Surfspot Ericeira in Portugal Pilgern zur perfekten Welle

Ericeira hat nicht nur eine Weltklasse-Welle, sondern sieben. Grund genug für einen US-Verband, die Strände in der Nähe von Lissabon zum Weltsurfreservat zu ernennen. Doch der Erfolg bedroht die Ursprünglichkeit der Spots.

TMN

Ericeira - Im Juli 2012 kamen die Polizisten und beendeten den Traum vom einfachen Surferleben unter portugiesischer Sonne. "Sie rissen die Türen und Fenster aus den Holzhütten und hängten ein Schloss an die Tür des Surfcamps", erzählt Tiago Oliveira, der das Camp am Strand von Ribeira d'Ilhas im Jahr 2000 eröffnet hatte. "Nach wenigen Stunden war es in den Fernsehnachrichten."

Denn Ribeira d'Ilhas war nicht irgendeines der vielen Surfcamps in Portugal. Es war das Zentrum und die Seele von Europas erstem Surfreservat.

Im Oktober 2011 ernannte der Verband Save the Waves Ericeira zum World Surfing Reserve. Die Idee war, eine Art Welterbe des Surfens zu schaffen. 120 Orte hatten sich beworben, am Ende entschied sich der US-Verband für das Fischerstädtchen 50 Kilometer nördlich von Lissabon. Denn hier drängen sich sieben Weltklasse-Wellen auf vier Kilometern, von Padra Branca bis São Lourenço.

Die berühmteste ist Ribeira d'Ilhas. Bis vor wenigen Jahren surften hier die Profis in einem der wichtigsten Wettkämpfe der World Qualifying Series. Und am Abend traf man sich im Camp. "Viele Eltern kamen, weil sie dort ihre Kinder frei herumlaufen lassen konnten", erzählt Oliveira, es gab Konzerte und Reggaepartys. "Es war ein Hippieort", sagt er. "Aber Politiker mögen keine Hippies."

Alle Proteste waren vergeblich. Ein paar Monate nach der Schließung rissen Bulldozer die Hütten ab. Jetzt stehen sterile Holzkästen vor einem riesigen Parkplatz in der Bucht. Die Rollläden sind geschlossen. Eigentlich sollte der Komplex mit fünf Restaurants und Shops im Mai 2013 eröffnet werden. Aber Tiago Oliveira ließ die Party platzen. "Das ist immer noch mein Land", sagt er. "Die Enteignung ist vor Gericht, das kann fünf Jahre dauern."

Australier machten den Anfang

Das neue Reservat konnte das Zentrum der Surfkultur in Ericeira nicht schützen. Aber zumindest die Natur werde es bewahren, hofft Diogo Sarmento, 51, verspiegelte Sonnenbrille, lange graue Locken. Sarmento war einer der ersten Surfer in Ericeira, auf den Klippen führt er von Spot zu Spot: Pedra Branca, Reef, Cave, Crazy Left.

"Deshalb brauchen wir das Reservat", sagt Sarmento und zeigt auf die tristen Trabantensiedlungen auf den Hügeln. "Damit sie nicht bis zum Strand runter bauen. Wenn wir das hier nicht schützen, wird alles zerstört." So, wie es auf Madeira geschah. Dort gab es einen großartigen Surfspot, Jardim do Mar. "Aber seit sie die Uferpromenade aus Beton gebaut haben, ist die Welle kaputt", sagt Sarmento.

In Ericeira könnte so etwas nicht mehr passieren, sagt er. Die Surfergemeinde sei zu stark. "Jeder in Ericeira surft", sagt Sarmento. Dabei ist die Geschichte des Wellenreitens hier noch kurz. 1967 bremste ein VW-Bus mit einem Känguru-Aufkleber auf dem Heckfenster in Ericeira. Fünf Australier stiegen aus. Und ritten die Wellen nahe des Praia dos Pescadores. Die Fischer waren schockiert, sie wähnten die Männer in Lebensgefahr.

