Winzer in Slowenien Die dunkle Seite des Weißweins

Ihre Väter gehörten im Kommunismus zur verlorenen Generation der slowenischen Winzer. Heute sorgen Weinbauern in den Hügeln von Brda wieder für Furore - mit Weinen, die eher vollmondig als vollmundig sind.

Mateja J. Potocnik

Von Rainer Schäfer


Das Verbotsschild an der Tür lässt keinen Zweifel: "No Pizza, No Coca Cola, No Pommes Frites". Wer in den Hügeln der Brda einen schnellen Imbiss will, ist falsch - zumindest bei Familie Klinec in Medana. "Wir brauchen keine Busladungen von Touristen, die Fast-Food verlangen", sagt Simona Klinec, die mit ihrem Mann Aleks ein Weingut im äußersten Westen Sloweniens betreibt.

Die Region Brda ist eingebettet zwischen Alpen und Adria und grenzt an die italienische Region Friaul. An klaren Tagen reicht die Sicht bis zum Meer, im Norden blitzen die schneegepuderten Gipfel der Julischen Alpen.

Von der Terrasse des Weinguts Klinec hat man einen guten Blick auf die Weinberge, ein Hügel reiht sich an den anderen, dazwischen streben weiß getünchte Kirchtürme nach oben. Manchmal öffnet Aleks Klinec sein Haus für Urlauber und kocht für sie. Dann steht der meist unrasierte Winzer an der Ognjišsce, der traditionellen Feuerstelle, an der schon seine Oma Ida gekocht hat. "Wein ist nicht gerne allein", sagt man in dem Landzipfel. Die Abende hier sind lang.

Slow-Food-Welle erreicht Slowenien

Klinec steht für einen Schlag von Unternehmern mit eigenem Kopf - und einigem Erfolg. Sie fühlen sich dem Slow-Food-Gedanken verpflichtet, bieten vor allem an, was sie selbst erzeugen: Wein, Gemüse aus dem Garten, Olivenöl - und Mangalitza, das Fleisch des seltenen Wollschweins. Wer vom hausgemachtem Pršut gegessen hat, dem luftgetrockneten Schinken, verspürt kein Verlangen nach Fritten mehr.

In der Küche der Brda spiegelt sich die bewegte politische Geschichte der Grenzregion: Mal hisste man die Flagge der Habsburger Monarchie, dann zählte man zu Italien und zum Königreich Jugoslawien, erst seit 1991 ist Slowenien unabhängig. Die politischen Systeme wechselten, die Speisekarte ist dabei immer länger und vielfältiger geworden.

Aleks Klinec zählt zu den Wegbereitern einer Weinstilistik, die gerade als Orange Wine gefeiert wird und die Brda - neben dem italienischen Collio - zum Epizentrum der Naturweinszene werden ließ. Das Besondere bei der Herstellung: Auch die Weißweintrauben vergären in offenen Bottichen auf der Maische - ein Verfahren, das lange Zeit nur bei Rotweinen praktiziert wurde und das dem Wein viel Farbe und markante Gerbstoffe verleiht. "Ich mag die dunkle Seite des Weißweins", sagt Klinec.

Der Einfluss des Mondes

Der 49-Jährige ist einer der kompromisslosesten Winzer der Gegend und einer der wenigen in Brda, die biodynamisch arbeiten. "Ich muss den Boden so schonend wie möglich behandeln", erklärt er, "wir sind doch alle nur Durchreisende auf diesem Planeten."

Nur wenige Hundert Meter entfernt liegt Ceglo, das sich aus wenigen Häusern zusammensetzt. Man würde nicht vermuten, dass hier die Revolution im slowenischen Weinbau begann: Hier ballte sich die rebellische Energie um Winzer wie Alešs Kristancic vom Weingut Movia. Lunar heißt sein Wein aus Rebula-Trauben, den Kristancic der Kraft und dem Einfluss des Mondes überlässt: Der hebe und senke die Trauben in den Gärbottichen und nehme ihm die Arbeit ab, erklärt der Winzer. Abgefüllt wird sein Lunar natürlich bei Vollmond.

