Wallfahrt in Südfrankreich: Pilgerparty am Meer

Die Prozession könnte direkt aus einem Film von Emir Kusturica stammen: Einmal im Jahr versammeln sich Sinti und Roma in Südfrankreich, um der heiligen Sara zu huldigen. Auch Tausende Touristen lassen sich das Spektakel nicht entgehen - doch die Einheimischen sind skeptisch.

Fest in der Camargue: Buntes Spektakel der Pilger Fotos
Getty Images

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Saintes-Maries-de-la-Mer - Zärtlich legt die alte Frau der Holzstatue beide Hände ins Gesicht. Sie verharrt eine Weile, dann zeichnet sie ihr mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn, streichelt ihr den Kopf und küsst die eigenen Fingerspitzen. Hinter ihr drängen sich Dutzende, sie wollen die Statue der heiligen Sara berühren. In der Krypta der Kirche von Saintes-Maries-de-la-Mer ist es so heiß wie in einer Sauna. Unzählige Kerzen brennen zu Ehren der Heiligen, Opferlichter in roten Plastikgefäßen und lange weiße Kerzen, die sich in der Hitze zum Boden biegen. Manchmal riecht es nach verbrannten Haaren, wenn im Gedränge jemand einer Flamme zu nahe kommt.

Die traditionelle Zigeunerwallfahrt in der südfranzösischen Camargue zieht jedes Jahr am 24. Mai Tausende Pilger und Zuschauer an. Der kleine Ort Saintes-Maries wird dann zu einem riesigen Wohnwagenlager. Von der mittelalterlichen Festungskirche wird die Statue der Heiligen in einer Prozession bis zum Meer getragen.

Auf dem Kirchplatz und in den Gassen herrscht eine Atmosphäre wie in einem Film von Emir Kusturica. Die Einwohner sehen das Spektakel mit gemischten Gefühlen: Einerseits sind sie stolz auf die Pilgertradition und froh über die Touristen, die sie ins Dorf bringt. Andererseits beäugen sie das fahrende Volk mit Misstrauen und sind erleichtert, wenn wieder Ruhe einkehrt.

Vincent sitzt in einem Campingstuhl vor seinem Wohnwagen und lässt sich die Morgensonne auf den tätowierten Oberkörper scheinen. Sein Gesicht ist so verbrannt, dass von der Nase helle Hautfetzen abpellen. "Wir machen die Wallfahrt schon seit langer Zeit, das ist für uns der Höhepunkt des Jahres", sagt er. "Wir kommen zu Ehren unserer heiligen Sara, aber natürlich treffen wir auch immer viele Freunde und Bekannte." Aus der Wohnwagentür schiebt sich ein verschlafenes kleines Mädchen in einem rosa Jogginganzug. "Meine Tochter", stellt er vor. Vincent hat fünf Kinder, die ganze Großfamilie umfasst 70 bis 80 Menschen, so genau weiß er das nicht.

Hauptsache frei sein

Von den jungen Leuten mag niemand den unsteten Lebensstil aufgeben, auch wenn es bedeutet, etwa alle zwei Wochen alles wieder einzupacken und weiterzuziehen. "Wir sind völlig frei, das ist wunderbar", sagt Vincent. "Wenn Dir Dein Nachbar nicht passt, kannst Du nichts machen. Wir fahren einfach weiter." Eine beleibte Frau mit langen Haaren und goldenen Ohrringen setzt sich dazu und bietet Kaffee aus einer riesigen Thermoskanne an.

Nach einer Weile räumen die beiden ein, dass ihr vogelfreies Leben manchmal auch schwierig sein kann. "Sobald wir uns irgendwo niederlassen, sagen die Leute: Da kommen die Hühnerdiebe", erzählt Vincent. "Wir müssen uns alle drei Monate bei der Polizei melden, damit wir unser Wahlrecht nicht verlieren." Vor kurzem musste er 7000 Euro Strafe für Schwarzarbeit zahlen. "Dabei habe ich nur Altmetall eingesammelt und verkauft, ist doch lächerlich", schimpft er. Überhaupt sei das Leben teuer geworden: Standgebühren, Strom und Wasser, Fahrzeugkontrollen, Benzin.

