Wandern in der Schweiz Neue Wege braucht das Land

Rund 62.000 Kilometer Wanderwege hat die Schweiz, doch bislang wurden sie eher routinemäßig gepflegt. Jetzt wollen die Tourismusregionen die Routen ausbauen. Ambitionierte Projekte sollen neben Wanderern auch Mountainbiker, Paddler und Skater anlocken.

Von Marco Volken


Es sind diese Momente, die man nicht so schnell vergisst. Man sitzt also mitten im Tessin auf einer Bergkuppe, ahnt nichts Böses, genießt die Ruhe, lässt die Gedanken schweifen und schaut über die vielen Bergkämme im Sommerdunst Richtung Südtessin und Italien. Und hört plötzlich dieses Geräusch: zuerst ganz leise, bald schon lauter und deutlicher, irgendwie melodiös und vertraut, aber doch recht fremd und wie von sehr weit hergeholt. Woher kennt man diese Töne bloß? Auf einmal marschiert eine mittelgroße Gruppe Schottischer Dudelsackpfeifer in ihrem arttypischen Karo ins Bild und bläst, was die Säcke hergeben. Halluzination ausgeschlossen; der Berg ist nicht hoch genug. Mit freudigem Winken machen die wandernden Musikanten auf sich aufmerksam. Als könnte man sie nicht zur Kenntnis nehmen, hier oben zwischen den Monti del Tiglio und dem Matro, fernab von Loch Ness und Sgurr na Lapaich.

Was sie denn bloß auf diesen mittelmäßigen Aussichtspunkt über Bellinzona verschlagen habe, will der Halbeinheimische wissen. Nicht genau dieser Punkt sei das Ziel ihrer Reise, erhält er zur Antwort. Sie befänden sich vielmehr auf der Durchreise. Das Ziel liege bei den Toren Roms, der ewigen Stadt. Und das Thema ihrer Reise sei der "European Long Distance Path E1". Der was? Europäischer Fernwanderweg E1, nie gehört. Ja, sie hätten zwar auf dem E2 in Schottland begonnen, hinter Belgien aber zum interessanteren E1 gewechselt.

Es ist beschämend. Da hatte ich mir jahrelang etwas eingebildet auf meine Kenntnis der Wanderwege in der Schweiz und erkenne mit einem Mal, dass Nichtschweizer auf etablierten Routen durch das Land ziehen, ohne dass ich etwas davon weiß. Und wie es wohl kommt, dass auch meine wandernden Miteidgenossen nichts Konkretes von E1 und Konsorten wissen?

Fernwanderwege aller Art fristeten in der Schweiz bis vor vier, fünf Jahren ein stilles Dasein, hart an der Mauerblümchengrenze. Wohl wusste man um die Existenz eines Walserweges, wohl hörte man von Kollegen, die auf gewissen Etappen der GTA in Italien oder auf den GRs in Frankreich unterwegs gewesen waren. Aber im Volksbewusstsein waren der Pacific Crest Trail in den USA, der Abel Tasman Coastal Track in Neuseeland wie auch der Inca Trail in Peru stärker verankert als die Tatsache, dass auch die Schweiz von großen Fernwanderwegen durchzogen wird.

Dass sich die Schweiz über lange Jahre kaum aktiv an der Entwicklung solcher großen Wanderrouten beteiligte, und warum sie hierzulande nie richtig populär wurden, hat viele Gründe: Auf der einen Seite fühlen sich SchweizerInnen traditionell einem bestimmten Wandergebiet moralisch verpflichtet. Dem halten sie die Treue, dort quartieren sie sich immer wieder ein und gehen von ihrer Unterkunft aus sternförmig auf Wanderschaft. Jahr für Jahr. Andererseits hat in den letzten Jahren der Tagestourismus zugenommen. Die immer bessere Erschließung der Bergtäler bis in die hintersten Ortschaften verkürzt die Fahrzeiten zum Teil erheblich. Darüber hinaus ist der stark ausgeprägte, urschweizerische Föderalismus allen überregionalen, geschweige denn länderübergreifenden Projekten nicht gerade förderlich.

