Wandern zwischen Steiermark und Slowenien Erst Germkipferl, dann Gibanica-Strudel

Früher patrouillierten hier jugoslawische Soldaten, heute führen zahlreiche Wege über die grüne Grenze zwischen Slowenien und Österreich. Zur Herbstlese taumelt so mancher Wanderer von einer Buschenschank zur nächsten.

Claus Hecking

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Der Grenzpanoramaweg macht seinem Namen alle Ehre. Rechts und links des Wanderpfads fallen die Weinhänge steil in die grüne Tiefe ab. Nach Norden reicht die Aussicht bis hin zu den Ausläufern der österreichischen Alpen. Im Süden erstreckt sich Sloweniens sanft geschwungene Hügellandschaft.

Es duftet nach frisch gemähtem Gras. Bunte Schmetterlinge wirbeln durch die Luft, am Wegesrand Weinstöcke mit reifen Trauben und lilafarbenen Brombeeren. Nur die Grenzsteine geben einen Hinweis, in welchem Land man gerade steht: Die Buchstaben "RS" markieren slowenisches Staatsgebiet, "OE" steht für die österreichische Steiermark.

Beim Örtchen Ratsch verlief einst die streng bewachte Grenze zwischen Jugoslawien und Österreich. Dort patrouillierten Soldaten der jugoslawischen Armee, um Ostblock-Flüchtlinge, verirrte Wanderer oder andere Grenzverletzer festzunehmen und zu verhören. Knapp 30 Jahre später sind Uniformierte an dieser Stelle nur selten zu sehen, dafür führen immer mehr Wanderwege über die grasgrüne Grenze.

Glanz, der Nachbarort von Ratsch: In der Buschenschank von Herbert Germuth sitzen an diesem Morgen nur zwei Gäste auf der Terrasse hoch über den Weinbergen. Das Pärchen aus Wien kommt seit Jahren her. Vor ihnen stehen zwei Gläser mit eisgekühltem Traubensaft. "Der kommt von den Zweigelt-Stöcken da vorn", sagt der Hausherr und deutet auf den Hang unter der Terrasse.

Der 52-jährige Germuth ist hauptberuflich Winzer - Wirt und Zimmervermieter ist er nur nebenbei. "Von der Buschenschank alleine könnten wir gar nicht leben", sagt er. "Hauptidee dieses Betriebs ist, die Gäste hierher zu bekommen, um unseren Wein zu verkaufen." Muskateller, Welschriesling, Weißburgunder, Blauer Zweigelt oder Morillon hat er im Angebot.

Wie er machen es die meisten hier. 120 Buschenschanken - kleine Gastwirtschaften mit hausgemachten kalten Speisen und Säften - gibt es an der "Südsteirischen Weinstraße", wie sich die Region nennt. Sie dienen vor allem der Vermarktung der hauseigenen Produkte. Denn für den Großvertrieb an Supermärkte oder Weinhandlungen sind die meisten Betriebe hier zu klein.

Buschenschanken haben in Österreich Tradition seit 1784. Da erlaubte Kaiser Josef II. den Winzern, ihren Wein gegen Geld auszuschenken. Später kamen auch Speisen dazu, die aber nie warm serviert werden durften.

So ist das bis heute: Statt Grillplatte gibt es eine Brettljause mit kaltem Schweinsbraten, Brüstl, Käse, Topfenaufstrichen, Kürbiskernen und geriebenem Kren. Statt Pommes gibt es selbstgebackenes Brot und Erdäpfel- oder Käferbohnensalat. Statt Cola frischen Ribisel-, Apfel- oder Holundersaft. Und als Dessert hausgemachte Mehlspeisen: Buchteln, Germkipferl, Topfenstrudel. Oder einfach frische Trauben von nebenan.

Kürbiskernöl auf Vanilleeis - klingt komisch, schmeckt sinnlich

Am Fuße der Weinberge liegen im Spätsommer überall dicke gelbe steirische Ölkürbisse. "Fett armer Leute" wurde das Kürbiskernöl früher genannt, zum Braten ist es ungeeignet. Heute kostet ein Liter um die 20 Euro. Für die kalte steirische Küche ist der dunkelgrüne Stoff mit seinem nussig-süßlichen Röstaroma unabdingbar. Zu Salaten, auf Broten oder pur. Und Vanilleeis mit frischer Sahne ist übergossen mit ein paar Tropfen Kernöl ein besonderes Erlebnis.

Dominierten in den Buschenschanken früher hauptsächlich schwere Speisen, findet man heute auch Leichteres auf der Speisekarte: Räucherforellen-Terrine, Schafsfrischkäse mit Bärlauchpesto oder Salate. Diese bereitet Germuths Mutter zu, die Mehlspeisen backt die Ehefrau, und ein Sohn stellt schon erste eigene Weine her.

Die Herbstlese ist Hochsaison. Dann herrscht an sonnigen Wochenenden auch mal Verkehr auf der Weinstraße, man trifft andere Wanderer auf den ausgeschilderten Wegen. Diese führen von einer Buschenschank zur nächsten, auf und ab, oft mitten durch die Weinberge. Im Spätsommer, wenn die Stöcke voll hängen mit reifen Trauben, erliegt mancher Wanderer der Verlockung.

Die Winzer wissen, dass die Touristen naschen. Sie tolerieren es. "Die Gäste sollen hautnah die Südsteiermark erleben", sagt Germuth. "Oft fragen sie dann: 'Ich habe diese Traube unterwegs gesehen, kann ich mal den Wein probieren?'"

