Almauftrieb in der Lombardei Schafe, überall Schafe

Schafe knabbern am Vorgarten und blockieren Straßenzüge: Zweimal im Jahr treiben Hirten in Norditalien ihre Herden auf die Almen - und durch Städte und Dörfer. Der Fotograf Stefano Carnelli ist mitgewandert.

Stefano Carnelli / Parallelozero

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Was haben Schafe mitten in einer Wohnsiedlung zu suchen? Warum trippeln die Tiere über eine Straße und durch ein Industriegebiet? Zweimal jährlich kann man dieses Schauspiel in der Lombardei, in Norditalien, beobachten - immer dann, wenn Wanderhirten ihre Herden die Berge hinauf- oder hinuntertreiben.

Die Transhumanz oder Wanderweidewirtschaft ist eine jahrhundertealte Tradition, die im März sogar vom italienischen Landwirtschaftsministerium als immaterielles Weltkulturerbe der Unesco vorgeschlagen wurde - und unter anderem in der Lombardei immer noch gängig ist.

Rund 60 Hirten sind heute noch mit ihren Schafen in der Region unterwegs. Jeder von ihnen besitzt zwischen 1000 und 1500 Tieren. Die meisten bringen ihre Herden nicht mehr per Fuß auf die Berge, sondern mit einem Lastwagen, von einer kleinen Gruppe von Hirten wird allerdings immer noch der traditionelle Almauftrieb praktiziert.

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Durch Siedlungen und Industriegebiete: Schäfer mit ihrer Herde

Der Fotograf Stefano Carnelli hat acht dieser Männer 18 Monate lang immer wieder besucht und sie begleitet, als sie ihre Tier in langen Wanderungen im Frühjahr hoch in die Alpen und im Herbst zurück in die Po-Ebene bringen. Oben wie unten wechseln sie permanent die Weideplätze und legen täglich viele Kilometer zurück.

Die Arbeitstage der Hirten beginnen mit Sonnenaufgang: Sie treiben die Tiere an, bauen Zäune, bringen Lämmer zur Welt, scheren oder schlachten die Schafe. "Es ist eine harte Arbeit", sagt Carnelli.

"Biege bei der dritten Eiche ab"

Es dauerte laut Carnelli lange, das Vertrauen der Schäfer zu gewinnen. Sie würden nicht gerne über sich sprechen, weil sie es nicht gewohnt sind. "Da ich auch aus der Gegend komme, kann ich ihren Dialekt verstehen. Das hat sicher geholfen, das Eis zu brechen", sagt der Fotograf, der in der Nähe von Mailand aufgewachsen ist.

Manchmal zog Carnelli wochenlang mit den Herden umher, denn sie nach einer Unterbrechung wiederzuentdecken ist schwer. Ihre Wege sind selten auf Karten zu finden: "Ihre Wegbeschreibung war ungefähr so: 'Folge einfach der unbefestigten Landstraße für einen Kilometer, biege bei der dritten Eiche links ab, überquere eine kleine Brücke, und dann siehst du uns bei den Steinen."

Jedes Jahr legen die Hirten zwar eine ähnliche - aber nie identische - Reise zurück. Die Strecken sind immer im Wandel: Dort, wo früher einmal Trampelpfade waren, sind heute Autobahnen, aus Wiesen werden Neubaugebiete.

Viele würden, wenn sie an Schafherden denken, nur Bilder einer Berglandschaft im Kopf haben. "Mit meiner Arbeit habe ich versucht, die andere Seite des Hirtenlebens sichtbar zu machen", sagt Carnelli. Er zeigt die Schafherden auch in urbanen Gegenden und schafft damit verblüffende Bilder.

Das eigene Land ganz anders sehen

Nicht nur die Landschaft, durch die sie gehen, auch die Einnahmequellen der Schäfer haben sich in den letzten Jahren verändert: Die Wolle der Schafe ist kaum noch rentabel für den Verkauf, stattdessen lohnt sich hauptsächlich, das Fleisch der Tiere anzubieten. Durch den Zuwachs an muslimischen Einwanderern in der Region ist die Nachfrage danach enorm gestiegen.

An Nachwuchs für den Beruf mangelt es nicht: Zwar motivieren laut Carnelli viele Väter ihre Söhne dazu, etwas anderes zu erlernen, dennoch würden sich viele dazu entscheiden, so weiterzuleben - ungeachtet aller Anstrengungen.

Carnelli hat das Projekt einen neuen Blick auf seine Heimat eröffnet: "Ich habe mein eigenes Land durch die Augen der Hirten ganz anders erlebt." Mit den meisten der Männer ist er noch in Kontakt und besucht sie, wenn er in der Gegend ist. Jedem von ihnen hat er auch bereits ein Exemplar seines Bildbands "Transumanza" geschenkt.

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