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Weinschlacht in Rioja: Bis zum letzten Tropfen Munition

Beschießen, bespritzen, begießen, den andern kübelweise mit Wein überschütten - auf der Batalla del Vino ist alles erlaubt. Andreas Drouve genießt das Massenspektakel in Spaniens Weinregion Rioja. Und schwört sich: Nie wieder ohne Taucherbrille!

Fiesta in Spanien: Schlacht mit zehntausend Liter Wein Fotos
Andreas Drouve

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Für Elena war die "Kinderweinschlacht" zwei Fiestatage zuvor eigentlich Mädchenkram. Da wird immer nur Most gespritzt, da fehlen die stattlichen Kaliber. Seit letztem Jahr kommt die Siebenjährige mit zu den Großen - und hat Höllenspaß dabei. So wie jeder, der sich mit Leib und Seele in die Batalla del Vino stürzt, die "Schlacht des Weins", einen Massenexzess, der alljährlich Ende Juni bei Haro in der Rioja stattfindet.

Auch ich bin mittendrin gewesen. Ich bin intensiv durchtränkt worden. Ich habe nie so ausgesehen, nie so gerochen. Nun sind Kleidung und Schuhe entsorgt, ein Rückblick auf die Chronologie der Ereignisse ist fällig:

Über drei Kontaktecken haben mich Elenas Vater Javi und seine Cuadrilla, ein verschworener Kreis aus Familie und Freunden, für den Tag des Spektakels adoptiert. Für spanische Verhältnisse geht es gnadenlos früh um 7 Uhr los - was sich dadurch erklärt, dass man im Normalfall nicht aufsteht, sondern die Nacht zuvor durchgefeiert hat. Javi ist pünktlich am Hotel, über die Sitze seines Kleintransporters hat er Folie gespannt. Er weiß, wie alles enden wird. Ich weiß es noch nicht.

Wasserpistole und Spritzkanister

Erster Halt ist eine Finca am Stadtrand von Haro, um die Cuadrilla und das Wichtigste für die Schlacht an Bord zu nehmen: den Rotwein. Welche Menge, entscheidet jeder selbst. Anhaltspunkt: so viel man hat auftreiben können und später schleppen will. Meine künftigen Begleiter haben den Vorrat bereits aus Tetra Paks in lederne Weinbeutel umgefüllt. Außerdem ist eine Wassermaschinenpistole für Elena präpariert und mehrere Sulfatadoras, unterschiedlich große Plastikkanister mit Pumpenfunktion, die in Gärten und in der Landwirtschaft in der Regel für andere Zwecke Verwendung finden.

Als Carlos und der Rest der Cuadrilla zusteigt, wird in unserem Gefährt das Alkoholaroma intensiver. Auf der Fahrt pustet Carlos seine Fahne in eine Vuvuzela, die er aus dem offenen Fenster hält. Gegen halb acht sind wir inmitten einer Karawane aus Autos, Fußgängern und Traktoren mit Anhängern unterwegs zu den Riscos de Bilibio, einem Felsmassiv wenige Kilometer außerhalb von Haro, der Stätte des Geschehens. Im Wageninnern kreist eine Weinflasche, das Sträßchen zieht sich in Kurven durch Rebgärten. An der Seite schiebt ein Trupp Jugendliche Einkaufswagen mit eigenen Weinbergen aus Plastikbehältern voran.

Endstation ist ein Großparkplatz zu Füßen der Riscos de Bilibio. Nur ein kurzes Wegstück aufwärts liegt das traditionelle Weinschlachtfeld zwischen Abhang, Bäumen und Grünflächen. Die Fiestratracht aller - ganz in Weiß - eignet sich bestens, um am Ende mit Kampfesspuren angeben zu können. Ich streife ein brandneues T-Shirt über, das Oscar mir, dem Schlachtengreenhorn, geschenkt hat. Noelia hängt mir meine Waffe in Form eines bis zum Anschlag gefüllten Weinbeutels um den Hals.

