzen einen Feldweg hinunter zur Caerbwdy Bay. Die Bucht ist von Sandsteinklippen gesäumt, Felsbrocken und Kiesel bedecken den Strand, das ablaufende Wasser ist klar - optimale Bedingungen für Sammler wie Julia. Hier erntet die 63-Jährige Algen und Seetang und beliefert damit Restaurants. Laiensammlern zeigt sie in geblümter Bluse und Neoprenschuhen die leckersten Meerespflanzen.

Noch halten sich Skepsis und Neugier die Waage - als Kind ekelte ich mich vor Algen, die sich am Strand zwischen meinen Zehen verfingen, gleich werden wir sie verspeisen. Also Schuhe aus, Hosen übers Knie gekrempelt und rein in die Brandung.

Algen zum Frühstück

Julia watet voran zu einem Fels. Schwarzbrauner Riementang wuchert ins Wasser wie der Schopf einer Meerjungfrau. "Man nennt ihn auch Seespaghetti", sagt Julia, "passt hervorragend zu Pasta, und getrocknet kann man ihn knabbern wie Salzstangen." Sie schneidet mit der Schere eine Handvoll ab. Tang und Algen sollen wir nie komplett vom Stein reißen, sondern einen Strunk stehen lassen. So kann die Pflanze nachwachsen.

Wenige Schritte weiter haben sich schwarze Plastiktüten am Felsen verfangen, so scheint es. Julia zieht einen Fetzen vom Stein und steckt ihn in den Mund: kein Müll, sondern Laver, eng verwandt mit Nori, in den die Japaner ihr Sushi einwickeln. Schmeckt besser, als es aussieht. Ähnlich wie Pilze.

"Ich esse täglich Algen", sagt Julia, "bestimmt in ein, zwei Mahlzeiten am Tag." Getrocknet streut sie sie anstelle von Kräutern über verschiedenste Gerichte. Zum Frühstück mischt sie Laver mit Hafermehl und brät die Teigbällchen in der Pfanne: Laverbread, eine walisische Spezialität.

Die Caerbwdy Bay ist für Julia wie eine Vorratskammer, Pepper Dulse, Sea Lettuce, alles wächst hier auf engstem Raum. "Ich schaue auf meinen Gezeitenkalender", sagt Julia, "und komme dann bei Ebbe hierher und hole mir, was ich brauche."

Sammelwut als Massenbewegung

Anders als im Wald, wo manch giftige Beeren und Pilze wachsen, kann man am Strand kaum etwas falsch machen. Bis auf die Federige Desmarestia, eine schwefelsäurehaltige Braunalge, sind alle Wasserpflanzen und Muscheln Nord- und Westeuropas essbar.

"Früher haben die Menschen ganz selbstverständlich Wildkräuter, Tang und Algen gesammelt", sagt Julia. Dieses Wissen sei fast verlorengegangen, "doch viele entdecken es nun wieder". Mittlerweile ist foraging, so nennen die Briten das Sammeln wild wachsender Früchte und Pflanzen, auf der Insel zur Massenbewegung geworden, selbst Sternerestaurants setzen auf wild food. Julia sammelte Kräuter und Beeren schon als Kind, zusammen mit ihrem Vater, der als Landarzt auch Heilkräuter verschrieb.

In die Caerbwdy Bay mündet ein Bach. In der Brackwasserzone leuchten die blau-violetten Schalen Hunderter Miesmuscheln. Wir klettern über die rutschigen, rund geschliffenen Felsen und pflücken die größten Exemplare. In wenigen Minuten sind unsere Schüsseln voll.

Die Bucht liefert neben den Zutaten auch den Brennstoff für unser Lagerfeuer. Wir sammeln Treibholz, dazu etwas Zeitungspapier, schon lodern die Flammen unter der Pfanne. Julia brät Kartoffeln, dazu eine Handvoll Pepper Dulse, frisch vom Stein natürlich. Die Muscheln garen wir in walisischem Cidre mit gepflücktem Meerfenchel.

Rezept für Laver-Ziegenkäse-Quiche
Zutaten (für 4 Personen)
Vorgebackener Quicheboden, 4 große Eier, 500 Milliliter Sahne, 100 Gramm fein gewürfelter weicher Ziegenkäse, 200 Gramm Laver (zuvor 6, ja 6, Stunden gekocht), Schafkäse, Salz, Pfeffer.

Zubereitung
Ofen auf 150 Grad vorheizen. 2 ganze rohe Eier und 2 Eidotter mit Ziegenkäse, Sahne und Laver mischen. Kräftig salzen und pfeffern, anschließend auf die Quiche geben und Schafkäse darüberstreuen. Im Ofen 15 bis 20 Minuten goldbraun backen.
Mehr Informationen: Julia Horton-Powdrill, St Davids, Pembrokeshire, Wales.
Telefon +44 1437 721035, mobil +44 7977 287935, www.wildaboutpembrokeshire.co.uk.
Der Halbtageskurs "Nahrungssuche am Strand" kostet 25 Pfund (inkl. Picknick).

Dieser Artikel stammt aus dem "mare"-Heft Nummer 102, Februar/März 2014.

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...dank Maggie...
hr_schmeiss 04.03.2014
Zitat von sysopwildaboutpembrokeshire.co.ukEine Waliserin zeigt Laien bei einem Strandspaziergang, welche Speisen man aus Algen, Seetang und Muscheln kreieren kann. Zum Glück schmeckt das meistens besser, als es aussieht - und die Vergiftungsgefahr ist geringer als beim Pilzesammeln. http://www.spiegel.de/reise/europa/wales-kochen-mit-algen-muscheln-und-seetang-a-952696.html
...sind die auf der Insel ein bisschen weiter als. Aber auch hierzulande kann man feststellen, dass sich "das Sammeln essbarer Dinge in der Natur" steigender, tja, 'Beliebtheit' erfreut. Wird übrigens nördlich von Sellafield auch so viel gesammelt...?
2. Sellafield
ooohhhh! 04.03.2014
...die Irische See war mal ein Gewässer mit der höchsten Strahlenbelastung.... Ob das immer noch so ist?
3. Nicht erst über den Ärmelkanal
bretone 04.03.2014
muss ich, um Leckeres und Gesundes aus dem Meer zu ernten. Bei uns in der Bretagne (an den Finistère-Küsten) zeigen wir interessierten Reisenden das Gleiche ...
4. Mich wundert es,
Pfaffenwinkel 04.03.2014
dass man mit der Verwertung von Algen nicht gegen den Hunger der Welt ankämpft.
5.
TaiMing 04.03.2014
Zitat von Pfaffenwinkeldass man mit der Verwertung von Algen nicht gegen den Hunger der Welt ankämpft.
Die meisten Menschen auf der Welt hungern, weil sie zu arm sind und nicht, weil es zu wenig Essen gibt. Die sammeln sich schon selbst, was verfügbar und essbar ist. Wenn die Algen ein Lebensmittel wie andere auch werden, woran noch jemand Geld verdienen möchte, ist der Hunger wieder da.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gefunden in