Wandern in den Pyrenäen Auf der Flucht vor der Inquisition

Wo einst die Katharer vor den Inquisiteuren flüchteten, müssen Wanderer heute nur wilde Kühe fürchten: Der spektakuläre Weitwanderweg GR-107 führt von Frankreich durch die Pyrenäen nach Spanien  - zu Burgen, Bergdörfern und einer Sterneköchin, die Mittelalter-Speisen auftischt.

TMN

Berga - Es ist nicht immer leicht, ein guter Mensch zu sein. Doch in den Bergen der Pyrenäen kann man zumindest in die Fußstapfen der "guten Menschen" treten, wie sich im Mittelalter die Katharer nannten. Ein spektakulärer Wanderweg, der GR-107, führt von Südfrankreich über die Pyrenäen bis ins spanische Katalonien - genau auf der Route, auf der die abtrünnige Christengemeinde im Mittelalter vor der Inquisition fliehen musste.

Gleich zu Beginn muss der Wanderer schmerzhaft erfahren, dass es nicht leicht ist, den Katharern zu folgen. Der Weg führt mehrere hundert Meter steil hinauf in die Berge. Nur ab und zu gewährt der dichte Laubwald einen Blick auf die Burg von Foix, die Heimat der Christen im Tal von Ariège. Die dicken Festungsmauern des französischen Grafen von Foix hielten dem Ansturm der Kreuzritter im 13. Jahrhundert lange stand. Doch am Ende mussten die Katharer sich zum katalonischen Adel flüchten, der im Zwist mit dem französischen König lag.

Die Katharer sahen Christus als einziges Fundament ihrer Kirche, nicht den Papst. Die Kirche nannte sie "Tiere Satans" - und schickte die Kreuzritter los, sie zu töten. Von der größten religiösen Laienbewegung des Mittelalters leitet sich noch heute die Bezeichnung "Ketzer" ab.

Auf der Flucht vor Kühen

Der zweitägige Marsch bis zu den Ruinen der Burg Montségur führt durch wundervolle Berglandschaften. Ob die Katharer den Weg genossen haben, ist zu bezweifeln. Bis sie die katalanische Seite der Pyrenäen erreichten, waren sie nirgendwo vor der Inquisition sicher. Am Fuße der Katharerburg Montségur wurden am 16. März 1244 rund 250 Männer, Frauen und Kinder auf einem den riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Ein Kreuz erinnert an ihren Feuertod.

Ihr Weg führte durch die wildromantische Schlucht Gorges de la Frau nach Comus. Die Schlucht ist an manchen Stellen nur wenige Meter breit. Rechts und links ragen die Felswände fast senkrecht bis zu 250 Meter in die Höhe. Ins Mittelgebirge bei Chioula führt der Weg über Almen, Wälder und Weiden.

Durch Fichtenwälder und Bergdörfer wie Ascou oder Orlu geht es bis nach L'Hospitalet an der Grenze zu Andorra. Vorbei an rauschenden Gebirgsbächen kämpften sich schon damals die Katharer bis ins Hochgebirge bei Portella Blanca D'Andorra, mit 2519 Metern der höchste Punkt auf dem "Weg der guten Menschen". Ein Granitblock markiert die Grenze zwischen Frankreich, Andorra und Spanien.

Ab hier konnten sich die Katharer langsam sicherer fühlen. Für die Wanderer von heute kann es hingegen heikel werden. Das Vall de la Llosa auf katalanischer ist ein Beispiel dafür, dass die Pyrenäen im Gegensatz zu den Alpen nur wenig erschlossen und sehr ursprünglich sind. Pferde oder Kühe grasen hier das halbe Jahr über völlig alleine, bevor sie im Winter wieder ins Tal getrieben werden. Es kommt schon einmal vor, dass sie vorbeiziehende Wanderer verfolgen, um ihr Terrain zu verteidigen. Der Vorteil: Man ist schneller unten. Der Nachteil: Man verpasst die Bilderbuch-Bergwelt.