Ein neuer Wind in der eidgenössischen Wanderszene

Kantone und Regionen schauten auch beim Thema Wanderrouten lange Zeit vor allem auf sich selbst und interessierten sich herzlich wenig für die Aktivitäten der Nachbarn. Trendige Namen beeindrucken das Gros des Wanderpublikums wenig. Schweizern ist es gleichgültig, ob sie den Bernina-Trek erwandern oder einfach das fast allgegenwärtige, alles in allem rund 62.000 gut markierte Kilometer umfassende Wanderwegnetz benützten, um von St. Moritz aus über die SAC-Hütten Coaz, Tschierva und Boval zum Berninapass zu gelangen.

Weil sie um dieses immense, gut unterhaltene Wanderwegnetz wissen, das sie in einem noch so langen Wanderleben nie und nimmer abspulen könnten, haben sie eigentlich wenig Anlass, nach "offiziellen" Fernwanderwegen zu suchen. So lange die Inlandstouristen die Hauptzielgruppe der Wegbauer waren, so lange hatte der Fernwanderer in der Schweiz einen schweren Stand. Seit aber die großen Tourismusregionen gemerkt haben, dass mit etwas mehr Gästen aus dem Ausland die primär für den Wintertourismus sehr üppig dimensionierte Beherbergungsindustrie in den Fremdenverkehrsorten auch im Sommer und Herbst besser ausgelastet werden kann, weht ein anderer Wind durch die eidgenössische Wanderszene.

Ausländische Besucher buchen langfristig, darum reagieren sie weniger wettersensibel als das einheimische Publikum und greifen oftmals noch tiefer ins Portemonnaie als Herr und Frau Schweizer. Das Wissen, mit einem halbwegs naturbelassenen Alpenraum im Europa des 21. Jahrhunderts gute Marktchancen bei Millionen Touristen aus aller Welt zu haben, brachte einen gewissen Umschwung ins regionale Denken. Die Änderungen sind vielerorts nicht mehr zu übersehen: Einige Wegweiser geben auf den ersten Blick kaum noch zu erkennen, wohin sie eigentlich weisen. Je nach Standort enthalten sie nämlich eine ganze Reihe von Routennamen, Etappennummern und Farbsymbolen zusätzlich. Vom Logo der Via Alpina über den Schriftzug für den Sentiero Alpino Calanca bis zum Timberland Trail.

Vom Pinselstrich zur markierten Konformität

Solches war im Schweizerland noch bis vor kurzer Zeit undenkbar, denn am Anfang allen normgerechten Wanderns in Helvetien steht nichts weniger als die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Artikel 88 regelt darin die Grundsätze des Fuß- und Wanderwegnetzes. Wohl ist das ein Unikum, aber immerhin entstanden daraus schon vor 20 Jahren das Gesetz und die entsprechenden Ausführungsverordnungen, welche die Kompetenz in Sachen Wanderwege an die Kantone übertrug und Richtlinien für die Normierung der Wegmarkierungen und Wegweiser erließ. Und dies ist denn auch der Grund, weshalb die bunten Pinselstriche, mit denen jeder Verkehrsverein oder Hüttenwart seine Wege kennzeichnete, damals verschwunden sind. Jetzt herrscht die markierte Konformität. Und kaum hat man sich an sie gewöhnt, schleichen sich anwieder neue Logos auf die gelbe Tafel. Damit alle wissen, dass sie sich auf dem TransSwissTrail I und II, der Tour du Monte Rosa oder auf der Alpenpassroute quer durch die Schweiz befinden.