Am Nachmittag zieht Vincent mit seiner Familie zur Festungskirche, die von geschäftiger Vorfreude erfüllt ist. Kleine Mädchen in gerüschten Flamenco-Kleidern laufen herum, ihre Mütter tragen bündelweise lange Kerzen im Arm. Ein Priester stimmt die Menge mit Wechselgesängen auf die Zeremonie ein. Die Statue der dunkelhäutigen Heiligen steht bereits im Mittelschiff. Seit dem Morgen wurden ihr so viele mit Pailletten und Stickereien verzierte Umhänge umgebunden, dass der Kopf gerade noch herausschaut.

Während des Gottesdienstes wird aus der Oberkirche an Seilen eine Holzkiste mit den Reliquien der beiden Marien heruntergelassen. "Vive les Saintes Maries! Vive Sainte Sara!" rufen die Gläubigen wieder und wieder mit derselben Inbrunst wie Fans in einem Stadion. Der Reliquienschrein sinkt in ein Lichtermeer aus brennenden Kerzen hinein. Einem alten Mann mit Schnäuzer laufen Tränen über die Wangen. Eine Frau beginnt heftig zu schluchzen, jemand nimmt sie in den Arm und klopft ihr beruhigend auf den Rücken.

Die Heilige über den Köpfen der Menge

Vincent und seine fünf Kinder verlieren sich in der Menge, die hinter der heiligen Sara her aus der düsteren Kirche in die grelle Sonne zieht. Überall strecken sich ihr Hände entgegen, Säuglinge werden nach oben gehalten, damit sie ihren rosafarbenen Umhang berühren. Die kaum einen Meter hohe Statue scheint mühelos über die Köpfe der Menge zu gleiten. Ihr Podest wird von vier Männern auf den Schultern getragen. Es ist für sie eine Ehrenaufgabe, die in der Familie bleibt.

Es gibt mehrere Überlieferungen, wie Sara zur Schutzpatronin des fahrenden Volks wurde. Eine von ihnen besagt, dass Sara eine aus Ägypten stammenden Dienerin der heiligen Marien war. Die drei Marien sind nach biblischer Tradition die ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu, sie entdeckten das leere Grab. Maria Magdalena und die beiden Apostelmütter Maria Kleophae und Maria Salome sollen dann mit Sara vor der Christenverfolgung aus Judäa über das Mittelmeer geflohen sein. Kurz vor der Küste erlitten sie Schiffbruch, wurden aber gerettet und begannen im Süden Frankreichs zu missionieren.

Einen historischen Kern gibt es insofern, als sich das Christentum in Frankreich tatsächlich vom Süden her verbreitete. Dass die Zigeuner sich mit der schwarzen Sara identifizieren, liegt vermutlich nicht nur an der dunklen Hautfarbe, sondern auch an ihrer Herkunft aus Ägypten. Den nicht sesshaften Volksgruppen wurde früher ebenfalls nachgesagt, dass sie aus Ägypten stammten. Das hat sich bis heute in mehreren Sprachen erhalten: Im Englischen werden sie "gypsies" genannt, auf Französische "gitans".

Auf Deutsch ist ihre korrekte Bezeichnung nicht ganz einfach. Das Wort Zigeuner wird heute nur noch selten verwendet. Es ist für viele zu sehr mit der Nazizeit verbunden, in der jene Gruppen verfolgt wurden. Etwa 23.000 Menschen wurden in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht. In Deutschland spricht man heute eher von Roma und Sinti. Allerdings gibt es noch andere Gruppen, die sich weder als Roma noch als Sinti bezeichnen. Das "fahrende Volk" ist auch nicht korrekt, denn dazu zählen auch Schausteller und Zirkusleute. Vincent antwortet auf die Frage, zu welcher Gruppe er zähle: "gitans".