Bald eiferten die einheimischen Jungs den Ausländern nach. Freunde teilten sich ein Brett, jeder durfte eine Viertelstunde fahren, dann war der Nächste dran. Länger hält man es ohne Neoprenanzug im kühlen Atlantik sowieso nicht aus.

"Früher freute ich mich, wenn ich einen anderen Surfer draußen in den Wellen traf", erzählt Nick Uricchio. Der wettergegerbte US-Amerikaner, der 1978 nach Ericeira kam, steht vor seiner Werkstatt und diskutiert mit einem Kunden über Boards. "Portugal war damals noch eine Surfwildnis", erzählt er. "Ich mochte es sehr, traf nette Leute. Und vor allem lernte ich meine Frau kennen."

Uricchio richtete sich eine Werkstatt ein und begann, Surfbretter zu bauen. "Geschäftlich gesehen war das damals eine schlechte Entscheidung", sagt Uricchio. "Ericeira war ein Fischerdorf, es gab keine Jobs, und die Straßen waren schlecht. Mein Material und meine Kunden waren in Lissabon. Aber in punkto Lebensqualität war es eine sehr gute Entscheidung."

Die beste Welle

Uricchio sieht den Aufstieg des Fischerstädtchens zum Surferzentrum Portugals mit Sorge. Seit fünf Jahren kämen immer mehr Touristen nach Ericeira, sagt er, um die berühmten Wellen zu reiten. Vor allem die Beach Breaks seien nun im Sommer überfüllt. "Wir brauchen irgendeine Kontrolle", fordert Uricchio. Zum Beispiel eine Obergrenze für die Zahl der Surfschüler. "Wenn die Leute hierherfliegen und eine Woche lang kaum eine Welle bekommen, kehren sie frustriert nach Hause zurück."

Die Konkurrenz um die Wellen lässt auch den Ton ruppiger werden. Besonders ist dies in Coxos zu beobachten. Lange versuchten Ericeiras Surfer, diesen phantastischen Spot geheim zu halten. Coxos ist dabei sicher nichts für Anfänger.

"Natürlich ist Coxos die verrückteste, beste Welle", sagt Diogo Sarmento, besonders bei Nordwest-Swell. "Aber man sollte sich hier Zeit nehmen, Respekt zeigen, nicht reinspringen und denken, man nimmt die erste Welle. Und wenn schon 50 Surfer im Wasser sind, fährt man lieber zu einem anderen Spot. Wenn Coxos funktioniert, dann auch alle anderen Wellen."

Der Surfverband ASP wollte Coxos einst als Station der World Championship Tour etablieren. Ericeiras Surfer lehnten ab. Nicht mal der lokale Surfclub darf hier Wettkämpfe abhalten.

Das Nein hat die Übernahme Ericeiras durch die Surfindustrie freilich nicht gestoppt. In die Azulejo-gefliesten Häuser der charmanten Altstadt sind Surfschulen und Läden mit Surfermode eingezogen, in den Restaurants und Bars laufen Surffilme im Fernseher. Und die Ernennung zum Surfreservat befeuert den Boom. Nick Uricchio sieht das Schutzgebiet deshalb zwiespältig: "Es bringt mehr Aufmerksamkeit und damit mehr Touristen, für die man wieder bauen muss."


Information zum Surfspot Ericeira
Mehrere Airlines fliegen aus Deutschland nach Lissabon. Von dort fahren täglich mehrere Busse der Linie Mafrense nach Ericeira. Die Fahrt dauert eine gute Stunde. Die beste Zeit zum Surfen ist von März bis Ende Oktober. Im Sommer kann der Atlantik bis zu 20 Grad warm werden. Dann sind die Wellen klein und perfekt für Anfänger. Im Frühling und Herbst kommen erfahrene Surfer wegen der größeren Wellen. Im Winter ist die See in Ericeira oft sehr rau.

Florian Sanktjohanser/dpa/abl

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hjc 04.01.2014
1. Wie schön einfach
die Welt doch ist. Wo es Surfer und Reggaepartys gibt, kann man seine Kinder alleine rumlaufen lassen. Dort, wo Leute wohnen, die arbeiten, natürlich nicht.
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