Tourismus auf Giglio: "Das Wrack hat unser Paradies verletzt"

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Die Katastrophentouristen kamen in Scharen nach Giglio, um das Wrack zu fotografieren. Aber Geld ließen sie kaum auf der Unglücksinsel. Die Bewohner klagen über deutlich weniger Übernachtungsgäste - und sehnen den Tag herbei, an dem endlich das Wrack verschwindet.

Touristenschwund auf Toskana-Insel: Giglios Unglück Fotos
REUTERS

Alvino pult Fische aus einem Netz, Biagio schenkt sich auf einem Weinberg am Meer einen Schluck Weißwein ein, und Argentino tüftelt an einem kleinen Holzboot - roter Kiel, blaues Deck. Giovanni harkt den Strand, kleine Mädchen bauen Sandburgen, und Marcellina schneidet einer Insulanerin die Haare auf der Treppe vor ihrem Haus. Die Sonne scheint den beiden ins Gesicht.

Es sind idyllische Szenen von der kleinen italienischen Insel Giglio, die vor einem Jahr durch das Kreuzfahrtunglück der "Costa Concordia" weltweit berühmt wurde. Doch es sind gestellte Szenen aus einem Werbevideo, das im vergangenen Sommer Touristen anlocken sollte: "Giglio sboccia" hieß die Botschaft - "Giglio blüht auf". Doch mit dem Namen Giglio, was auf Deutsch Lilie heißt, werden viele auf ewig die Schreckensnacht verbinden, in der 32 Menschen starben. Seit dem 13. Januar 2012 liegt das havarierte Schiff im Hafen von Giglio, es wird noch Monate dauern, bis das Wrack beseitigt ist.

Für die Inselbewohner ist das ein Problem. Sie wünschen sich einen Alltag ohne den Blick auf das Wrack, das inzwischen rostet. Ohne diese Eisenberge, die sich im Meer türmen. Aber dass der Koloss die Landschaft verschandelt, ist das geringste Problem. Die Menschen auf Giglio leben vom Tourismus, und das Geschäft mit den Urlaubern ist im vergangenen Jahr stark eingebrochen: laut italienischen Medienberichten um 28 Prozent.

"Das Wrack ist schlecht fürs Gemüt"

Vor allem in Campese klagen die Gaststättenbetreiber über den Mangel an Besuchern. Der hübsche Küstenort liegt im Nordwesten der Insel, auf der gegenüberliegenden Seite von Giglio Porto, wo das Schiff verunglückte. Wenn alles normal läuft, reisen ab April die Schnorchel- und Aktivurlauber an - rund um die Insel gibt es viele Tauchreviere. Bis Oktober dauert traditionell die Tourismussaison.

Doch 2012 war nichts normal auf Giglio. Im Frühjahr nach der Katastrophe blieben viele Betten leer. "Einige Hoteliers hatten Einbrüche von bis zu 50 Prozent", sagt Stefano Feri, der in dritter Generation das Hotel Campese führt, eine Herberge mit 40 Zimmern - und treuen Stammgästen. "Ich hatte es noch gut, bei mir haben gerade mal 15 Prozent weniger Gäste übernachtet als im Vorjahr."

Gestiegen ist dagegen die Zahl der Tagesbesucher. Im Sommer haben Tausende neugierige Italien-Reisende der Unglücksinsel kurze Stippvisiten abgestattet: morgens rauf auf die Fähre vom Festland, schnell das Wrack bestaunen und zurück nach Porto Santo Stefano. "Geld haben die Katastrophentouristen nicht auf der Insel gelassen", sagt Hotelier Feri. "Die sind in Giglio Porto geblieben, haben Fotos vom Schiff gemacht und sich sonst nichts von der Insel angesehen." Weder das tausend Jahre alte Dorf Castello, das zu den schönsten Dörfern Italiens zählt. Noch die Weinberge. Noch die spektakuläre Unterwasserwelt.

Hotelier Feri ist froh, wenn der Kreuzfahrtriese endlich weggeschafft wird. 90 Prozent der Gigliesi wollten endlich wieder zurück zur Normalität, sagt er. "Das Wrack ist schlecht fürs Gemüt. Es hat unser kleines Paradies verletzt."

Kreuzfahrtboom trotz Unglück

Während die Menschen auf Giglio mit den Folgen der "Costa Concordia"-Tragödie zu kämpfen haben, litt die Kreuzfahrtbranche nur wenig. Zwar sind die Buchungen kurz nach dem Unglück zurückgegangen. Doch insgesamt ist den Menschen die Lust am Urlaub auf dem Wasser nicht vergangen. Zumindest in Deutschland hält der Boom an, auch wenn die Zuwächse wohl nicht mehr ganz so hoch ausfallen werden wie in den Vorjahren.

