Marseille - Wer den Hügel, auf dem die Kathedrale "Notre Dame de la Garde" liegt, erklommen hat, sieht sie bereits: Östlich vom Hafen Marseilles mit seinen Jachten und hinter den ziegelroten Dächer der Mittelmeerstadt ragt eine lange schmale Halbinsel ins Meer, grauer Fels mit dunkelgrünem Busch, davor ein Inselchen, als habe jemand einen Steinbrocken ins Meer geworfen.
Dort liegen die Calanques, ein etwa 20 Kilometer langer Küstenstreifen, der zu den schönsten Landschaften Frankreichs zählt und sich an einem langen Wochenende wunderbar erwandern lässt. Naturschützer setzen sich derzeit dafür ein, die Gegend zum Schutzgebiet zu erklären.
Offiziell gehören die Calanques noch zum Stadtgebiet der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Aber sobald man die Bucht von Marseille verlassen hat, scheint die Zivilisation weit weg. Auf der zweitägigen Wanderung gibt es nicht einmal eine Übernachtungsmöglichkeit. Dafür kann man nach der ersten Tagesetappe mit dem Bus nach Marseille fahren und am nächsten Morgen zum Ausgangspunkt der zweiten Etappe zurückkehren. Diese endet im Küstenort Cassis mit seinen Cafés, Restaurants und kleinen Hotels.
Unterwasserhöhle mit Steinzeit-Zeichnungen
Eine Art Indianerzeichen empfängt die Wanderer dort, wo sich der Weg den ersten Hügel hinaufschlängelt. Die vielen bunten Striche an den Felsen markieren die Wanderwege, von denen es mittlerweile ein ganzes Netz gibt. Der Fernwanderweg GR 98-51 ist rot-weiß markiert, wo er mit anderen Routen zusammenfällt, erinnern die Wanderzeichen an die Flagge Italiens oder der Weimarer Republik.
Durch duftende Kiefernwälder geht es bergan, die Großstadthektik bleibt schnell zurück. Eine leichte Meeresbrise macht das Laufen angenehm. Nach einer guten halben Stunde öffnet sich der erste schöne Ausblick auf die zerklüftete Küste. Noch ist Marseille mit seiner "Bonne Mère" gut zu sehen, doch je weiter es nach Osten geht, desto ursprünglicher wird die Landschaft. Die hellen Kalkfelsen sind eigenwillig geformt, an manchen Stellen sind diagonal verlaufende Schichten zu erkennen.
Im Jahr 1991 entdeckten Taucher in den Calanques in 35 Meter Tiefe eine riesige Unterwasserhöhle, deren Wände mit steinzeitlichen Zeichnungen bedeckt sind. Sie belegt, dass der Meeresspiegel damals wesentlich tiefer lag. Nachdem mehrere Taucher in der Höhle ums Leben kamen, wurde der Zugang aber gesperrt.
Immer wieder schneiden schmale Buchten in das Ufer. Das Wasser schimmert in Blau- und Türkistönen und läuft am Strand glasklar über die runden Kiesel. Über einer der Buchten ist ein mächtiger Felsbrocken aus dem Massiv gebrochen und liegt nun im Wasser, die Abbruchstelle ist gelblich gefärbt. Manche einzelne Kiefer hat sich vom Wind so weit verbiegen lassen, dass sie fast parallel zum Boden wächst.
Prozessionsspinner-Alarm
Das Frühjahr und der Spätsommer gelten als gute Zeiten, um in den Calanques zu wandern. Im Hochsommer sind die Wege wegen Waldbrandgefahr häufig gesperrt, und die hübschen Fischerbuchten mit autoreisenden Tagesgästen überfüllt. Gelbe und lila Blumen setzen Farbtupfer in die karge Felslandschaft, hier und da sprießen lange Stängel mit zersausten weißen Blüten auf. Es ist die Zeit der Prozessionsspinner, pelzige Raupen, die sich in haarige Kokons zwischen Kiefernnadeln einspinnen und deren Haare auf der Haut brenne. Wenn sie auf Futtersuche gehen, bilden sie eine lange Schlange, um ihre natürlichen Feinde abzuwehren.