Auf ins Meer

Unterdessen ist die Prozession am Strand angekommen. Das Meer glitzert in der Sonne, die Luft schmeckt nach Salz, und die vielen Menschen wirbeln den feinen Sand auf. "Vive Sainte Sara", tönt es immer wieder. An der Spitze des Zuges bahnt ein Dutzend Reiter auf cremefarbenen Pferden den Weg durch die Menge. Es sind die Gardians, die Cowboys der Camargue, mit ihren breitkrempigen Hüten und bunten Hemden. Sie tragen lange Holzstangen mit metallenen Dreispitzen, mit denen sie Stierherden sortieren.

"Auf ins Meer", ruft einer von ihnen, die Pferde tänzeln nervös, das Gedränge wird immer dichter. Junge Männer fassen sich an den Händen und bilden Ketten, um eine Schneise für die heilige Sara zu öffnen. Die Träger mit der Holzstatue auf den Schultern waten vorsichtig ins flache Wasser hinaus. Es ist der Höhepunkt der Pilgerfahrt, er erinnert an die Ankunft der heiligen Frauen, die nach der Überlieferung das Christentum nach Frankreich brachten.

Schon seit dem 15. Jahrhundert sind Gläubige zu den beiden Marien gepilgert und haben ihre Reliquien verehrt. Die Zigeunerwallfahrt hingegen fand zum ersten Mal während des Zweiten Weltkriegs statt. Mittlerweile ist sie zu einem internationalen Ereignis geworden, das die Marienwallfahrt einen Tag später völlig überlagert. Im Jahr 2010 sollen etwa 30.000 Menschen zusammengekommen sein, davon etwa ein Drittel Wallfahrer.

"Davon kann die katholische Kirche lernen"

Die meisten von ihnen sind weder reich noch gebildet, manche sind übergewichtig, tätowiert, blondiert. Andere sind von der Sonne gegerbt, haben Gesichter voller Falten, den Mund voller Goldzähne. Einige Männer tragen große Schnurrbärte, Frauen baumelnde Ohrringe und Plastikblumen im Haar. In dieser bunten Menge wirkt Erzbischof Christophe Dufour ein wenig verloren. Der hochgewachsene Intellektuelle, der in seinem hellen Messgewand die Pilgerprozession leitet, betrachtet das Spektakel um ihn herum mit großer Sympathie.

"Es ist der Volksglaube, der sich Bahn bricht", sagt er. "Davon kann die etablierte katholische Kirche durchaus etwas lernen." Natürlich bestehe die Gefahr, dass die Heiligenverehrung die Mitte des christlichen Glaubens verdecke. "Deswegen sagen wir, dass die Heiligen uns den Weg zu Christus zeigen", erklärt er. Eine Pilgerreise sei ein wichtiges Erlebnis, sie reinige von innen. "Das fahrende Volk wird von der Gesellschaft oft ausgeschlossen. In der Kirche soll das nicht so sein. Sie gehören dazu, und wir müssen lernen, Unterschiede zu akzeptieren."

Nach dem Abendgebet in der alten Festungskirche wird im Dorfzentrum weitergefeiert. Auf dem Kirchplatz spielen Männer Flamenco auf ihren Gitarren. Ein junges Mädchen mit hüftlangen Haaren tanzt mit grazilen Gesten dazu - sie könnte die Zigeunerin Esmeralda aus Victor Hugos Roman "Der Glöckner von Notre Dame" sein. Ein paar Schritte weiter hat sich ein Kreis um eine Blaskapelle gebildet: zwei Tubas, drei Trompeten, ein Schlagzeug. Der Rhythmus wird immer schneller, die Zuhörer klatschen, wippen mit den Füßen, fangen an zu tanzen. So geht es weiter, immer weiter bis spät in die Nacht.

Ulrike Koltermann, dpa

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