Von Niels Reise
Das deutsche Fernweh geht in zwei Richtungen. Die Toskana-Fraktion zieht goethemäßig in Länder, in denen Zitronen blühen, um bei einem guten Wein das Savoir-vivre der Mittelmeervölker zu imitieren. In die subarktische Kälte Skandinaviens drängt es dagegen Deutsche mit Bullerbü-Syndrom: die Aussicht auf eine heile und asketische Holzhaus-Welt, die höchstens von röhrenden Elchen gestört wird.
Auf der schwedischen Schäreninsel Tynningö blühen keine Zitronen. Trotzdem vereinen sich auf 59 Grad und 28 Minuten nördlicher Breite unweit der Hauptstadt Stockholm die beiden deutschen Sehnsüchte zu einem kleinen Utopia: Eine massive, etwa 40 Meter über die Ostsee aufragende Granitklippe zwischen zwei tiefen Meeresbuchten bildet den wohl nördlichsten Weinberg der Welt. "Weingut Rudhesheim" steht auf dem Schild des im landestypischen Falunrot bemalten Mini-Château.
Seit Jahrzehnten baut Erik Rudhe, der mittlerweile 90-jährige Winzer von Tynningö, hier Wein an. Wo auf der stark bewaldeten Insel die Meeresbrise nicht hinreicht, duftet es nach Fichtennadeln, Waldboden und Pilzen. Die Straße, die über die Insel mäandert, ist so schmal, dass sie für Benutzer zwangsläufig eher zum Treffpunkt als zur Transportstrecke wird. Und als sei die Ostsee dem kleinen Tynningö noch nicht genug, ist die Mitte der Insel zu einer gigantischen Steinbadewanne geformt: Der See Stora Maren - "große Maren" - ist berühmt für seine mediterranen Badetemperaturen im Sommer. Zur Symbiose aus Nord und Süd fehlt eigentlich nur das Gezirpe von Zikaden. Doch im Schatten der dicht stehenden Eichen und Kiefern surren brav die klimakonformen Mücken.
Einsamkeit für Eigenbrötler
Tynningö ist zu weit von Stockholm entfernt, um für Tagespendler attraktiv zu sein. Viele der Holzhäuser sind nur an Wochenenden und in den Sommerferien bewohnt. Die wenigen Dauerinsulaner sind Eigenbrötler, was bei neun Monaten völliger Einsamkeit pro Jahr nicht überrascht. "Ich wohne hier, weil mir alle und alles egal sind!", grantelt beispielsweise ein grauhaariger Schwede in ausgeblichenen Plastikpantinen, der im einzigen Krämerladen der Insel eine Dose General-Kautabak kauft.
Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt 28 Grad. Am Horizont tuckern kleine Dampfschiffe. Ein schwedischer Sommertag wie im Bilderbuch. "Es liegt am Mikroklima", sagt Erik Rudhe und zeigt auf seine Weinstöcke, die die Klippe abwärts zur Ostsee hin bedecken. Im Binnenland seien die Sommertage zwar wärmer, dafür die Winter viel zu kalt. Das Meerwasser zwischen den Schären funktioniere wie ein Wärmespeicher, der die schlimmsten Fröste im Januar und Februar mildert, wenn Mittelschweden in Eis und Schnee erstarrt.
Rudhes braungebrannte Hand streicht vorsichtig über die Kiesel, die er um die Stämme der Weinstöcke aufgehäuft hat. Die Inspiration dafür brachte ihm eine Reise an die Garonne. "In Südfrankreich spült der Fluss kleine Kiesel an die am Ufer gelegenen Weinstöcke. Dadurch trocknet der Boden schneller und kann mehr Wärme aufnehmen. Hier hilft es außerdem gegen Pilze und Schnecken. Die mögen da nicht drüber kriechen." Kein Wunder, Rudhes Steinchen sind scharfkantige Kiesel, die auf Tynningö sonst als Straßenbelag dienen.
Schnapsidee vom Weinberg
Weinkenner prophezeien, dass Südschweden durch den Klimawandel in etwa hundert Jahren ein ideales Anbaugebiet für Riesling sein könnte, doch Tynningö liegt viel weiter im Norden. Was also bringt Menschen dazu, jeglicher agrarischen Vernunft zu trotzen?
Der Pensionär und seine Frau Catharina sind gelernte Juristen. Erik war zum Ende seiner Laufbahn Stadtbaurat von Stockholm, Catharina folgte 1968 ihrem politischen Idol Olof Palme ins Bildungsministerium.
Als die Rudhes gemeinsam mit Verwandten den Juliusberg kauften, der über der Bucht Mjölkviken auf Tynningö thront, entdeckten sie an einigen Stellen wilde Trauben. "Ich dachte, wenn so was hier wächst, dann müsste es doch auch mit richtigem Wein funktionieren. Die anderen haben mich natürlich ausgelacht", erzählt Erik und kichert fröhlich.
Mit der Pensionierung, sagt Erik, kam zu der Schnapsidee vom Weinberg die Angst vor geistiger Verkümmerung. "Catharina ist ein paar Jahre jünger und hatte ihren Job. Ich wollte was Kulturelles machen und in Bewegung kommen. Schließlich hatte ich 50 Jahre lang nur mit Papier geraschelt."
Was für den Außenstehenden wirkt wie die Eröffnung eines Skilifts in der Wüste, ist für einen echten Schweden allemal plausibel. Damals, Anfang der achtziger Jahre, waren die schwedischen Weinpreise so hoch, dass sie einer fiskalischen Prohibition entsprachen. Das widrige Klima der Stockholmer Schären erschien dadurch in einem weniger ungünstigen Licht für die Winzerei.
Auf seinem Weinberg, den Erik eine "Insel auf der Insel" nennt, wachsen verschiedene weiße und rote Trauben, die direkt zwischen den wilden Erdbeeren stehen. Neben robusteren Rebsorten wie Müller-Thurgau gedeihen sogar solche, deren Anbau in diesen Breiten den Tatbestand der Pflanzenquälerei erfüllt. "Das ist Grenache Blanc, der zum Beispiel für Châteauneuf-du-Pape benutzt wird," erklärt Erik, während er behände über die Klippen steigt. "Hier haben wir Chardonnay und da vorne wächst Zinfandel aus Kalifornien." Ein ampelografisches Sammelsurium - als hätten Erik und Catharina Beweismittel gesammelt, um die Wahrheiten des Weinbaus auf den Kopf zu stellen.
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