Wanderreiten in den Pyrenäen Meditation im Sattel

Schritt für Schritt in die Pyrenäen: Auf alten Schmugglerpfaden balancieren Reiter an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien entlang. Ihr Wanderritt führt über Grate und Gipfel, durch Nebel und Regen - und in eine phantastische Bergwelt.


Saint-Jean-Pied-de-Port - Einst kannten nur Bauern und Schmuggler die Pfade durch die Pyrenäen. Und auch heute sind auf den Bergen an Frankreichs Grenze zu Spanien kaum Menschen anzutreffen, dafür aber viele Schafe, Kühe und Pferde. Alle laufen frei umher. Reisende zu Pferde passen gut in das Bild.

In der Nacht vor dem Aufbruch zu einem einwöchiger Ritt in die Berge gibt es ein heftiges Gewitter. Schwere Wolken regnen sich am Rande des Gebirges ab. Auch am Morgen nieselt es noch. Eingepackt in Regenponchos, satteln die Reiter die Pferde. Die Hufe hallen laut auf dem Kopfsteinpflaster des mittelalterlichen Städtchens Saint-Jean-Pied-de-Port am Fuße der westlichen Pyrenäen.

Hier beginnt auch die letzte Etappe des Jakobswegs auf französischem Boden. Die berühmte Pilgerroute führt über die Berge nach Spanien. So kreuzen mit Rucksäcken bepackte Pilger die Hufspur. "Auch sie praktizieren diese Art des Reisens im Schritttempo wie wir auf dem Pferderücken", sinniert die Reiterin Sylvie Chaumier.

Der Aufstieg ins Gebirge ist harte Arbeit für die Pferde, Wolken umringen die Reitergruppe. Von weitem sind winzige weiße Punkte in der grünen Wiesenwelt auszumachen - beim Näherkommen entpuppen sie sich als Schafe. Ihr Hirte ist nicht weit und trägt standesgemäß die Baskenmütze und einen Holzstab. "Diese Reittour durch das französische Baskenland ist auch eine Reise in die Traditionen der Basken", bemerkt Sylvie bei diesem Anblick.

Bis zu acht Stunden im Sattel

Das Mittagessen wird auf dem Col de Munhoa, einem Berggipfel in 1021 Metern Höhe, im Nebel eingenommen. "Wir sind von einer phantastischen Bergwelt umgeben, auch wenn man heute nichts sieht", versichert die Rittführerin Sarah Dubreuil. In solchen Situationen hilft nur die Vorstellungskraft - und Wein zum Aufwärmen. Am Ende gibt es - typisch baskisch - Brebis-Käse aus roher Schafsmilch mit Marmelade von schwarzen Kirschen und danach baskischen Kuchen.

Von hier schlängelt sich der Pfad durch einen Buchenwald ins Tal. Der Regen hat den Boden aufgeweicht; die Reiter steigen ab, um die Pferde zu führen. Es ist rutschig, auch für die Vierbeiner. "Das ist eben nicht die Champs-Elysées", sagt Debbie Williamson aus den USA. "Aber gerade diese Herausforderung gefällt mir beim Wanderreiten: sich ständig auf die Gegebenheiten der Natur einstellen zu müssen."

Die Gruppe verinnerlicht schnell den Rhythmus der Woche, einer Gebirgsreise zu Pferde: Aufsitzen am Morgen; fünf, sechs und manchmal acht Stunden unterwegs sein; den Berg rauf, den Berg runter. Beim Anblick der Landschaft wird das rasch zur Meditation im Sattel.

An einem Tag reitet die Gruppe an der französisch-spanischen Grenze entlang. Es ist eine grüne Grenze mit Farnen, lila blühendem Heidekraut und Glockenblumen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. "Früher transportierten hier Schmuggler heimlich Alkohol", erzählt Sarah, die an der Spitze reitet. Heute haben die Drogenhändler längst neue Wege gefunden.

Die Pyrenäen zu Füßen

Jeden Abend übernachten Pferde und Reiter in einem baskischen Dorf auf der Strecke. Ob Espila, Urepel, Saint-Etienne-de-Baîgorry oder Ainhoa: Die roten und grünen Fachwerkbalken und Fensterläden ihrer Häuser stechen ins Auge. Der Stolz jedes Ortes ist die Fläche für Pelote, eine traditionelle Ballsportart und die große Leidenschaft der Basken. Eine Schulklasse trainiert gerade lautstark.

Obwohl der Lederball schnell durch die Luft schießt, bleiben die Pferde hier gelassen. Jedoch werden die sonst nicht aus der Ruhe zu bringenden Wanderreitpferde etwas nervös, als am Tag darauf zwei Schweine mitten am Berg den Weg blockieren. Da der Pfad schmal ist und niemand ausweichen kann, müssen die Reiter die Eber vor sich hertreiben.

Inzwischen brennt die Sonne, die Pferde folgen einem Weg nahe am Abgrund. Ruhig bleibt da der Reiter, der Vertrauen zu seinem Ross hat - auch wenn in der Luft Geier ihre Kreise ziehen. Ihr Ausblick auf die Berge und Täler dürfte nicht viel besser sein als jener der Reiter. Dann erreicht die Gruppe den Grat einer Bergkette. Der Wind zerzaust die Mähnen. Die Pyrenäen liegen den Reitern auf beiden Seiten des Bergkamms buchstäblich zu Füßen. Der Weg führt in Richtung Westen, und in der Ferne funkelt das Ziel: der Atlantische Ozean.

Auf der nächsten Kuppe ist eine Herde Pferde zu erkennen. "Sie wirken wie Einhörner auf einem Zauberberg", sagt Sylvie fasziniert. Die Reiter kommen ihnen immer näher und sind schon bald umringt von neugierigen Pottoks. "Das ist die alte baskische Pferderasse", erklärt Sarah. "Diese robusten Kleinpferde sind mit den Urpferden nahe verwandt." Wie in Urzeiten grasen die halbwilden Ponys in einer ursprünglichen Berglandschaft, die völlig ohne Zäune auskommt.

Daniela David, dpa



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