Kornfelder, Kirchen, prachtvolle Brücken

Immer häufiger machen Wiesen dichten Wäldern Platz. In der Ferne sieht man ab und zu Herden von Gemsen und Greifvögel. Schmetterlinge flattern um die Orchideen am Wegesrand. In Prullans, einem der typischen katalanischen Pyrenäendörfer, riecht es nach Feuerholz. Die Häuser sind aus massiven Steinen gemauert.

In Bellver de Cerdanya in der Region Lleida setzte sich einst Graf Nunó Sanç für die Katharer ein. Majestätisch liegt das Dorf mit seinen mittelalterlichen Gassen auf einem Hügel. Im Hintergrund erheben sich die Steilwände des Naturparks Cadí-Moixeró. In der flachen Ebene um Bellver zieht der Wanderer inmitten von Kornfeldern immer wieder an alten Kirchen vorbei.

Ein Fotomotiv folgt aufs andere: malerische Dörfer wie Gréixer und Bagà mit ihren prachtvollen Brücken, Kirchen und Kapellen. Hier siedelten sich viele Katharer an. Der Freiherr von Pinós und Mataplana war einer ihrer größten Beschützer. In seinem Palast in Bagà ist heute das lohnenswerte "Zentrum für das Mittelalter und die Katharer" untergebracht.

Wenn man nicht schon zuvor einem guten Menschen auf dem Weg begegnet ist, trifft der Wanderer spätestens hier in Bagà auf einen. Im "Molí del Casó", einer restaurierten und zum Landhaus umgebauten Wassermühle aus dem 14. Jahrhundert, empfängt Conxita jeden mit offenen Armen. Die lebensfrohe Köchin führte lange ein Luxus-Catering-Unternehmen in Barcelona. Dann wurde ihr ein Krebstumor diagnostiziert. Sie ließ alles stehen und liegen, kam zurück in ihr Heimatdorf und machte aus der alten Wassermühle am Bastareny-Fluss ein Gästehaus mit Restaurant.

"Dieser Ort hat etwas Besonderes", sagt Conxita. "Die Natur und vor allem die Ruhe haben mir geholfen, wieder gesund zu werden." Enthusiastisch zeigt sie den Besuchern ihren Kräutergarten. Es duftet nach Lavendel, Rosmarin, Pfefferminz. Gleich daneben pflanzt sie ihr eigenes Gemüse an. Seit Jahren kocht die ehemalige Sterneköchin die vegetarischen Katharer-Rezepte aus dem Mittelalter nach. In ihrem Landhaus hat sie eine kulinarische Bibliothek. Gegessen wird mit Holzlöffeln bei Kerzenschein - ganz im Stil des Mittelalters.

Picasso auf dem Dorfplatz

Am 2497 Meter hohen Massiv des Pedraforca führt der Weg bis zum Bergdorf Gósol mit seiner teilweise noch erhaltenen Burg aus dem 11. Jahrhundert. In der Festung nahm der Graf von Pinós damals die Katharer auf. Auch Pablo Picasso suchte in Gósol wegen einer Krankheit Unterschlupf. Er verliebte sich so sehr in das alte Dorf, dass er 1906 mit seiner Lebensgefährtin Fernande Olivier einen ganzen Sommer hier verbrachte und viele seiner Werke malte - vor allem Landschaftsmalereien und Darstellungen des bäuerlichen Lebens. Dazu gehört auch das berühmte Gemälde "Frau mit Broten". Die Frauengestalt, die angeblich seiner Geliebten Fernande ähnelt, steht heute als Bronzenachbildung auf dem Dorfplatz.

Hinter Gósol führt der Weg wieder in die einsame Gebirgswelt Kataloniens. Auf den schmalen Waldwegen trifft man auf Pilzsammler. Das Ziel des Wegs, das Sanktuarium von Queralt in Berga, ist nur noch wenige Stunden entfernt. Hier erwartet die gotische Madonna aus dem 14. Jahrhundert die Wanderer. Einmal angekommen, genießen sie die spektakuläre Aussicht aus 1200 Meter Höhe - und denken wohl darüber nach, ob sie auf dem "Weg der guten Menschen" auch zu einem besseren Menschen geworden sind.