Der Deutsche Reiseverband (DRV) rechnet für 2012 mit einem hohen einstelligen prozentualen Anstieg an Kreuzfahrtbuchungen, 2011 betrug der Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr fast 14 Prozent. "Der befürchtete Einbruch bei den Passagierzahlen ist nicht eingetreten", sagte TUI-Cruises-Chef Richard J. Vogel vor wenigen Wochen. Die Ziele und Planungen der Reedereien für das Jahr 2012 seien erfüllt worden.

Selbst die Unglücksreederei Costa Crociere vermeldet, dass das abgelaufene Geschäftjahr besser war als zunächst befürchtet. Genaue Zahlen nannte die Gruppe nicht, zu der die Marken Costa Kreuzfahrten, Aida Cruises und Iberocruceros gehören. Zeitweilige Rückgänge und notwendige Preissenkungen seien auch auf die Wirtschaftskrise in Europa zurückzuführen.

Auch Hotelier Stefano Feri glaubt, dass die Wirtschaftskrise zum Touristenschwund auf Giglio beigetragen hat - und nicht nur die "Costa Concordia"-Katastrophe. "Es steht generell nicht besonders gut um Italien, aber als Unternehmer muss ich optimistisch sein für 2013." Auf Giglio wäre man schon froh, wenn wenigstens das Schiff bald verschwinden würde. "Dann haben wir endlich wieder unsere Ruhe."

Mit Material von dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Ohne Worte
zick-zack 13.01.2013
Immer bucht mal schön Kreuzfahrten! Aber vielleicht denkt ihr auch mal an den Dreck und das CO2, das diese Dinger ausstoßen! Wohlgemerkt, Kreuzfahrten sind nicht notwendig, sie dienen nur eurer Belustigung. Unverantwortlich beim heutigen Zustand unserer Erde! Ich bekomme im März eine Tochter und frage mich, was für eine Welt ich ihr zumuten werde. Nachdenken bitte!!!
2. .
der_moralapostel 13.01.2013
Zitat von zick-zackImmer bucht mal schön Kreuzfahrten! Aber vielleicht denkt ihr auch mal an den Dreck und das CO2, das diese Dinger ausstoßen! Wohlgemerkt, Kreuzfahrten sind nicht notwendig, sie dienen nur eurer Belustigung. Unverantwortlich beim heutigen Zustand unserer Erde! Ich bekomme im März eine Tochter und frage mich, was für eine Welt ich ihr zumuten werde. Nachdenken bitte!!!
--- Ich habe selbst 2 Kinder. Fordere aber deshalb die Welt nicht auf, nach meiner Nase zu tanzen.
3. ??
janne2109 13.01.2013
Zitat von zick-zackImmer bucht mal schön Kreuzfahrten! Aber vielleicht denkt ihr auch mal an den Dreck und das CO2, das diese Dinger ausstoßen! Wohlgemerkt, Kreuzfahrten sind nicht notwendig, sie dienen nur eurer Belustigung. Unverantwortlich beim heutigen Zustand unserer Erde! Ich bekomme im März eine Tochter und frage mich, was für eine Welt ich ihr zumuten werde. Nachdenken bitte!!!
Schön, dass Sie Vater werden, aber ist nicht jede Reise Umweltverschmutzend, dient sie nicht immer auch der eigenen Belustigung??
4. optional
dalir 13.01.2013
Die Inselbewohner sollten sich mal bei Ihrem Bürgermeister beschweren der war doch immer so begeistert das die Schiffe sich vor seiner Insel "Verneigen" oder???
5. Jedes Kreuzfahrtschiff,
somasemapsyches 13.01.2013
Zitat von sysopDie Katastrophen-Touristen kamen in Scharen nach Giglio, um das Wrack zu fotografieren. Aber Geld ließen sie kaum auf der Unglücksinsel. Die Bewohner klagen über deutlich weniger Übernachtungsgäste - und sehnen den Tag herbei, an dem endlich das Wrack verschwindet. Wie der Tourismus auf Giglio nach der "Costa"-Katastrophe litt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/wie-der-tourismus-auf-giglio-nach-der-costa-katastrophe-litt-a-877001.html)
das untergeht, ist ein gutes Kreuzfahrtschiff. Es gibt wohl kaum eine größere und widerlichere Verschwendung einerseits und Umweltzerstörung andererseits als durch diese schwimmenden Kloaken!!
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