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21. Dezember 2012, 12:19 Uhr

Weltuntergang im Elsass

Bunker der Verrückten

Von Steve Przybilla

Szenen wie in einem Katastrophenfilm: Am Vorabend der angekündigten Apokalypse öffnet ein Weltkriegsbunker im Elsass seine Tore. Zahlreiche Übernachtungsgäste strömen herbei - und ein sprechender Weihnachtsbaum verrät die genaue Uhrzeit des Weltuntergangs.

Wenn die letzte Stunde der Menschheit schlägt, will niemand zu spät kommen. Weder die Soldaten, die in voller Montur das Eingangstor bewachen, noch die unzähligen Verrückten, die sich wegen der nahenden Apokalypse in den Bunker flüchten. So sieht der Parkplatz der elsässischen Festung Schoenenbourg schon am frühen Abend wie die Kulisse eines amerikanischen Katastrophenfilms aus: überall Fotografen, Kamerateams, Übertragungswagen. Und die besagten Verrückten, die hier auf Verrückte hoffen: die Journalisten.

Es ist die Nacht zum 21. Dezember. Der Tag, an dem laut Maya-Kalender ein neues Zeitalter beginnt - oder die Ära der Menschen endet, wie Tausende ängstlicher Zeitgenossen befürchten. Seit Monaten pilgern sie an vermeintlich sichere Orte, horten Vorräte, bauen ihre eigene Arche Noah. Die Welt bereitet sich auf ihr Ende vor, zumindest wenn man dem globalen Medienhype glaubt.

Die ersten TV-Interviews werden schon draußen gemacht. Bereitwillig posieren die Soldaten am Eingang mit ihren Gewehren, marschieren im Gleichschritt durch den Nieselregen. Dann erzählen sie, wie sie im Ernstfall den Bunker verteidigen würden - in der Theorie zumindest. Es handelt sich nämlich nicht um echtes Militär, sondern um Reenactment-Anhänger, die in ihrer Freizeit gerne historische Uniformen tragen. Sei's drum, trotzdem eine schöne Aufnahme.

Im Eingangsbereich liegen Comics aus, die der Apokalypse schon näherkommen. Deutsche und französische Soldaten, die sich gegenseitig mit dem Bajonett erdolchen. Bomben, Explosionen, Schützengräben. Es ist die traurige Geschichte der sogenannten Maginot-Linie, zu der auch die Festung Schoenenbourg gehört: ein Bollwerk aus Festungsanlagen, das sich im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs über Hunderte von Kilometern an der französischen Ostgrenze erstreckte. Militärisch spielten die gigantischen Stahl-Beton-Kolosse letztlich aber kaum eine Rolle, weil die Wehrmacht einen großen Teil beim Einmarsch über Belgien umging.

"Seriöse, nicht geistig verwirrte Menschen"

Ob die alten Gemäuer nun doch noch zu Ruhm und Ehre gelangen? Das zumindest hofft die Association des Amis de la Ligne Maginot d'Alsace, ein privater Verein, der sich um den Erhalt der historischen Bunker kümmert. Geschickt lancierten die Verantwortlichen die Nachricht, es gebe Hunderte von Interessenten, die in der Nacht zum 21. Dezember in den Bunker flüchten wollten. Schon im Oktober sagte der Vereinsvorsitzende Marc Halter der Nachrichtenagentur dpa, es hätten sich 30 "seriöse, nicht geistig verwirrte Menschen" bei ihm gemeldet.

Die Zeitrechnung der Maya als aufgeblasener PR-Gag? Ganz so sieht Halter das natürlich nicht. Als er die erste Reportergruppe durch die 30 Meter tiefen Stollen führt, hält er an einem Weihnachtsbaum inne. "Hier habe ich gestern einen Mann getroffen, der sich mit dem Baum unterhalten hat", erzählt der Vereinsvorsitzende. "Der hat ihm gesagt, dass um 0.30 Uhr alles vorbei ist." Die Journalisten schreiben eifrig mit. Wenn schon die Welt nicht untergeht, dann kommt vielleicht wenigstens jemand vorbei, der daran glaubt.

