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Russen bleiben daheim: Und im Urlaub auf die Krim

Von Luzia Tschirky, Moskau

Die Lust der Russen auf Auslandsurlaub schwindet. Sanktionen des Westens, Pleiten von Reiseveranstaltern und die schlechte Wirtschaftslage spielen eine Rolle - und eine vermutete Russenfeindlichkeit. Der Gewinner ist die Krim.

Sanktionen und Wirtschaftkrise: Viele Russen bleiben daheim Fotos
REUTERS

Dutzende Russen stehen auf der Sanktionsliste des Westens: Sie dürfen nicht mehr in die Staaten der Europäischen Union oder in die USA einreisen. Erste Reaktionen aus Moskau ließen nicht lange auf sich warten: "Meine Familie ist diesen Sommer wie jedes Jahr nach Südfrankreich gefahren, aber ich muss getrennt von all dem leben. Getrennt von meinen Verwandten und getrennt von meinem geliebten Labrador", beschwert sich der vom Einreiseverbot betroffene russische Milliardär Gennadij Timtschenko.

Doch die Sanktionen betreffen nicht nur Vertraute des Präsidenten Wladimir Putin, sondern indirekt Tausende Russen. 25.000 Urlauber konnten in dieser Woche nicht wie geplant nach Hause reisen, nachdem ihre Reiseagentur Bankrott anmelden musste. Die "negative politische und wirtschaftliche Situation" zwinge sie dazu, den Betrieb einzustellen, meldet Labyrinth, eine der größten Agenturen Russlands. Hotels in Spanien und Griechenland begannen, ihre russischen Gäste rauszuwerfen.

Es ist der vorläufige Tiefpunkt im Krisensommer der russischen Tourismusbranche. Pleiten von Veranstaltern und Co. gehören in diesem Land zwar zum Sommer wie das Eis an den Strand. Aber fünf große Reiseagenturen, die allein seit Ende Juli zahlungsunfähig geworden sind - das ist auch in Russland außergewöhnlich.

Zuvor konnte die Billigfluglinie Dobroljot ihre Maschinen nicht mehr abheben lassen, weil ihre westlichen Partner aufgrund der Sanktionen die Flugzeuge nicht mehr warten durften. Dobroljot gehört zu den direkt sanktionierten Unternehmen, da die Airline Flüge zwischen Moskau und der von Russland annektierten Krim anbietet.

Reiseverbot für staatliche Angestellte

Längst nicht alle der Pleiten sind die direkte Folge der Sanktionspolitik von Brüssel und Washington. Insgesamt werde der Tourismus nach Europa um 15 bis 40 Prozent schrumpfen, meldete vor Kurzem der russische Branchenverband. Allerdings konnte Russland im vergangenen Jahr auch mit Rekordzuwächsen glänzen, wie der aktuelle World Travel Monitor des Marktforschungsinstitut IPK International ergab. Mit rund 32 Millionen Reisen ins Ausland lag das Land auf Platz drei der größten europäischen Auslandsreisemärkte und mit seinen Wachstumraten kaum hinter anderen Boom-Ländern wie China zurück.

Hauptgrund für den nun befürchteten Rückgang sei ein Dekret an die Adresse der Angestellten des öffentlichen Dienstes, sagt Maxim Pirogow, Chef einer bankrotten Reiseagentur, der Zeitung "Newa". Seit diesem Frühjahr dürfen mehr als vier Millionen staatliche Beschäftigte ihren Urlaub nicht mehr im Ausland verbringen. Was offiziell als "Empfehlung" ausgesprochen wurde, kommt einem Verbot gleich. Denn die Angestellten müssen eine Erlaubnis ihres Vorgesetzten einholen, wollen sie aus dem Land ausreisen. Vor allem Polizisten, Richter und Staatsanwälte sind betroffen.

Gleichzeitig ist die schwierige Wirtschaftslage dafür verantwortlich, dass die Russen weniger Geld für Urlaub ausgeben können. Das Nettoeinkommen ist über das vergangene Jahr massiv geschrumpft, bei den reisefreudigen Moskauern laut der russischen Statistikbehörde um ein Viertel. Zudem macht der gefallene Rubelkurs Reisen in die Eurozone teurer. Ein Badeurlaub in der sehr beliebten und visafreien Türkei wird umso attraktiver. Schon im vergangenen Jahr machten mehr als vier Millionen Russen dort Urlaub und haben damit die Deutschen an der Spitze abgelöst.

Sommerfrische in Sotschi

In den ersten Monaten dieses Jahres kamen auch weniger russische Gäste nach Deutschland. Um vier Prozent ist die Anzahl bei Hotelübernachtungen geschrumpft. Auf Campingplätzen gab es sogar mehr als zehn Prozent weniger Übernachtungen, was wiederum darauf schließen lässt, dass es vor allem die untere Mittelschicht ist, die sich Reisen ins Ausland nicht mehr leisten kann. Deutschland ist mit mehr als zwei Millionen Besuchern aber weiterhin das beliebteste Reiseziel der Russen innerhalb der Europäischen Union, gefolgt von Spanien und Griechenland.

Neben den wirtschaftlichen Ursachen spielt auch die allgemeine Verunsicherung der Russen eine Rolle für den Rückgang, sagt Irina Tjurina vom russischen Tourismusverband: "Nicht wenige Russen gehen fälschlicherweise davon aus, dass aufgrund westlicher Sanktionen Visa für EU-Länder schwieriger zu bekommen sind."

Allerdings kommt zu den fehlenden Kenntnissen über die Auswirkungen der Sanktionen auch Unbehagen hinzu. Laut dem Kreml-nahen Umfrageinstitut Wziom ist jeder Vierte davon überzeugt, im Ausland gehasst zu werden. Im russischen Fernsehen wird kräftig für Ferien in Sotschi und auf der Krim geworben. Mit offensichtlichen ersten Erfolgen: Jeder zehnte Russe plant laut Wziom für diesen Sommer Ferien auf der Halbinsel.

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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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AP
Der Präsident ist animalisch, Deutsch hat eine eher ungewöhnliche Bedeutung - und vor dem Wodkatrinken sollten Sie ein, zwei Dinge dringend beachten. Wissenswertes und wundervolle Verrücktheiten: Entdecken Sie Russland im großen SPIEGEL-ONLINE-Test!
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