Kulturausflug nach Yorkshire Kunst zwischen Kötteln

Skulpturen auf der Schafswiese, Malerei im Industriedenkmal: In der altehrwürdigen englischen Provinz Yorkshire hält moderne Kunst Einzug - große Namen wie Hockney, Moore und Miró werden hier an außergewöhnlichen Orten präsentiert.

Karsten-T. Raab

Bei dem Wort Yorkshire denken viele unweigerlich an den gleichnamigen Terrier. Andere erinnern sich an den kaum minder bekannten Pudding, jene englische Sättigungsbeilage zum Sonntagsbraten. Die Grafschaft im Osten Englands steht auch für unberührte Natur, liebliche Hügel und unendliche Weiten. Was die wenigsten aber wissen: Yorkshire hat auch Kulturfreunden ganz Besonderes zu bieten.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die 2011 eröffnete Galerie "The Hepworth" in Wakefield. Die nach der Bildhauerin Barbara Hepworth benannte Kunstsammlung setzt architektonische Akzente in der englischen Kleinstadt. Der Bau wurde nach Plänen des Stararchitekten David Chipperfield errichtet. Auf 650 Quadratmetern wird hier die Dauerausstellung "Yorkshire in Pictures" gezeigt.

Den Grundstock der Ausstellung bilden 40 Arbeiten von Hepworth, die von ihren Nachfahren gestiftet wurden. Die 1975 verstorbene Künstlerin, die auch zweimal im Rahmen der Documenta in Kassel ausstellte, hatte 1903 in Wakefield das Licht der Welt erblickt und den Großteil ihrer Jugend dort verbracht.

David Hockney in der Arbeitersiedlung

Nur wenige Kilometer außerhalb von Wakefield liegt der 1977 gegründete Yorkshire Sculpture Park. In der 200 Hektar großen Grünanlage warten gut 60 Skulpturen namhafter Künstler wie Henry Moore, Barbara Hepworth, Antony Gormley, Andy Goldsworthy, Jonathan Borofsky und David Nash darauf, entdeckt zu werden. Das Wandeln zwischen den Arbeiten wird dabei nicht selten zum Gang zwischen Kunst, Kötteln und grasenden Wollknäueln. Denn rings um die Kunstwerke betätigen sich zahllose Schafe als vierbeinige Rasenmäher und bilden einen tierischen Kontrast zu den Exponaten aus Metall, Stein und Holz.

"Wir machen Kunst im wahrsten Sinne des Wortes begehbar - und dies völlig kostenfrei", sagt Nina Rogers vom Yorkshire Sculpture Park nicht ohne Stolz. Die Anlage zählt mehr als 300.000 Besucher im Jahr. Die angeschlossene Galerie trägt ihren Teil zur hohen Beliebtheit bei. Hier werden immer wieder aufsehenerregende Ausstellungen präsentiert - bis zum 6. Januar 2013 ist eine Präsentation mit Skulpturen des spanischen Künstlers Miró zu sehen.

Lohnend ist auch ein Abstecher vor die Tore der Industriemetropole Bradford zum Unesco Weltkulturerbe Saltaire. Die im Auftrag des Textilfabrikanten Titus Salt Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene Siedlung mit Fabrikanlage und Wohnhäusern gilt als Musterbeispiel einer englischen Arbeitersiedlung. Während die Fabrik seit zweieinhalb Jahrzehnten Geschichte ist, ist in der ehemaligen Fertigungshalle heute die Galerie "1853" beheimatet. Sie zeigt die Werke des 1937 in Bradford geborenen und lange Zeit in Kalifornien lebenden Künstlers David Hockney.

Das Werk eines Kontrollfreaks

"Saltaire ist fraglos eines der prächtigsten Industriedenkmäler in Großbritannien, auch wenn sich an der Person von Titus Salt die Geister scheiden", sagt Keith Mulhearn. Auch der 45-jährige Hobbyhistoriker und Buchautor aus York ist gleichermaßen fasziniert wie schockiert vom Lebenswerk des späteren Bürgermeisters von Bradford. Bereits 1853 wurde Salts Mill eröffnet: eine sechsstöckige Textilfabrik, in der mehr als 3000 Beschäftigte an 1200 Webstühlen arbeiteten. Äußerlich war das monumentale Bauwerk der Frarikirche in Venedig nachempfunden.

Innerhalb von 20 Jahren wurden das Dorf Salts Mill mit Cottages, Schulen, einem Krankenhaus, einer Kirche, einem Badehaus, einer Polizeiwache, einem Freizeitzentrum, einer Bücherei, einem Seniorenwohnheim und Geschäften fertig gestellt. Jede Arbeiterfamilie erhielt ein eigenes Häuschen mit Garten.

"Titus Salt war ein absoluter Kontrollfreak", sagt Mulhearn rückblickend. Die Häuser der Vorarbeiter verfügten über kleine Türme, von denen aus das Dorf überwacht werden konnte. Salt sorgte unter dem Vorwand, dass der Genuss von Alkohol der Arbeitskraft schaden und zu Unfällen in der Produktion führen könnte, dafür, dass in "seiner Stadt" kein Pub errichtet wurde. "Er wollte schlicht nicht, dass sich Leute trafen, um über ihn und die Arbeit zu lästern", sagt Mulhearn.

1876 verstarb Titus Salt im Alter von 73 Jahren. Die Fabrik schloss 1986 aufgrund der Krise in der Textilindustrie ihre Pforten. Der Unternehmer Jonathan Silver übernahm ein Jahr später die leerstehenden Gebäude, sanierte das marode Areal - und brachte Hockney zurück nach Yorkshire.

Karsten-Thilo Raab/srt/dkr



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
efka526 25.11.2012
1. Keine Pubs...
in Yorkshire, wo es einige der besten Ales des Vereinigten Königreichs gibt? Tja, puritanische Kapitalisten sind halt keine Gourmets...
mahmoodsani 06.02.2015
2.
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hermannheester 07.02.2015
3. Der Doktor und das liebe Vieh
Das war eine urig-yorkshireische Serie, wo man sich nciht nur gelegentlich nach Friesland oder ins Oberbayrische hätte versetzt fühlen können. Typen mitEcken und Kanten und mit Gewohnheiten und Macken, die man entweder liebt oder nie begreifen wird.
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