Wandern im Piemont: Luxus der Einsamkeit

Windschiefe Häuser, verlassene Örtchen und verwunschene Wälder: Das Maira-Tal an der italienischen Alpensüdseite ist ein Traum für Entdecker. Auf den verschlungenen Pfaden treffen Wanderer kaum eine Menschenseele. Urlauber sind dort allein mit sich und der unberührten Natur.

Blick auf Dronero: Ausgangsort und Ziel vieler Wanderer im Valle Maira im Piemont
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Blick auf Dronero: Ausgangsort und Ziel vieler Wanderer im Valle Maira im Piemont

Endlich oben. Durchatmen. Die Hand fasst das Gipfelkreuz, das seit einer Woche immer wieder im Blick aufgetaucht und mit jedem Schritt näher gerückt war. Ein halbes Dutzend Etappen lang dauerte der Weg zum 3026 Meter hohen Monte Chersogno, dem buchstäblichen Höhepunkt im Valle Maira im Piemont. Die inzwischen auch von Reiseführern entdeckte Strecke soll in den kommenden Jahren noch viele Wanderer durch das Tal an der italienischen Alpensüdseite führen. Sie finden dort ein altes und in weiten Teilen intaktes Wegenetz und kleine Unterkünfte mit Küchenfreuden für müde Wanderer.

Das Maira-Tal im Piemont ist ein "buca nera", eines der "schwarzen Löcher" Europas: Die geringe Bevölkerungsdichte ist mit der Alaskas zu vergleichen. Verlassene Weiler versinken in den Wäldern, Orte mit windschiefen Häusern liegen Schwindel erregend hoch auf Felsspornen.

In der Ferne schimmert der Gipfel

Start- und Zielort der Valle-Maira-Tour ist der Ort Dronero. In der Ferne schimmert schon der Gipfel des Chersogno in der Sonne - und ist doch erst in einer Woche zu erobern. Touristen, die danach in Nizza oder Genua den Urlaub verlängern wollen, hinterlassen einen Koffer in ihrer Pension oder auf dem Zeltplatz. Andere ziehen mit dem Rucksack gleich los.

Verlassenes Dorf im Maira-Tal: Wanderer genießen den Luxus der Einsamkeit
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Verlassenes Dorf im Maira-Tal: Wanderer genießen den Luxus der Einsamkeit

Vor Jahrzehnten wurden die zugewachsenen Verbindungswege in der uralten, verfallenden Kulturlandschaft freigelegt und die "percorsi occitani" geschaffen, ein in ein bis zwei Wochen zu schaffender Wanderweg, der einst die Weiler verknüpfte. Auf der Sonnenseite führen die grellgelb markierten Wege bis zum Wendepunkt Campo Base, dann geht es mit dem Bus oder erneut zu Fuß zurück nach Dronero.

In regelmäßigen Abschnitten warten Hotels, Pensionen, Matratzenlager oder unbenutzte Schul- oder Pfarrhäusern als Posti tappa (Etappenposten) auf die Wanderer. Für eiserne Selbstverpfleger gibt es hier und da auch Kochgelegenheiten - allerdings gibt es überall landestypische Gerichte zu fairen Preisen.

Mit einem guten Glas Dolcetto, dem süffigen Tischwein, samt Primo (Vorspeise), Secondo (Hauptgang) und Dolce (Nachtisch) können Wanderer ihre Energiereserven bestens wieder auffüllen. Da die Unterkünfte nur von Einheimischen geführt werden, ist sichergestellt, dass die Einnahmen im Tal bleiben.

Unterwegs sind Italienisch-Kenntnisse von Vorteil. Im unteren Tal wird zudem Piemontesisch gesprochen. Die Menschen in den oberen Weilern verständigen sich teils sogar noch im kaum verständlichen Okzitanisch, der Sprache der mittelalterlichen Troubadours.

Einst lebendige Dörfer wurden zu Geisterstädten

Schon auf den ersten Etappen kann es allerdings sein, dass außer einem Schäfer oder einem Rentner, der sein Elternhaus in Schuss hält, keine Menschenseele den Weg quert. War das Maira-Tal im 19. Jahrhundert noch außerordentlich intensiv besiedelt, sah es sich durch die Gründung Italiens und die neue Grenze an den Rand gedrängt. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Bevölkerungszahl deutlich zurück. In den meisten Gemeinden seien "die Hälfte bis zwei Drittel der Häuser nicht mehr bewohnt", hieß es bereits im Jahr 1932.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten die meisten jungen Menschen dem lauten Ruf der Industrie, vor allem von Fiat in Turin. Etliche Orte zählten 1999 weniger als ein Zehntel ihrer Bevölkerung von 1861. In vielen Dörfern halten heute nur noch ein paar Alte die Stellung.

Das Kloster San Constanzo al Monte mit Überresten aus dem Jahre 712 taucht schon nach wenigen Stunden am Wegesrand auf. Naturstraßen führen an gackernden Hühnern vorbei durch Landstriche mit zerfallenen Hütten und Hausruinen, Wald und Aufstiegen mit großartigen Aussichten und enormer Geschichte: Vor 60 Jahren haben sich die Partisanen auf der Flucht vor der Wehrmacht in diese Dörfer zurückgezogen. Über verschlungene Waldwege, an Brunnen und den gewaltigen Felswänden des Monte Rubbio vorbei führt der Weg über Sonnenhänge und Blumenwiesen nach Sant'Anna, Pagliero und Macra bis ins Bergnest San Martino.

Bizarre Landschaft aus dem Märchenbuch

Dort erinnert sich die Österreicherin Maria Schneider an die schwierigen Anfangsjahre und die ersten Erfolge des Rundwegs, an Zuschüsse, Sponsoren und Stammgäste. Seit mehr als 20 Jahren führt sie in den Bergen ein "Centro Culturale" mit Koch- und Sprachkursen, Wanderwochen, Konzerten und Ausstellungen. "Einen Boom wird es nicht mehr geben", ist sich Schneider sicher. Dafür sei das Tal als Ziel für Urlauber zu speziell. "Aber es bleibt ein unglaublicher Luxus, mitten in Europa einen Tag lang für sich alleine gehen zu können."

Das Ziel des fünften Wandertages, Elva, wurde in einer der jüngeren Steuerstatistiken Italiens als ärmste Gemeinde des Landes registriert. Dabei waren die Einwohner Elvas einst weltberühmt als beste Adresse für Perückenhaar. Unter anderem stammten die Haare für die silberweißen Perücken im britischen House of Lords aus dem Piemont - ein Erfolg, bis sich die Moden änderten, die Zöpfe kürzer wurden und künstlich erzeugtes Haar das teure Menschenhaar ersetzte.

Knapp sechs Stunden und 1500 Höhenmeter von Elva entfernt zeigt sich stolz das Gipfelkreuz des Chersogno. Vom nahen Ussolo geht es dann entweder mit dem Bus oder über Campo Base auf der rechten Talseite zurück nach Dronero an den Talausgang dieser verträumten, vergessenen und teils bizarren Landschaft aus dem Märchenbuch.

Martin Oversohl, gms

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