Winnetous Heimat: Der Schatz der Plitvicer Seen

Von Edgar Klüsener

Friedlich schimmert die Sonne durch die Baumwipfel, Fischschwärme durchziehen die glasklaren Bäche, ein Wasserfall stürzt in die Tiefe. Der Nationalpark Plitvicer Seen fasziniert Besucher mit erhebenden Naturerlebnissen. Einst diente er als Drehort für "Winnetou"-Filme.

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Wer hätte gedacht, dass das Paradies mitten in Kroatien liegt, nur ein paar Autostunden weit weg von München und fast in Steinwurfweite zur Sonnenküste der istrischen Adria.

Das Wasser der Plitvicer Seen und Bäche ist glasklar und schimmert türkis im Sonnenlicht. Dichte Fischschwärme treiben am Ufer entlang und beäugen die Spaziergänger neugierig. Der schmale Weg aus Holzplanken überbrückt eine Engstelle. Links stürzt das Wasser anderthalb Meter tief in einen anderen See. Eine prächtige Forelle schwebt scheinbar mühe- und schwerelos in der sprudelnden Strömung und schaut hoch. Geduldig hält sie stille, bis der Fotograf sein Bild im Kasten hat und dreht erst dann ab.

Der Plankenweg führt weiter um kleine und größere Seen herum, überkreuzt Bäche und Teiche und verläuft meistens in den tiefen Schatten, die die saftig grünen Laubbäume werfen. Dann beschreibt er eine weite Kurve, nun wieder am Wasserrand entlang, dann für ein kurzes Stück in die Kühle des Waldes hinein, bevor er sich erneut an den Rand eines weiteren Sees schmiegt.

Ein kleines Schiff gleitet, unter Wasser von schweren Ketten gezogen, geräuschlos über den spiegelglatten See und transportiert Wanderer von einem Ufer zum anderen. Dieses kleine Passagierschiff und seine zwei oder drei Geschwister sind die einzigen Wasserfahrzeuge, die auf den insgesamt 16 Plitvicer Seen verkehren dürfen.

Wassersport ist ebenso verboten wie Baden und Schwimmen. Auch Autos sind aus dem riesigen Naturschutzgebiet im Herzen Kroatiens strikt verbannt, nur die Busse, die die Besucher von den Parkplätzen am Rande des Nationalparks zu den Seen transportieren, dürfen hier auf genau vorgeschriebenen Routen verkehren.

Donnerndes Getöse am Ende der Treppen

In einem Wald führen endlos lange Treppen hoch. Höher und höher hinauf bis in die bewaldeten Hügel, die den Nationalpark Plitvice bilden. Die Höhenunterschiede sind beachtlich - 912 Meter sind es vom tiefsten zum höchsten Punkt des Nationalparks.

Der Mühe Lohn allerdings ist spektakulär: Mit dumpfem Grollen kündigt sich am Ende der Treppen der Veliki Slap an, ein atemberaubender Wasserfall, der sich mit donnerndem Getöse vorbei an tiefen Höhlen im weißen Karstgestein 78 Meter in die Tiefe stürzt. Der Blick vom Rand des Wasserfalls hinunter in den Talgrund, über den die Gischt einen Schleier aus feinem Dunst legt, ist schwindelerregend. Und das ist nur einer von mehreren mächtigen Wasserfällen. Beinahe ebenso spektakulär, wenn auch mit 25 Metern Gefälle erheblich kleiner, ist der Galova ki buk.

Die atemberaubende Schönheit der Seen und des Karsts weckt Erinnerungen an Jugendtage in einem schummrigen Vorstadtkino; an Winnetou, Old Shatterhand und Nscho-tschi, die bildschöne Schwester des edlen Apachenhäuptlings. Die Erinnerung trügt nicht, denn an den Plitvicer Seen wurden in der Tat Szenen von Winnetou I (mit Marie Versini als Nscho-tschi) und große Teile von Winnetou II und III (mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand) gefilmt. Auch der Schatz im Silbersee war in Wahrheit in einem Plitvicer See versunken. Umso erstaunlicher, dass trotzdem nur relativ wenige deutsche Touristen den Weg in den Nationalpark finden.

Es sind hauptsächlich Italiener, die mal eben über die Grenze huschen, auch viele Engländer, Österreicher, Slowenen, Tschechen oder Serben, die sich die wilde und doch so harmonische Szenerie erwandern. Bis zu zehntausend Touristen können es an einem Sommerwochenende sein, die sich in dem Gelände verlieren. Und rund 700.000 zieht es im Jahresdurchschnitt in den Nationalpark, den die Unesco 1979 zum Weltnaturerbe erklärt hat. Eine Zahl, auf die die Verwaltung stolz ist.

Lebensraum von Bär, Wolf und Luchs

Im Plitvicer Seenland treffen - bedingt durch die großen Höhenunterschiede - verschiedene Klimazonen aufeinander. Von beinahe mediterran in den Niederungen bis zu gemäßigtem Gebirgsklima im überwiegenden Teil des Areals reicht das Spektrum. Die besonderen klimatischen Bedingungen begünstigen eine pflanzliche und tierische Artenvielfalt, die in Europa weitgehend einzigartig ist.

Wer viel Glück hat, kann Braunbären in der Ferne im Gehölz verschwinden sehen, Wölfe heulen hören oder gar Spuren von Luchsen entdecken. Eine direkte Begegnung mit dem scheuen Raubwild freilich muss niemand fürchten; Bär, Wolf und Luchs halten sich lieber fern von den störenden Zweibeinern.

Ziel für Touristen und Sportler

Herumgesprochen haben sich die Reize der Plitvicer Seen mittlerweile auch unter Sportlern. So treffen sich hier zum Beispiel Ende Mai Orientierungsläufer aus ganz Europa zu einem Wettkampf. Sie werden sich das Gelände nicht nur mit den Scharen von Ein-Tages-Touristen teilen müssen, sondern auch mit jenen Wandervögeln und Naturfreunden, die sich und ihre Familien gleich für zwei oder drei Wochen in einer der vielen Ferienwohnungen, in den Pensionen oder Hotels rund um den Nationalpark eingenistet haben.

Die genießen das Beste gleich mehrerer Welten: die naturbelassene Wunderwelt des Nationalparks, das angenehme Klima, aber auch die Möglichkeit, mal eben in die Städte und Badeorte an der kroatischen und slowenischen Adriaküste einen Abstecher machen zu können. Die uralte Stadt Zadar zum Beispiel, die schon lange vor dem Aufstieg Roms zur Vormacht auf dem Balkan eine bedeutende Metropole der antiken Welt hatte, ist nur eine knappe Autostunde entfernt und durchaus mehrere Tagesausflüge wert.

Die Winter können empfindlich kalt sein im Plitvicer Naturreservat. Dann überziehen dünne Eisschichten die Seen, und die Schneedecke reicht bis tief in die Niederungen ab. Doch schon im Frühjahr, sobald das erste Laub auf den Bäumen erscheint, öffnet sich das Paradies wieder in seinem ganzen Liebreiz. Der Öffnung sind allerdings ganzjährig Grenzen gesetzt: Von 20 Uhr bis 8 Uhr gehört der Park ganz allein seinen tierischen Bewohnern.

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Nationalpark Plitvicer Seen: Kroatiens silberner Schatz