Westgrönland: Das Rätsel des Kobaltblaus

Als auf Grönland ein Gletscher kalbt, beobachtet Michael Martin ein erstaunliches Phänomen: Die frisch ins Meer gestürzten Eisblöcke leuchten intensiv in einem frostigen Blau. Dem Fotografen gelingen aus dem Helikopter beeindruckende Aufnahmen - auf denen gigantische Eisberge wie kleine Kristalle wirken.

Fotoreise nach Westgrönland: Kobaltblaue Gletscherkinder Fotos
Michael Martin

Ein Sommerabend im Icy Café in Ilulissat, 380 Kilometer nördlich des Polarkreises an der Westküste Grönlands. In dem modern gestylten Treffpunkt sind viele der jungen Gäste mit ihrem Smartphones beschäftigt, es gibt Café Latte und Nachos, auf dem riesigen Flachbildschirm läuft MTV. Vor den großen Fenstern spazieren wildaussehende, ältere Jäger mit geschulterten Gewehren vorbei. Die Jagdsaison für Karibus hat am 1. August begonnen.

Für die meisten Familien hier sind die Rentiere - sowie auch erlegte Robben und gefangener Fisch - bis heute nicht nur eine wichtige Einkommensquelle; die Jagd stärkt auch die Identifikation mir den eigenen Wurzeln.

Die Menschen in Westgrönland scheinen den Spagat zwischen den Welten besser zu schaffen als andere indigene Völker, wie beispielsweise die australischen Aborigines. Das mag an der frühen Alphabetisierung Grönlands durch die zahlreichen Missionen liegen. Eine Rolle spielt auch die massive finanzielle Unterstützung durch die ehemalige Kolonialmacht Dänemark sowie die EU, deren Zahlungen vom grönländischen Parlament klug für Bildung und den Ausbau der Infrastruktur eingesetzt werden. So konnte die soziale Verelendung ganzer Bevölkerungsteile vermieden werden.

Was den Menschen in Westgrönland jedoch Sorgen macht, sind die Folgen des Klimawandels, der in der Arktis besonders stark ausfällt und den Alltag der Einwohner prägt: Warmperioden bedrohen im Winter die Karibu- und Moschusochsenherden, weil sich durch den in Tauperioden schmelzenden und dann wieder gefrierenden Schnee eine Eisschicht am Boden bilden kann, die den Tieren den Zugang zu den Moosen und Flechten unmöglich macht. Auch die Robbenjäger trauen sich oft nicht mehr aufs Meer hinaus, weil die Eisdecke ihre Schlitten nicht mehr trägt.

Schwund und Schmelze

Die Folgen des Klimawandels sind auch das Thema von Manfred Stober. Der Professor an der Hochschule für Technik Stuttgart misst mit seinem Team das Abschmelzen des grönländischen Inlandeises. Auf den Felsen vor dem Arctic Hotel hat er einen hochempfindlichen GPS-Empfänger aufgebaut, der ihm als Referenzpunkt dient. Die andere Messpunkte liegen auf dem grönländischen Inlandeis in circa tausend Metern Höhe.

Stober erzählt, dass er seit zwanzig Jahren fast jeden Sommer in Ilulissat forscht - seine Ergebnisse sind eindeutig. Nahm zu Beginn seiner Messungen die Stärke des grönländischen Inlandeises jährlich um 30 Zentimeter ab, registriert sein Team inzwischen einen Schwund von einem Meter pro Jahr. Die Temperaturerhöhung betrug dabei im Beobachtungszeitraum von 1991 bis 2008 jährlich 0,15 Grad Celsius.

Die weltweite Erwärmung hat auch dazu geführt, dass sich der Sermeq-Kujalleq-Gletscher in den letzten zehn Jahren um 15 Kilometer zurückgezogen und sich seine Fließgeschwindigkeit verdoppelt hat, so dass noch mehr Eis in den Ilulissat-Eisfjord abbricht. Nachdem ich mit meinen Kindern Gina und Daniel den Eisfjord und das Mündungsgebiet in den Tagen zuvor erkundet habe, möchte ich den Sermeq-Kujalleq-Gletscher mit eigenen Augen sehen. Die einzige Möglichkeit dafür ist der Helikopter.

Flug übers Eislabyrinth

Am Nachmittag steige ich in einen gecharterten Helikopter von Air Greenland. Die beiden schwedischen Piloten fliegen vom Ilulissat Airport aus in geringer Höhe über die Seitenmoräne hinweg, und bald befinden wir uns hundert Meter über den im Eisfjord feststeckenden Eisbergen, auf denen zum Teil türkisfarbene Schmelzwasserseen schwappen.

Die Formen der Eiskolosse sind äußerst unterschiedlich: Die meisten sind gezackt und unregelmäßig, blaue Adern sind auf Schmelzwasser zurückzuführen, das wieder gefroren ist. Manche dagegen sind flach und abgerundet. Sie sind auf ihrem Weg durch den Eisfjord umgekippt, Schürfspuren zeugen von felsigen Hindernissen, über die sie hinwegschrammten.

Der Flug über dieses Eislabyrinth dauert 20 Minuten, dann nähern wir uns dem Ende des Fjords und landen auf einer Seitenmoräne des Sermeq Kujalleq. Der Gletscher ist gewaltig, seine 80 Meter hohe Abbruchkante hat eine Länge von sieben Kilometern. Wolkenfetzen und einzelne, durch die Wolken durchbrechende Sonnenstrahlen sorgen für eine mystische Stimmung. Die Urgewalt dieses Gletschers ist von meinem exponierten Standplatz aus hautnah zu spüren.

