Weinberge im Wallis Wandern an den Heiligen Wassern

Zwischen vierzig Viertausendern liegt Europas höchster Weinberg. Spektakulär ist auch eine Wanderung entlang der Suonen: uralten Wasserkanälen im Gebirge.


Eggen - Der Himmel ist blau, die Luft klar, und am Horizont ist auf dem Stockhorn-Gipfel auch im Sommer noch Schnee zu sehen. Arthur In-Albon hat den Berg fest im Blick. Unbeirrbar setzt er Fuß um Fuß, auch an Stellen, wo es für ungeübte Wanderer haarig wird. Der Mann mit dem Rauschebart kennt die Region wie seine Westentasche, regelmäßig streift er von Eggen aus durchs Baltschiedertal den Gipfeln im Schweizer Wallis entgegen.

Die Berge im Blick - der Gipfel des rund 3900 Meter hohe Bietschhornes, davor der Blindsee
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Die Berge im Blick - der Gipfel des rund 3900 Meter hohe Bietschhornes, davor der Blindsee

Die Berghänge sind tiefgrün, und von den Blüten am Wegrand fliegen immer wieder Schmetterlinge auf, wenn sie von Wanderern gestört werden. Doch was der Präsident des Verkehrsvereins "Sonnige Halden" und ausgebildete Wanderführer am Baltschiedertal besonders schätzt, sind die so genannten Suonen. Diese oft Jahrhunderte alte Wasserleitungen, machen das Wandern in der Region rund um Visp so ungewöhnlich.

 Schmale Wege an alten Wasserleitungen: die Suonen werden auch heilige Wasser genannt
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Schmale Wege an alten Wasserleitungen: die Suonen werden auch heilige Wasser genannt

Von den Quellen hoch oben in den Bergtälern und unterhalb der Gletscher bringen sie das Wasser zu den Feldern, Wiesen und Äckern weiter unten in den Sonnigen Halden. Die Region nördlich von Visp trägt ihren Namen zu Recht, gehört sie doch zu den sonnenreichsten der Schweiz. "Ohne Bewässerung würde hier kaum ein Kraut wachsen", erzählt In-Albon. "Heilige Wasser" werden die Kanäle daher auch seit alters her genannt.

"Die ersten Suonen haben unsere Vorfahren schon im 13. Jahrhundert angelegt." Immer wieder mussten dabei Strecken an blankem Fels entlang überwunden werden. Dazu nutzte man Holzkanäle, die zum Teil noch heute zu sehen sind. Der Bau und das Instandhalten der Suonen war eine erstaunliche und gefährliche Gemeinschaftsleistung. Bei den Arbeiten kam es immer wieder zu tödlichen Unfällen.

Arthurs Ziel heißt Ze Steinu, eine Hütte in knapp 1300 Metern Höhe. Das ist noch vergleichsweise bescheiden, denn der Kanton Wallis hat mehr als vierzig Viertausender zu bieten. In ganz so schwindlige Höhen führt die Suonenwanderung nicht. Aber es gibt Stellen, da wird das Adrenalin in bisher unbekannten Mengen ausgeschüttet.

Das gilt vor allem, wenn auf einem Brett entlang der hölzernen "Kännel", in denen das Wasser plätschert, am Abgrund entlang balanciert werden muss. An dem Erlebnis hat der ganze Körper Freude. Das Herz flattert, die Pulsfrequenz steigt, die Knie werden weich - zum Glück sind es nur wenige Meter.

Bedeutendste Weinregion der Schweiz: Im Wallis werden mehr als 40 Rebsorten angebaut. Alpbestossung: Der Kuhkampf dauert bisweilen vom Morgen bis in den Nachmittag Wasser und Platz sind knapp - in Ausserberg bearbeiten noch 33 Landwirte den kargen Boden

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Ohne die Suonen gäbe es Dörfer wie Ausserberg gar nicht mehr. Heute steht vor der Kirche ein Wasserdenkmal, das daran erinnern soll. "Wir leben in der niederschlagsärmsten Region der Schweiz", erzählt Gemeindepräsident Odilo Schmid, während er durch das Dorf führt, in dem noch 250 Familien wohnen.

