Von Tim Tolsdorff
Schwindende Gletscher, rostbraune Schlepplifte über dem Gardasee, der Natur überlassene Talabfahrten in den Seealpen - die Jäger der verlorenen Pisten dokumentieren den Aufstieg und Fall unzähliger Lift- und Seilbahnprojekte genauso wie die Verschandelung der Bergwelt. Innerhalb der Zunft kristallisieren sich Experten heraus. "Trincerone" etwa zeigt auf einer separaten Website Sommerski-LSAPs. Auch mit der Zukunft beschäftigen sich einige Liftfreaks, tragen Informationen über Bauprojekte zusammen.
Und mancher Hobbyhistoriker wird am Rechner rabiat: Scharfe Online-Repliken gehen regelmäßig an Skibegeisterte, die sich im Alpinforum über leistungsstarke Lifte oder breite, makellos gewalzte Pisten freuen - aus Sicht der Nostalgiker Merkmale einer rücksichtslosen Branche, die die Berge für ihre Zwecke formatiert.
Abgesehen von diesen Polemiken basteln die LSAP-Anhänger mit Ehrgeiz und Detailversessenheit ein interaktives Panoptikum des Skitourismus zusammen und porträtieren damit einen Wirtschaftszweig, dessen Schicksal sowohl vom Klimawandel als auch von wirtschaftlichen Zwängen diktiert wird.
Nachforschungen gegen den Willen der Betreiber
Letzteres wird bei Kristian Hasenjägers Tour auf die Seiser Alm in Südtirol deutlich. Eine Seilbahn schaufelt die Skifahrer aus St. Ulrich im Grödner Tal hinauf in das sonnige Höhenskigebiet. Auf gleichem Wege geht es für die Gäste heutzutage ins Tal zurück. Das war nicht immer so: Auf alten Karten ist eine Abfahrt durch den steilen Bergwald eingezeichnet. Der Innsbrucker zapft sein Netzwerk an, führt erste Telefonate. Bald scheint klar, dass der Betreiber die Piste schloss, weil neue Absicherungen in der engen Waldschneise zu teuer gewesen wären. "Ein klassischer Fall, meist sorgen wirtschaftliche Gründe für Stilllegungen", meint Hasenjäger während der Fahrt über den Brenner.
Dass dem Betreiber sein Vorhaben nicht passt, wird später am Start der Abfahrt klar. Zwei Bedienstete der Liftgesellschaft versperren den Weg. Die Italiener wedeln mit den Armen, keifen den Eindringling an. Bevor sie handgreiflich werden können, lenkt Hasenjäger seine Geländeski flink an den zeternden Wächtern vorbei und verschwindet im dichten Bergwald.
In einer wilden Slalomfahrt rast er zwischen dicht stehendem Gehölz hindurch, nach einigen hundert Metern bremst er abrupt. Vor ihm fällt eine Steilrinne ab. 20, vielleicht 30 Meter geht es beinahe lotrecht talwärts, die Sonne hat den Schnee längst aus dem Tobel gebrannt. Hätte man doch auf die Männer hören, vom Vorhaben ablassen sollen? Eine Abfahrt muss unter diesen Umständen im Desaster enden. Doch am Fuß der Steilrinne ist ein zerfahrener Weg zu sehen. Das muss die gesuchte Pistentrasse sein!
Hasenjäger wagt eine Spitzkehre und quert durch den Wald zurück. Bald rückt ein verbogenes Metallgatter ins Sichtfeld - der Einstieg ist erreicht. In Serpentinen geht es nun durch dichten Bergwald abwärts. Die Ski kratzen über vereiste und verbuckelte Steilstücke, gleiten dann wieder über sanfte Ziehwege dahin. Von Zeit zu Zeit hält Kristian Hasenjäger an, lichtet alte Galerien genauso ab wie eingerissene Pistenzäune. Ein zweites, beschildertes Gatter markiert nach knapp tausend Höhenmetern das Ende der "Piste Pilat".
Nostalgie-Objekt Tellerlift
Mit zufriedenem Gesicht schnallt Hasenjäger in St. Ulrich ab, nicht ohne zuvor einen stillgelegten Schlepplift fotografiert zu haben. Der Ingenieur hegt nostalgische Gefühle für die Oldtimer am Hang, ihre Technik. Früher war er selbst einmal für Liftkonstrukteure tätig, doch die Auswüchse des modernen Massentourismus lehnt er ab. Er könne nichts anfangen mit in die Berge planierten Carving-Autobahnen, beheizbaren Sesselliften oder tauwetterresistenten Pistenpanzern aus Kunstschnee.
Bei der letzten Bergfahrt im weichen Abendlicht der Dolomiten schwärmt er von guten, alten Zeiten, als Steilhänge noch Buckelpisten sein durften und ratternde Tellerlifte die Skifahrer bergwärts zogen. Selbst den damals allgegenwärtigen Wartezeiten vor kleinen Liften gewinnt er Gutes ab. "Alle Skifahrer, die früher in den Schlangen warteten, treiben sich heute gleichzeitig auf den Pisten herum", sagt Hasenjäger. Das mache keinen Spaß und sei gefährlich.
Der Jäger der verlorenen Pisten will in der Zukunft Vorlesungen über Seilbahnökonomik halten - kritische Betrachtungen inbegriffen. Mächtig sei die Liftlobby in Österreich, deren Mitglieder legten Wert auf die Undurchsichtigkeit ihrer Geschäfte. So würden viele Skigebiete nur durch massive Subventionen davor bewahrt, als verrostendes Forschungsobjekt zu enden - ein Politikum in einem Land, das zum Großteil vom Wintertourismus lebt.
Als Politikum könnte sich auch eines von Kristian Hasenjägers aktuellen Projekten erweisen. Bei einer Skitour auf der Rückseite des Tuxer Gletschers, nur wenige hundert Meter entfernt vom bunten Treiben der Pistentouristen, stieß er auf ein dunkles Geheimnis. Auf 2800 Metern Seehöhe entdeckte er Fundamente, einen tief in den Berg getriebenen Stollen, dazu die Überreste einer gigantischen Seilbahn.
Seine Archivrecherchen ergaben, dass während des Zweiten Weltkriegs eine Tiroler Bergbaugesellschaft in der Alpeiner Scharte Molybdänerz abbaute - im Auftrag des NS-Regimes. Das Mineral war kriegswichtig, die Rüstungsindustrie benötigte es zur Stahlhärtung. Im Permafrost schufteten Kriegsgefangene unter härtesten Bedingungen, Russen, Franzosen, Italiener. "1944 ereignete sich eine Katastrophe, eine gewaltige Staublawine riss viele der Zwangsarbeiter in den Tod", berichtet Hasenjäger. Deren Schicksal lasse ihn nicht los.
Nazis, moderne Sklaven und ein geheimes Bergwerk im Hochgebirge - es klingt wirklich wie der Stoff, aus dem Indiana-Jones-Filme gemacht sind.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Europa | RSS |
| alles zum Thema Winterurlaube | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH