250 Jahre Sandwich: Einen Toast auf die Gurke!

Vor 250 Jahren erfand ein Adliger das Sandwich, doch der Geburtsort des Snacks ist in Vergessenheit geraten. Das wollen die Einwohner eines Städtchens in Südengland nun ändern. Zur Jubiläumsfeier laden sie in ihre Häuser - und zu einer Brötchenparty im Festzelt.

Südengland: Heimat des Sandwichs Fotos
TMN

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Sandwich - König Charles II. ist es zu verdanken, dass wir heute kein Portsmouth, sondern ein Sandwich essen. In Dankbarkeit dafür, dass ihn Edward Montagu im Mai 1660 aus dem holländischen Exil zurück nach England holte, verlieh er ihm noch im selben Jahr den Titel Earl of Sandwich. Montagu, der zuvor vom Cromwellschen Republikaner zum Royalisten konvertiert war, befehligte die kleine Flotte, die Charles II. über den Kanal in die Heimat schipperte. Ursprünglich sollte er dafür als Earl of Portsmouth geadelt werden, doch Charles II. disponierte kurzfristig um.

Im Nachhinein sollte sich diese Entscheidung als weise und praktisch für die Menschheit erweisen, denn der Urenkel des ersten Earls of Sandwich erfand im Jahr 1762 das für Nichtbriten wesentlich leichter auszusprechende Sandwich. Geschichtsschreiber streiten darüber, ob dies bei einem geselligen Kartenspiel oder am Schreibtisch geschah, denn der vierte Earl of Sandwich war das, was heute mit dem Begriff Workaholic umschrieben wird.

In seinem oft emsigen Tun duldete er keine Unterbrechung - nicht einmal zum Essen. Und so wies er der Überlieferung nach seinen Butler an, ihm eine zwischen zwei Brotschnitten gelegte Scheibe Rindfleisch zuzubereiten. Dies veranlasste nun wiederum Gleichgesinnte, dasselbe zu bestellen "wie Sandwich".

"Aus heutiger Sicht war dies die Geburtsstunde des Fastfood", meint Orlando Montagu, der Sohn des elften Earl of Sandwich. "Belegte Brote gab es sicher bereits früher, aber der vierte Earl sorgte für deren allgemeine Akzeptanz als Mahlzeit, selbst in Adelskreisen, die bis dahin an der Konvention eines warmen Dinners zu einer bestimmten Uhrzeit festgehalten hatten", sagt er.

Heute wissen die Wenigsten, dass Sandwich eine 5000-Seelen-Stadt nördlich von Dover ist. Das soll sich ändern, wenn es nach Mandy, Jim und Keith geht. Die drei Einheimischen haben sich zusammengetan, um Sandwich den Platz in der Gegenwart einzuräumen, der dem Ort aus der Geschichte gebührt. Wenn auch keiner der bislang elf Earls jemals Sandwich als Lebensmittelpunkt oder als Wohnstätte erkor, so gäbe es doch das Sandwich ohne den Ortsnamen nicht. Am 12. und 13. Mai wird das 250. Jubiläum des belegten Brotes mit einem großen Fest begangen.

Auf dem Programm stehen etwa ein Barockkonzert mit Werken Georg Friedrich Händels - des Lieblingskomponisten des vierten Earls - im St. Mary's Arts Centre und ein Bauernmarkt mit regionalen Produkten. Delikatessenprofis sowie in- und ausländische Besucher sind aufgerufen, sich am Wettbewerb um das beste Sandwich in drei Kategorien zu beteiligen, und Vertreter der Partnerstadt Honfleur in der Normandie stellen sich der Herausforderung "Sandwich gegen Baguette".

Hommage an eine handliche Mahlzeit

Der Vorsitzende der Sandwich Society, Keith Wells, wird mit seinen Partnern Ned West-Sherring und Brian Bedford in historischen Kostümen die Szene nachstellen, in der John Montagu sein erstes Sandwich orderte. Und Bürgermeister Jeremy Watts öffnet für alle Besucher seine 1576 errichtete und wunderbar erhaltene Guildhall, die gemeinsam mit den drei Kirchen, dem jetzt idyllischen Kai und zahlreichen Häusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu einem Bummel durch die Stadt einlädt.

Gastfreundliche Einwohner gewähren Besuchern einen Blick hinter die Umgebindehausfassaden in die Innenhöfe, in denen früher Schweine, Hühner und anderes Getier gehalten wurden. "Abends ließ man die fressfreudigen Vierbeiner mit Geläut auf die Gassen hinaus, wo sie Küchenabfälle verzehrten", erzählt Mandy Wilkins lächelnd aus der Mittelalter-Historie der Stadt.

Engagiert geht sie auch auf die Geschichte des Barbican ein, des um 1470 unter König Edward IV. gebauten Stadttores, das der Abwehr französischer Angreifer diente. Noch heute findet sich hier eine Tafel mit Zöllen, die Händler beim Durchfahren zu entrichten hatten. Das Museum des Ortes dokumentiert das über 1300-jährige Auf und Ab der kleinen Stadt. Dokumente legen Zeugnis ab über die Cinque Ports, die fünf Häfen, die England im Süden als Bollwerk gegen äußere Feinde dienen sollten.

Hier wird die Zeit lebendig, als in Sandwich - nach Dover der größte Hafen in der Grafschaft Kent - riesige Mengen von Getreide umgeschlagen wurden. Pilger machten auf ihrer Reise nach Canterbury Halt, in Frankreich verfolgte Christen retteten sich nach England und holländische Weber suchten hier ein besseres Leben. Auch der erste und der vierte Earl haben im Museum und im Rathaus einen festen Platz gefunden.