An einigen Stellen ist das Ufer so steil, dass nicht schwindelfreie Wanderer lieber Abstand zur Felskante halten. Bei heftigem Wind kann es dort gefährlich werden. Wie Spielzeugboote sehen aus der Höhe die weißen Ausflugsschiffe aus, die von Marseille aus durch die Calanques tuckern. In der langen und engen Bucht von Sormiou finden sich erstmals wieder ein paar Häuser, kaum größer als Gartenlauben. Auf ein paar Metern Strand tummeln sich Kinder und Kanufahrer.
Gleich hinter der Bucht schlängeln sich Serpentinen einen steilen Hang hinauf. Das Massiv hat keine beeindruckenden Höhenmeter zu bieten, aber das häufige Auf und Ab geht dennoch in die Beine. Oben angekommen fühlt man sich wie ein Insekt auf dem schuppigen Rücken eines gewaltigen Sauriers, der seinen langen Hals ins Meer hinausgeschoben hat. Die Landzunge zwischen Sormiou und Morgiou ist die mächtigste in der Gegend. Man kann bis zur Spitze vorlaufen, aber der Weg ist nicht immer einfach zu finden: Auf dem gerölligen Boden scheinen sich viele Wege abzuzeichnen, die aber gar keine sind.
Die erste Tagesetappe endet in der Bucht von Morgiou, die noch spektakulärer in den Felsen eingeschnitten ist. Nur zu gerne würde der ermüdete Wanderer über Nacht dort bleiben, wenn es nur eine kleine Pension gäbe. Aber dann verlöre die Bucht vielleicht auch etwas von ihrem Reiz. Es bleibt nichts anderes übrig, als bis zum Unicampus hinaufzulaufen und dort einen Bus zurück nach Marseille zu nehmen. Nach einem langen Tag in der Natur wirkt die Hafenstadt umso quirliger.
Am zweiten Wandertag scheint der Dinosaurier, auf dessen Rücken man am Vortag noch herumkrabbelte, verstohlen zu grinsen. Als ahnte er, dass es für die Rucksackträger nun richtig anstrengend wird. Die Wanderstöcke werden bald zusammengeschoben, jetzt kommen die bloßen Hände zum Einsatz. Aber der steile Aufstieg wirkt von unten schlimmer, als er ist. Der kalkige Felsen bietet guten Halt, das Klettern ist kaum anspruchsvoller als Treppensteigen.
Dichter Wald von Segelmasten
Zudem sind die Wegmarkierungen frisch überpinselt, alle paar Meter blinken die bunten Streifen auf. Wo sich kein passender Untergrund findet, weisen Steinmännchen die Richtung. Dauernd ändert sich die Perspektive, es fällt schwer, die Halbinseln und Inseln auseinanderzuhalten. Ein frei stehender Felsen namens "Kerze" macht erst im Rückblick seinem Namen Ehre, als er sich zylinderförmig vom Horizont abhebt.
Kurz vor Cassis schweift der Weg eine Weile ins Landesinnere ab, um dann bei Port-Miou wieder auf die Zivilisation zu stoßen. Und was für eine: Der eineinhalb Kilometer lange Meeresarm dient als Jachthafen von Cassis, durch die Kiefern hindurch lässt sich ein dichter Wald von Segelmasten erkennen.
Die letzten paar hundert Meter geht es über die Landstraße, die zu dem kleinen Hafenort führt. Wer nicht auf die Hoteldusche warten mag, kann auch direkt seine Sachen am Strand ablegen und im Meer den Staub der Wanderung abspülen.
Zur Belohnung bummeln die Wanderer am frühen Abend über die Hafenpromenade von Cassis. Für den wohl verdienten Aperitif stehen zahlreiche Cafés zur Auswahl. Etwas anderes als Pastis kommt in der Nachbarschaft von Marseille kaum infrage. Der klare Anisschnaps wird beim Verdünnen mit Wasser milchig-trüb und erfrischt ungemein.
Unaufgefordert bringt der Kellner Oliven und Erdnüsse, eine gastfreundliche Tradition des Südens und ein perfekter Abschluss der zweitägigen Wanderung.
Ulrike Koltermann, dpa
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