Kreisen überm Kristallmeer

Der Gletscherstrom hat hier an der Abbruchkante eine Geschwindigkeit von inzwischen 40 Metern am Tag - dafür brauchen manche Alpengletscher ein Jahr. Alle zwei bis vier Wochen kalbt der Gletscher, und die Abbruchkante weicht einige Kilometer zurück. Diese riesigen Stücke von bis zu 1000 Metern Stärke können zunächst frei im Fjord treiben, denn der ist hier noch 1500 Meter tief. Das größte Abbruchstück wurde 1985 beobachtet, es maß ein mal ein mal zwei Kilometer. Insgesamt produziert der Sermeq Kujalleq täglich 20 Millionen Tonnen Eis - das entspricht der Wassermenge, die New York City in einem Jahr verbraucht.

Die beiden schwedischen Piloten erzählen mir, dass sie bei einem anderen Flug am Morgen des gleichen Tages eine Kalbung miterlebt hätten. Minutenlang seien Eisbrocken vom Gletscher in den Eisfjord herabgestürzt. Heute beobachten wir unterhalb des Abbruchs an den hausgroßen Eisblöcke ein Phänomen: Sie leuchten in einem intensiven Kobaltblau.

Als wir über ihnen kreisen, habe ich das Gefühl, in einem Elektronenrastermikroskop auf Kristallstrukturen zu blicken. Diese Objekte sind aber keine Nanometer, sondern Dutzende Meter groß! Als wir 25 Minuten später in Ilulissat landen, ist das blaue Eis sofort Thema. "Ich fliege seit 16 Jahren zum Gletscher, habe aber so etwas noch nicht gesehen", sagt einer der beiden Piloten und schüttelt ungläubig den Kopf.

Am nächsten Morgen sitze ich bei perfekten Wetter wieder im Helikopter und fliege ein zweites Mal zur Gletscherkante. Mir gelingen gute Aufnahmen, doch das Blau der Eisblöcke ist verschwunden und einem normalen Weiß gewichen. Das lässt mir das Phänomen noch geheimnisvoller erscheinen. Ich nehme mir vor, daheim die geografische Fachliteratur zu durchforsten, um das Auftauchen und Verschwinden dieser unglaublichen Farbe zu verstehen.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. toll, und?
patricka1 17.08.2011
Zitat von sysopAls auf Grönland ein Gletscher kalbt, beobachtet Michael Martin ein*erstaunliches*Phänomen: Die frisch ins Meer gestürzten Eisblöcke leuchten intensiv in einem*frostigen Blau. Dem Fotografen gelingen aus dem Helikopter beeindruckende*Aufnahmen - auf denen gigantische Eisberge wie kleine Kristalle wirken. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,780571,00.html
was soll man da jetzt drüber diskutieren? Als ich neulich ein Loch im Garten gegraben habe, habe ich ein sehr schönes Braun entdeckt. Woher kommt diese bemerkenswerte Farbe? Eiskristalle kann ich schon mal ausscjließen...
2. Blablabla...
snickerman 17.08.2011
Zitat von patricka1was soll man da jetzt drüber diskutieren? Als ich neulich ein Loch im Garten gegraben habe, habe ich ein sehr schönes Braun entdeckt. Woher kommt diese bemerkenswerte Farbe? Eiskristalle kann ich schon mal ausscjließen...
wenn se nix zu sagen haben, lassen se´s... http://video.google.com/videoplay?docid=763949850889929695
3. Aua ...
Jörg Starkmuth 17.08.2011
Zitat von patricka1was soll man da jetzt drüber diskutieren? Als ich neulich ein Loch im Garten gegraben habe, habe ich ein sehr schönes Braun entdeckt. Woher kommt diese bemerkenswerte Farbe? Eiskristalle kann ich schon mal ausscjließen...
Was für ein ärmlicher Kommentar. Vielleicht sollten Sie mal versuchen, das Braun der Gartenerde wirklich zu erklären - können Sie vermutlich nicht, weil Ihnen vielleicht die wunderbare Neugier fehlt, die dem Menschen eigentlich zu eigen ist und jedem Fortschritt zugrunde liegt. Wer sich nie fragt, warum etwas so ist, wie es ist, wird nie etwas verstehen oder gar verändern.
4. Danke für die inhaltlichen Ausführungen...
patricka1 17.08.2011
Zitat von snickermanwenn se nix zu sagen haben, lassen se´s... http://video.google.com/videoplay?docid=763949850889929695
5. Warum Rätsel?
meinannerego 17.08.2011
Zitat Wikipedia: "Eis ändert seine Farbe mit dem Luftgehalt und kann so auch in unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden. Eis, das viel Luft enthält, ist weiß, solches, das wenig Luft enthält, ist durchsichtig und blau oder grün" Die beschriebenen Eisberge stauen sich in der Flussmündung und werden von nachfolgenden Eismassen zusammengepresst, wodurch der Luftgehalt sinkt und sich das Gletschereis blau verfärbt. Nach dem abbrechen lässt der Druck nach, der Luftgehalt nimmt zu, Eis wird wieder weiß - et voilà. Man möge mich korrigieren, sollte ich erheblich daneben liegen.
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Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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