Badeschlappen, Taucherbrillen und Latexhandschuhe

Überall laufen letzte Vorbereitungen. Ich sehe Leute, die neben den Autos Schuhe gegen Badeschlappen tauschen, Schwimm- und Taucherbrillen aufsetzen. Mein Rundgang bringt mich mit Judit zusammen, die gerade dabei ist, sich Latexhandschuhe überzustreifen: "Wegen der Fingernägel, ich heirate nächste Woche." Glückwunsch. Auf die Weinschlacht will sie nicht verzichten.

Es ist bewölkt und frisch an diesem Morgen, erst zwölf Grad Celsius. Rundherum werden Sulfatadoras auf den Rücken geschnallt, Javi testet seine Pumpe mit einem festen Weinstrahl auf meine Knöchel und lacht sich halbtot. Das Zeug läuft mir sofort in die Schuhe.

Carlos, der Wohlbeleibte, der mittlerweile einen Plüschzylinder trägt und der Gefahr der Ausnüchterung mit einer neuerlichen Weinzufuhr vorbeugt, will mich unbedingt nach ganz oben zur Bergkapelle Felices begleiten. Im Rahmen des Festprogramms beginnt dort um 8.45 Uhr eine Messe zu Ehren des Schutzpatrons von Haro: San Felices de Bilibio war ein Einsiedler, der im 5./6. Jahrhundert gelebt haben soll. Erst nach der Messe wird die Batalla del Vino offiziell eröffnet. Doch die Praxis zeigt, dass nur ein Bruchteil der Teilnehmer Heiliges im Sinn hat und die Mehrheit so lange nicht warten kann.

Am Aufgang zur Kapelle steht ein vielköpfiges, inoffizielles Empfangskomitee, präpariert mit Kübeln und Plastikbechern in XL-Format. Ich habe meine Kameratasche vorsorglich in zwei Einkaufstüten gepackt und passiere die fließende Grenze: Über meinen Schultern und Haaren schlagen Weinwellen zusammen, der Alkohol brennt in den Augen. Das nächste Mal, das schwöre ich mir, werde ich an die Taucherbrille denken! Seitlich plätschert ein Bach nach unten, so wie nach einem Wolkenbruch, nur in Rot.

Schluck aus der Weinpumpe

Ein steiler Nebenweg führt zur Kapelle, in die es kaum jemand trocken geschafft hat. Während der Messe hält sich der Weingeruch der Anwesenden wie unter einer Käseglocke zwischen den Steinmauern. Warm, herb, narkotisierend. Jeder dünstet aus, so gut er kann.

Nach Ende der Messe wälzt sich der Strom der Gläubigen über den Hauptpfad wieder abwärts. Ein Fernsehteam von Popular TV - der Kameramann und die Reporterin, beide in Regenponchos - hält mir ein bespritztes Mikrofon entgegen. Was ich als Auswärtiger von der Fiesta halte? Wahnsinn. In jederlei Hinsicht. Im Gegenzug dokumentiere ich ihren journalistischen Härtetest mit einem Foto.

Unterwegs verschont Carlos ein englischsprachiges Pärchen vor seinem Strahl aus der Sulfatadora und versorgt sie stattdessen mit einem Schluck aus der Pumpe. "Guter Wein", behauptet er und lacht mir heimlich zu. Dabei ist alles Tetra Pak-Qualität - diesen Kopfschmerz möchte ich nicht teilen. Am Ende des Pfads spielt eine Kapelle. Nicht schön, aber laut. Die Schlacht ist bereits in vollem Gange.

"5000 Teilnehmer, 50.000 Liter Wein", wird es in den Mittagsnachrichten heißen - doch wer mag das so richtig beurteilen? Gleiches gilt für den Ursprung der Batalla del Vino, über den verschiedene Geschichten kursieren. Eine Theorie führt einen Territorialstreit zwischen Haro und der Nachbargemeinde Miranda de Ebro ins Feld. Eine andere erzählt von einem nicht ganz ernst gemeinten Weingeplänkel, das im Anschluss an eine Wallfahrt zur Kapelle des heiligen Felices ausgebrochen sein soll. Wann genau all dies den jetzigen Schlachtcharakter annahm - vielleicht schon vor Beginn des 20. Jahrhunderts - lassen die Quellen offen.