Alpbestoßung - Der Kampf der Kühe

Es wirkt wie aus einer anderen Welt. Die Häuser sind aus dunklem Holz und stehen auf Steinsockeln, die Dächer sind mit Schieferschindeln gedeckt. "Vor 1000 Jahren ist der Gletscher hier abgeschmolzen. Immer wieder mussten die Menschen danach auswandern, weil das Leben so karg war", erzählt Schmid. Auch heutzutage ziehen viele junge Leute fort.

Gspon liegt in fast 1900 Metern Höhe
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Gspon liegt in fast 1900 Metern Höhe

Noch arbeiten 33 Ausserberger im Nebenerwerb als Landwirte. "Wenn die Äcker nicht bestellt werden, trocknet der Boden aus", sagt der Gemeindepräsident. Das Wasser kommt heute allerdings aus modernen Beregnungsanlagen und nicht mehr über die Suonen.

Ein Stück südlich von Visp führt die Seilbahn ab Staldenried hoch nach Gspon in fast 1900 Metern Höhe. In jedem Frühsommer wird das Vieh wieder auf die Weide gebracht, vor allem die Eringer-Kühe, eine robuste Walliser Rinderrasse. Es ist ein Volksfest, wenn dann die "Alpbestoßung" stattfindet und die Kühe Horn an Horn so lange gegeneinander rangeln, bis feststeht, wer von ihnen die Leitkuh ist und den Sommer über das Sagen auf der Alp hat.

Der Siegerkuh winkt eine Glocke, dem Besitzer der "Königin" die Anerkennung des gesamten Publikums. Klaus Furrer, inzwischen 64, hat das schon dreimal erlebt und weiß, worauf es beim Kuhkampf ankommt: "Die Kuh muss den richtigen Willen haben", sagt er - und Kraft und Ausdauer natürlich. Denn so ein wallistypischer Wettkampf kann dauern, manchmal vom Morgen bis zum späten Nachmittag.

Europas höchster Weinberg

Die Region rund um Visp ist in vieler Hinsicht ungewöhnlich, nicht zuletzt klimatisch. "Im Sommer wird es oft sehr heiß. Es gibt Stellen, da wachsen bei uns Kakteen", erzählt Jürg Krattiger, der Geschäftsführer des regionalen Tourismusverbandes. So liegt nur ein Stück von Visp entfernt bei Visperterminen der höchste Weinberg Europas - 1150 Meter über dem Meeresspiegel.

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Das Wallis gilt als die Weinregion der Schweiz schlechthin. Mehr als 40 Weinsorten werden hier angebaut, bei Visperterminen vor allem Heida, eine heimische Spezialität. "Die Traube hat sehr viel natürlichen Zucker und gibt einen kräftigen Weißwein", sagt Krattiger.

Der Weinberg selbst ist einen Abstecher wert. Die Straße dorthin ist zum Teil so kurvig, dass sich kaum zwei Autos begegnen können. Die Reben wachsen direkt vor dem Panorama der Walliser Alpen. Die einzelnen kleinen Parzellen sind durch Steinmauern getrennt.

Ein Teil des Weins wird in der Region verkauft, einiges aber auch exportiert. "Gut 3000 Flaschen werden jedes Jahr in Japan geordert", sagt Kellermeister Marco Zeiter von der St. Jodernkellerei in Visperterminen. Neben Heida produziert die Kellerei noch gut ein Dutzend weitere, meist regionaltypische Weinsorten wie Fendant und Resi oder den Rotwein Dôle. Und wer zum Wein auch Roggenbrot und Trockenfleisch verzehrt, der weiß bald, wie das Wallis schmeckt.

Andreas Heimann, gms



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