Frösche, Störche und Kübelfleisch

Wenn Germuth nach Slowenien will, muss er nur seinen Hang hinabgehen und den nächsten wieder hinauf. Vor dem Weingut Dreisiebner hängt Wäsche zwischen zwei Bäumen an einer Leine. Darunter picken weiß gefiederte Hennen und ein Hahn nach Essbarem. Auf der Terrasse des Gehöfts ist noch nichts los. Aber wenn man klingelt, kommt Andrea Stajan sofort.

"Was darf ich bringen?", fragt sie auf Deutsch mit hartem Akzent. Die 33-Jährige führt zusammen mit ihrem Mann den Weinhof in der fünften Generation. Ihre Wurzeln hat die Familie in Österreich, wo entfernte Verwandte auch einige Dreisiebner-Höfe führen.

Andrea Stajans Speisekarte ist typisch slowenisch: Zwiebelbrot und Hirschsalami, Kübelfleisch und Gibanica, der "Vierlingsstrudel" mit Äpfeln, Mohn, Sauerrahm und Walnüssen. Und da auf dieser Seite der Grenze kein Buschenschank-Gesetz gilt, kocht sie auch Braten, Pilzragouts oder ganz frisches Huhn.

Als Wein empfiehlt Stajan den hauseigenen Gewürztraminer. Der wächst ein paar Meter weiter unten: gelb-rötlich gefärbte Trauben, die besonders süß schmecken und auf der Zunge ein leichtes Raucharoma hinterlassen.

Während auf der österreichischen Seite fast jedes größere Weingut herausgeputzt ist, sieht es in Slowenien so aus wie nördlich der Grenze vor 30 Jahren. Wege sind geschottert statt geteert, der Putz blättert ab von manchen Gehöften, nicht jeder Hang ist mit Wein bebaut. Mit etwas Glück erblickt man hier Störche, hört Frösche quaken, riecht den Duft der Wildblumen - und schmeckt die Brombeeren, die sich im Spätsommer widerstandslos pflücken lassen.

Südsteirische Weinstraße
Anreise
Mit dem Auto: Über die A3 Passau-Wels oder über die A8 München-Salzburg Richtung Liezen nach Graz. Von dort aus etwa eine halbe Stunde auf der österreichischen A9 Richtung Slowenien bis zu den Abfahrten Leibnitz oder Vogau-Straß.
Mit dem Flugzeug oder Zug: Nach Graz, dann vom Flughafen oder Hauptbahnhof die S5 Richtung Leibnitz bis Ehrenhausen nehmen. Von dort aus weiter per Taxi; viele Hoteliers holen ihre Gäste auch ab.
Infos / Unterkünfte
Tourismusverband "Die Südsteirische Weinstraße",
Arnfelser Straße 10,
A-8463 Leutschach an der Weinstraße,
Telefon: +43 3454 7070,
E-Mail: info@suedsteirischeweinstrasse.at
Beste Reisezeit
April bis Ende Oktober. Touristische Hochsaison an der Weinstraße ist im Herbst, dann kann es an sonnigen Wochenenden wegen vieler Tagesgäste auch mal voll werden. Die übrige Zeit des Jahres ist es fast immer angenehm leer in den Buschenschanken und auf den Wanderwegen. Viele Betriebe schließen zwischen Mitte November und Mitte März.

Lange gab es hier im Nordosten Sloweniens so gut wie keinen Übernachtungstourismus. Mittlerweile bieten einige Weingüter und Gasthöfe Zimmer an. Und wenn jemand eines Abends kein Bett mehr finden sollte, kann er auf der österreichischen Seite weitersuchen. Die Grenze ist ja immer nur ein paar Minuten entfernt. Und heute wunderbar unbewacht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Grenze zwischen Österreich und Jugoslawien habe zum sogenannten Eisernen Vorhang gehört. Das ist nicht korrekt: Jugoslawien gehörte ab 1948 nicht mehr zum Ostblock.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
ge1234 04.09.2017
1. Wenn Praktikanten schreiben...
Eiserner Vorhang? Slowenien war zwar Teil des damaligen Jugoslawien, der eiserne Vorhang verlief aber nicht an der Grenze zwischen Österreich und dem damals zwar sozialistischem, aber dem dem Ostblock nicht zugehörigem, sog. blockfreien Jugoslawien!
bumbu 04.09.2017
2. „Eiserner Vorhang“?
Wie ge1234 schon schrieb: Jugoslavien war nie Teil des Ostblocks sondern wie Österreich blockfrei. Als Kind habe ich die Grenze oft überquert (Verwandte in Maribor), dazu war nie mehr notwendig als ein Reisepaß. Der Eiserne Vorhang begann ein paar Kilometer weiter östlich, an der burgenländisch–ungarischen Grenze (die allerdings noch vor dem Fall der Mauer ziemlich porös wurde).
RacingGreen 04.09.2017
3. Schöner Bericht
Ich war dieses Jahr mit dem Wohnmobil in Slowenien nahe der österreichischen Grenze unterwegs. Man kann dort super Mountainbike/Rad fahren und gut essen. Die Region scheint zu boomen - zu Recht
reineralex 04.09.2017
4. Es ist schön da zu wohnen, wo andere Urlaub machen
*schmunzelt* ...und die Sonne scheint!
Danares 05.09.2017
5. wo andere Urlaub machen
Zitat von reineralex*schmunzelt* ...und die Sonne scheint!
Dann seid doch froh, an einem schönen Ort zu wohnen und hört auf mit dem Neid auf die südlichen Nachbarn, nur weil sie nunmal mehr Küstenkilometer haben und die meisten Touristen das Land Slowenien halt lediglich beim Transit erleben. Hättet Ihr Autobahnen bis Rupa (von Kozina bzw. Postojna), dann gäbe es auch weniger Stau auf den Bundesstrassen durch die einzelnen Dörfer...
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