Jeder gegen jeden

Wichtiger ist, dass das Spektakel wüst und ungezügelt, aber respektvoll und friedlich abläuft. Inmitten der überströmenden Freude gibt es keine Feinde, keine Regeln, keine Kampfstrategie. Die einzige Vorgabe lautet: jeder gegen jeden. Aus Eimern, Kanistern, Plastikpistolen. Beschießen, bespritzen, begießen, den andern kübelweise mit Wein überschütten, alles ist erlaubt. Auf eine weitaus größere Reichweite kommen die Scharfschützen mit ihren Sulfatadoras im Anschlag.

Das Ganze dauert, bis gegen 10.30 Uhr der letzte Tropfen Munition verpulvert ist, sich Staub- in Schlammflächen verwandelt haben, Grünflächen in Weinlachen. An einer Stelle ist ein richtiger See entstanden, mein Depot aus dem Lederbeutel ist leer. Der Übergang von der Schlacht zur Rast kommt fließend.

Etwas abseits werden Feuer im offenen Gelände entzündet und mit Grillrosten belegt, im Vorübergehen schenkt mir irgendwer ein Brot mit köstlichem Fleisch. Frühstückszeit. Auf dem Großparkplatz legen wir die sattsam durchtränkten Shirts zum Trocknen aus, Trophäen mit Farbnuancen zwischen Lila und Rosa. Irgendwann steigen wir mit nassen Hosen und Schuhen in den Transporter, die Folie auf den Sitzen erfüllt ihren Zweck.

Am späten Vormittag, auf der Finca am Stadtrand von Haro, finde ich mich im Kreise von Javis Familie und Freunden an einer langen Tafel wieder. Unter offenherzigen Menschen, die ich bis heute nicht kannte, Menschen von fast beschämender Gastfreundschaft. Mit einem Holzstäbchen piekse ich, genau wie Elena, gekochte Schnecken aus den Gehäusen und betrachte fasziniert die Schleimfäden, die sie ganz am Ende ziehen und die mit in den Mund wandern. Ich vertraue der Kraft meiner Magensäure, tunke Brot in Tomatensauce, bin rundum zufrieden.

Dies, genau dies ist noch immer das gute alte Spanien, das ich einst kennen- und liebengelernt hatte! Und das liegt nicht nur am kräftigen Landwein, der ständig nachgeschenkt wird.

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1. Auf Thema antworten
c.PAF 11.07.2011
Weinschlacht, Tomatenschlacht, Stierhatz - die Spanier haben wohl irgendwie den Drang, mit Lebensmittel zu spielen... In dieser Beziehung ein seltsames Volk.
2. Herrlich
bunterepublik 11.07.2011
sind solche traditionen nicht herrlich?
3. Weinschlacht in Rioja
Niamey 11.07.2011
Zitat von bunterepubliksind solche traditionen nicht herrlich?
ja, sie sind herrlich! wir haben auch noch welche, aber wenn wir so weiterrmachen mit der "notwendigen" Zuwanderung und uns beim Tmea Integration weiter so in die Hose machen, dann gibt es die bald nicht mehr.
4. Wie sagt man so schön ?
jeez 11.07.2011
"Und woanders verhungern die Leute."
5. Lebensmittelverschwendung
Willem55 11.07.2011
Zitat von c.PAFWeinschlacht, Tomatenschlacht, Stierhatz - die Spanier haben wohl irgendwie den Drang, mit Lebensmittel zu spielen... In dieser Beziehung ein seltsames Volk.
Multikulti ist zwar pc, aber Lebensmittelverschwendung in D nicht! Wo kämen wir da hin! Der anständige Deutsche geht containern.
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Zur Person
Andreas Drouve, Jahrgang 1964, stammt aus dem Rheinland und verlagerte Mitte der neunziger Jahre seinen Lebensmittelpunkt nach Spanien. Heute lebt er mit seiner Familie in Pamplona. Der Reisejournalist und –autor hat 90 Bücher verfasst, darunter viele über spanische Provinzen und den Jakobsweg.

Drouves Essays zu "Selbstversuch Spanien" werden im Frühjahr 2012 als Buch im Conbook Verlag für Literatur und Länder erscheinen.

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