Treibende Kraft hinter all den klingenden Namen sind neben privaten Interessegruppen auch die Dachorganisation der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Wanderwege. Sie spielt eine zunehmend aktive Rolle in der Vermarktung und Neupositionierung des Produkts Wandern. Die 1998 schon auf anderem Gebiet begonnen wurde: "Veloland Schweiz" hieß das Produkt, das die Radurlauber auf neun, die Schweiz in ihrer Länge und Breite durchziehende Routen kanalisierte, und über ein zentrales Marketing in In- und Ausland bekannt gemacht wurde. Das System - mit einheitlicher Markierung und ausführlichen Broschüren, die Übernachtungsmöglichkeiten ebenso wie Sehenswürdigkeiten auflisteten - funktionierte auf Anhieb so gut, dass in den letzten Jahren noch 50 regionale Velo-Routen dazu genommen werden konnten. 2004 zählte man neben vier Millionen Tagesausflüglern bereits 170.000 Mehrtagesreisende, die auf diesen Radrouten über 40 Millionen Kilometer zurücklegten.

Startschuss im Frühjahr 2008

Dabei übernachteten die Weitradler rund eine halbe Million Mal in Hotels und anderen Übernachtungsstätten; über 75 Millionen Franken wechselten dabei den Besitzer. Ergänzt durch die Ausgaben der Tagesausflügler spülte das Produkt Veloland Schweiz entlang der nationalen Routen über 130 Millionen Franken in die Kassen der lokalen Wirtschaft. Radurlauber wurden dadurch erstmals als ein wirtschaftlich lohnendes Gästesegment im Ferienland Schweiz wahrgenommen. Allenthalben reifte die Einsicht, dass auch bei anderen so genannten HPM- (Human Powered Mobility) Fortbewegungsarten wie Wandern, Mountainbiken, Paddeln oder Skaten Potenziale schlummerten. Schon 1998 erweiterte man die Zielsetzung in Richtung "Entwicklung von nachhaltigen Freizeit- und Tourismusangeboten im Bereich HPM, insbesondere in Kombination mit öffentlichem Transport". Erklärter Anspruch ist es nun, die Schweiz bis anno 2008 auf diesem Gebiet weltweit zur Nummer Eins zu machen.

Das Mittel dazu heißt: "SchweizMobil". Darunter fallen Planungsarbeiten zu einer Angebotspalette "Wanderland Schweiz", "Mountainbikeland Schweiz", "Skatingland Schweiz" und "Paddelland Schweiz" in Ergänzung zum bereits weit fortgeschrittenen "Veloland Schweiz". Das Angebot ist das Eine, die Vernetzung der Angebote und die Verbreitung der guten Botschaft das Andere. Die Wander-, Mountainbike-, Paddel- oder Skatingangebote zu vernetzen, obliegt so genannten Serviceorten. Dort laufen die verschiedenen Routen zusammen, dort kann von einer HPM-Fortbewegungsart zu einer an Ausderen gewechselt werden. Für die Kommunikation der Angebote wird das Internet Dreh- und Angelpunkt sein. Schweiz Tourismus und Schweizer Bundesbahn (SBB) treiben entsprechende Projekte voran, bei denen die SBB Tür-zu-Tür-Fahrpläne liefern und den Einbezug von Bus, Tram, Schiff, Taxi sowie verschiedenen lokalen Car-Sharing-Angeboten sicherstellen soll; Schweiz Tourismus steuert Veranstaltungshinweise, Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Ausflugsvorschläge, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten neben vielen andere Teilaspekten des Rundumservices bei.

Allein im "Wanderland Schweiz" plant man ein knappes Dutzend Routen kreuz und quer durchs Land. Zusammen mit den anderen Geschäftsfeldern von "SchweizMobil" möchten die Planer so für fast 1,5 Millionen zusätzliche Übernachtungen sorgen. Da bleibt finanziell natürlich einiges liegen, auf der Aufwand-, hoffentlich aber auch auf der Ertragseite. Da die Finanzierung nun gesichert ist, wird mit Volldampf weiter mobilisiert. Im Lauf des Jahres 2006 sollen die Planungsarbeiten abgeschlossen werden und ab Frühjahr 2008 bereits wesentliche Teile des Konzepts für ein breites Publikum benutzbar sein.



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