Gegenüber arbeitet Marjan Simcic, der die Haare auch mit Ende 40 noch lang trägt. Man sieht ihm an, dass er sich immer an Vorschriften gerieben hat. "Unsere Väter wurden im Sozialismus ausgebremst", sagt Simcic. Sein Vater Salko gehört zur verlorenen Generation der slowenischen Winzer, die ihre Trauben bei der Genossenschaft abliefern und ihre Träume aufgeben mussten. 1990 aber, als privater Weinbau wieder möglich wurde, holten die Jungen mit Wut und Eifer nach, was ihren Vätern versagt geblieben ist. "Wir wollten zeigen, was hier möglich ist", sagt Simcic.

In seinen besten Lagen liegt Opoka, der Kalkmergelboden der Brda ist reich an Mineralien. Simcic gießt Wasser auf einen Gesteinsbrocken, er schnuppert daran, es riecht wie in einem feuchten Steinbruch: "Das ist der Ausdruck unserer Landschaft." Den will er in seinen Weinen herausarbeiten. Winzer wie Simcic reagieren irritiert, wenn sie als Virtuosen des Orange Wine bejubelt werden. Das sei ein Modebegriff, sagt er. "Wir machen natürlichen Wein wie unsere Großväter."

Wiesen, Wälder, Vespa-Wandern

Die Brda ist eine der schönsten Weinlandschaften Europas, aber sie hat auf ihren rund 70 Quadratkilometer einiges mehr zu bieten als nur gute Trauben: Olivenhaine, Wälder, Wiesen, Bäche. Und zwischen den Hügeln ziehen Radfahrer von Dorf zu Dorf. Weingüter, Bauernhöfe und Gasthäuser erwarten Touristen, so auch das malerische Smartno, ein kleiner Ort mit mittelalterlichem Kern.

Wer will, kann die Brda mit der Vespa erkunden: Länderübergreifend vermieten italienische und slowenische Winzer die Motorroller, die gut durch die engen Straßen und Gassen passen. Am schönsten aber ist es, wenn man die Brda erwandert.

Die Hügellandschaft der Brda wird manchmal mit der Südsteiermark oder der Toskana verglichen - was nur auf den ersten Blick stimmt. Touristenmassen wie Florenz oder San Gimignano kennt die Brda nicht. Sie ruht in sich, ist geerdet wie ihre Bewohner, die eng mit ihrem Land verbunden sind. Die Brda folgt dem Rhythmus, der von der Arbeit in den Weinbergen und unter freiem Himmel bestimmt wird. Danach setzen sich die Einheimischen zusammen, essen, trinken und reden miteinander. Auch für Fremde steht immer ein Stuhl bereit.

Vermutlich ist die Brda im Herbst am schönsten. Wenn der Nebel über den Tälern liegt, wirkt die Region geheimnisvoll wie ein Märchenland. In Medana ist die Abendsonne zwischen den Hügeln verschwunden, in der Ferne sind die Lichter von Triest zu sehen.

Aleks Klinec brät Lammkoteletts über dem offenen Feuer. Eine Gruppe amerikanischer Radfahrer ist im Weingut abgestiegen und lässt sich das Fleisch mit Polenta schmecken. Nach dem Essen geht Klinec mit seinen Gästen in den Weinkeller, es dauert, bis sie müde und zufrieden zurückkommen. Unten gärt und blubbert es in den Weinfässern. Eine Melodie, der man ewig zuhören könnte.

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navysailor 13.10.2016
1. Ein wunderbarer ...
... Artikel. Er macht Lust auf Urlaub. Vielel Dank für das Kopfkino an diesem tristen Tag.
EMU 13.10.2016
2. Und was genau im Text rechtfertigt jetzt die fiese Überschrift?
Das ein Typ ein bisschen schräg drauf ist? Taucht das Wort "Glykol" z.B. irgendwo auf? Nein. Also? Ich hab so einen "Naturwein" in Ljubljana schon getrunken. Ja, er ist ungewöhnlich. Die Abwesenheit von Restsüße und des ganzen High-Tech Gährungsmanagement ist zu schmecken. Aber "schlecht" hat er definitiv nicht geschmeckt. Der Unterschied entspricht in etwa dem zwischen einer Metzgerwurst und einem industriell gefertigten Dosen-Wiener.
msvanessacheng 13.10.2016
3.
Ich bin immer sehr gern in Slowenien, doch diese Region habe ich noch nicht besucht. Sehr schöner Artikel, der uns nahelegt, dass Ferien nicht nur mit dem Flieger und in der Ferne unvergesslich sein können.
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