Manuel Meyer, dpa



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
kyon 12.05.2011
1. Lehrpfad
Zitat von sysopWo einst die Katharer vor den Inquisiteuren flüchteten, müssen Wanderer heute nur wilde Kühe fürchten: Der*spektakuläre Weitwanderweg GR-107 führt von Frankreich durch die Pyrenäen nach Spanien* - zu Burgen, Bergdörfern und einer Sterneköchin, die Mittelalter-Speisen auftischt. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,762083,00.html
Jeder Katholik sollte statt nach Rom erst einmal dorthin "pilgern" und diesen Weg, den die "Tiere Satans" fliehend gehen mußten, ablaufen. Vielleicht würde sich dann die Reise nach Rom erübrigen.
Thorbjoern, 12.05.2011
2. Aw:
Animateure und Requisiteure mags ja geben, Herr Meyer, Inquisiteure aber ganz bestimmt nicht.
billger 12.05.2011
3. gut Essen und alt werden
Zitat von sysopWo einst die Katharer vor den Inquisiteuren flüchteten, müssen Wanderer heute nur wilde Kühe fürchten: Der*spektakuläre Weitwanderweg GR-107 führt von Frankreich durch die Pyrenäen nach Spanien* - zu Burgen, Bergdörfern und einer Sterneköchin, die Mittelalter-Speisen auftischt. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,762083,00.html
Ist das nicht die Gegend, wo die Leute so eine enorme Lebenserwartung haben? Da wäre ja mal noch interessant gewesen, konkret zu wissen, was die denn da so futtern - gerade bei dieser Sterneköchin.
Oberbefreiter B. 12.05.2011
4.
Zitat von ThorbjoernAnimateure und Requisiteure mags ja geben, Herr Meyer, Inquisiteure aber ganz bestimmt nicht.
Das müssen Sie dem Moderateur überlassen ;)
berndschlüter 12.05.2011
5. Der Kampf der Kirche für Macht und gegen die Menschlichkeit
Die schlimmsten Verfolgungen der reformwilligen Christen fanden nicht etwa in Spanien statt, wie oft behauptet wird, sondern in Frankreich und Deutschland. Die Katharrer wurden regelrecht abgeschlachtet und auch die Waldenser mussten schließlich den vermeintlich sicheren Hafen Nordspanien verlassen. Waldenser finden wir heute in Piemont in der der Nähe von Turin, in Süddeutschland, der Schweiz und in einigen Gemeinden, die in der Welt zerstreut sind. Unfassbar, wie man diese friedlichen Menschen verfolgen konnte. Unfassbar auch, dass ich immer noch Mitglied der römisch katholischen Kirche bin. Dabei steht die Himmelstür offener, wenn man austritt. Deutschland wurde auch durch Hexenverbrennungen bekannt, allerdings durch mehrere Konfessionen begangen. Die bekannteste Hexenverbrennung war dann die Verfolgung der Juden nach 1933, die meisten Opfer waren in den Ländern östlich von Deutschland zubeklagen. Man fand in der dortigen Bevölkerung willige Unterstützer für den Mord. In Spanien stieß man bis auf die Zeit des Bürgerkriegs meist noch auf eine gewisse Menschlichkeit, die bei der Behandlung der Indios in Süd und Mittelamerika an ihre Grenzen stieß. Unter Heinrich IV von Navarra gelangte schließlich ein nordspanischer Protestant auf den französischen Thron, der sich dann aber der päpstlichen Übermacht unterordnen musste. In der Zeit der Reformationskriege, zu denen ich auch die des 12.Jahrhunderts zähle, konnte sich der Islam ungehindert ausbreiten, da der römische Papst die Unterordnung der orthodoxen Ostkirche verlangte. Dieser Gesichtspunkt wird oft nicht beachtet. Der Islam fand in Spanien eine ausgesprochen tolerante Ausprägung. El Andaluz wurde zum Kulturellen Mittelpunkt Mitteleuropas, verfolgt von der katholischen Kirche. Selbst Nicolaus von Kues konnte ein Lied davon singen. Er hatte Kontakt zu vielen Aufklärern. So zu Francis Bacon. Wissen galt damals als Ketzerei. Bernd Schlüter
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