Expansion nach London

Spricht man den Bürgermeister auf die Kontakte zum jetzigen Earl an, so verweist dieser gern auf die im Jahr 2010 begangene Jubiläumsfeier anlässlich des 350. Jahrestages der Titelverleihung an den ersten Earl. Dennoch wurmt ihn die Tatsache, dass es im Ort keinen Sandwich-Shop gibt. "Da müssen wir wohl noch einmal mit dem elften Earl und dessen Sohn Orlando Montagu reden", sagt er. Eine solche Gelegenheit bietet sich zum 250. Jubiläum im Mai, zu dem die Montagus ihre eigenen Sandwich-Kreationen in einem Festzelt spendieren wollen.

Erst vor rund einem Jahr eröffneten Vater und Sohn Montagu ein Sandwich-Restaurant in Ludgate Hill, vor den Toren der St. Pauls Kathedrale in London. "Leider haben es unsere Vorgänger versäumt, das Sandwich patentrechtlich schützen zu lassen", bedauert Orlando in dem ansprechenden kleinen Schnellrestaurant. "Anbieter wie Subway, Pret a Manger oder EAT. eröffneten ein Geschäft nach dem anderen, so dass mein Vater und ich die Zeit als reif ansahen, ein eigenes Konzept in die Tat umzusetzen", erklärt der 40-Jährige.

"Die Anregung kam von Disneyland in Orlando, Florida, das vor acht Jahren ein erstes Restaurant mit dem Namen 'Earl of Sandwich' eröffnete. Inzwischen gibt es in den USA über 15 davon, wir sind in der Pariser Disneyworld vertreten und werden in Kürze auch in Tokio unsere Sandwiches anbieten", umreißt Orlando seine gegenwärtigen Aktivitäten in Sachen historisches Erbe und wirtschaftlicher Expansion. Verglichen mit der internationalen Präsenz nimmt sich der Shop in Ludgate Hill klein aus. "Aber noch in diesem Jahr sollen auch in London zwei neue Restaurants hinzukommen - möglichst vor den Olympischen Spielen", sagt er.

Siegeszug des Sandwiches

Sein Erfolgsrezept: "Die Brötchen werden frischgebacken, das Fleisch kommt aus der Röhre und das Gemüse beziehen wir direkt bei Bauern. Außerdem haben wir selbst leckere Soßen kreiert." Im Gegensatz zum vierten Earl setzt Orlando jetzt auf das amerikanische Konzept eines warmen Sandwiches, auch wenn er dafür - im Unterschied zur kalten Konkurrenz - eine Mehrwertsteuer an den Staat abführen muss. Darüber ärgert sich der Unternehmer sichtlich: "Wir könnten sonst das Sandwich zu einem Preis von unter vier Pfund anbieten."

Doch dann greift er genüsslich zu seinem Lieblingssandwich: dem "Original 1762" mit Roastbeef, Cheddar und Meerrettichsoße für 4,75 Pfund. Auch diese Variante fand in Adelskreisen Anhänger, als der elfte Earl als Mitglied des Oberhauses das Restaurant in Westminster damit belieferte.

Gegen Mittag bilden Touristen, Geschäftsleute und Uniformierte in Ludgate Hill eine lange Schlange, offensichtlich ist die warme Variante trotz Mehrwertsteuer konkurrenzfähig. Geht man von der St. Pauls Kathedrale über die Millennium Bridge hinüber auf die andere Seite der Themse, vorbei an der Tate International für Moderne und Gegenwartskunst bis zum Borough Market, werden für eine Portion Fish und Chips 8,99 Pfund fällig.

Einige hundert Meter weiter, kurz vor der Tower-Bridge, haben sich junge Leute zur Mittagspause mit Blick auf den gegenüber liegenden Tower niedergelassen - zum Lunch gibt es: Sandwich.

Michael Juhran, dpa

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
plasmopompas 25.04.2012
Auf diesen Artikel werde ich mir jetzt erstmal ein Lachssandwich mit Meerrettich, Zwiebels und Kapern gönnen.
2.
spon-facebook-10000148161 25.04.2012
Die Erfindung des Sandwiches, hat auch in den Naturwissenschaften zahlreiche "Nachahmungen" gefunden. Das Brötchenprinzip ist zum Strukturmotiv vielfältiger Verbindungsklassen geworden. - So weist die Datenbank "SciFinder" 110.246 Treffer zur Anfrage "Sandwich" aus.
3.
Grünschnabel 25.04.2012
Der Autor hat die wahren Ursachen der Erfindung des Sandwichs gnädig im Dunlken gelassen - vielleicht, um für seinen Artikel eine Altersfreigabe ab 6 zu erhalten. Was den Arbeitseifer des Earls angeht, weiß die Classic Enc. von 1911 über das Ergebnis zu berichten: "For corruption and incapacity Sandwich's administration is unique in the history of the British navy." - Besonders interessant ist aber, daß der Earl Mitglied des "Hellfire Clubs" war, der sich unregelmäßig zwischen 1746 und 1763 traf, um sexuelle Ausschweifungen zu begehen. Man bediente sich satanistischer Praktiken, nannte sich selber "Ritter des hl. Frankziskus" und wählte als Motto das berühmte "Tu, was Du willst" der Abtei Thelema. Das Sandwich wurde also wahrscheinlich erfunden, weil der Earl gerade mit anderen Ausschweifungen schwer beschäftigt war und nur noch eine Hand freihatte ...
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