Rein optisch vermitteln die massiven Wände ein Gefühl der Sicherheit. Über Schienen wurde früher Munition in den Geschützturm am anderen Ende der Festung transportiert. Zwei Notausgänge führen aus dem konstant 13 Grad kühlen Untergrund wieder an die Oberfläche - was vor allem Klaustrophobiker beruhigen dürfte. Für sie fühlt sich in dem U-Bahn-artigen Netzwerk schon die erste Verzweigung wie der Weltuntergang an.

Der Feind ist die Feuchtigkeit

"Wenn die große Katastrophe kommt, merken wir das sowieso erst hinterher", sagt Bernhard Mallard, während er die uniformierten Schaufensterpuppen im alten Schlafsaal inspiziert. Der 53 Jahre alte Franzose beteuert, "aus purem Interesse" in den Bunker gefahren zu sein. "Alle wissen doch, dass die Maya nicht das Ende der Welt vorhergesagt haben. "Ein Unglück", glaubt er, "kommt immer ohne Vorwarnung. Das haben wir in Tschernobyl gesehen, genau wie beim Tsunami in Asien."

Ob Strahlung, Sintflut oder Kometenhagel: Wäre die Festung Schoenenbourg im Ernstfall tatsächlich sicher? Immerhin boten die Lagerräume einst Platz für 135.000 Granaten und 96.000 Liter Diesel. Aber möchte man die Konserven im Vorratsraum heute wirklich noch anrühren? Da lacht Karl Hans Stöß, der als einer von wenigen Deutschen den "Amis" angehört. "Die Einmachgläser stammen nicht mehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Die haben wir in den achtziger Jahren nachträglich aufgestellt."

Mit Journalisten hatte der 71 Jahre alte pensionierte Lehrer bisher nur selten zu tun. "Die ganze Geschichte mit dem 21. Dezember ist für uns ein Glücksfall", gibt er unumwunden zu. "Wann sonst bekommen wir wieder so viel Aufmerksamkeit?" Der Verein lebt von den Eintrittsgeldern der 35.000 Besucher, die jährlich in die Festung strömen. Zu tun gebe es bei einem so alten Bauwerk immer etwas - vom Neuanstrich der Wände bis hin zur Reparatur der immer noch funktionsfähigen Toiletten. "Unser größter Feind ist aber heute die Feuchtigkeit", sagt Stöß und zeigt auf mehrere Eimer, die herabtropfendes Wasser auffangen.

Abenteuerurlaub statt Apokalypse

Könnte man im Bunker nun überleben? Stöß schaut nachdenklich. "On verra", sagt er schließlich auf Französisch - wir werden sehen. Anders als die 630 Soldaten, die einst in Schoenenbourg stationiert waren, atmen heutige Besucher keine gefilterte Luft mehr. "Alles Frischluft", sagt Stöß, der in diesem Moment doch ganz froh ist, keine echten Apokalyptiker im Haus zu haben. "Die bekämen wir ja nicht mehr raus. Und ich will spätestens um drei Uhr ins Bett."

So manchem wären längere Öffnungszeiten aber doch ganz lieb gewesen. "Wir hätten gerne hier übernachtet", sagt Markus Burgstahler aus Karlsruhe. Zusammen mit seinem zwölf Jahre alten Sohn Jan will er sich vor der imposanten Kulisse mit der Geschichte der Maginot-Linie vertraut machen - Abenteuerurlaub statt Apokalypse. Burgstahlers Arbeitskollege Robert Barneveld sieht es nicht anders: "Ich warte vor allem darauf, dass jemand seine ganzen Essensvorräte hier nach unten bringt."

Zurück am Eingang, es ist kurz nach Mitternacht: "Wie Sie sehen, sehen Sie nichts", sagt ein TV-Moderator in die Kamera. Kein Meteoritenschauer, kein Erdbeben, nicht mal ein paar Verrückte. Die Soldaten patrouillieren immer noch, aufgewärmt und angeheitert durch Glühwein. Vereinspräsident Marc Halter ist bester Laune. "Wir haben etwa 50 Besucher und 25 Journalisten begrüßt", sagt er stolz - wobei das Verhältnis eher gleich sein dürfte.

Und der Weltuntergang? Wird natürlich immer noch diskutiert. Am anderen Ende der Festung, 30 Meter unter der Erde, kommen zwei Reporter ins Grübeln. "Ohne Mobilfunkempfang verschlafen wir das doch", sagt der eine. Antwortet der andere: "Wenn nur Leute wie wir überleben würden, das wäre doch der wahre Weltuntergang."

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