ZDF-Serie "Trapped" aus Island Viele Krimis, kaum Morde

Die TV-Serie "Trapped" ist rau, eigenwillig und wandlungsreich - so wie die Natur Islands. Produziert und gespielt von Isländern, zeigt der Krimi die düstere Seite der Insel. Ein Drehortbesuch.

Lilja Jonsdottir / ZDF / RVK Studio

Von Alva Gehrmann


Der Schnee peitscht ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Schritt für Schritt kämpft sich der massige Isländer am Fuße der Berge durch den Sturm. Während die anderen Bewohner des Fischerdorfes in ihren Häusern Schutz suchen, ist Polizist Andri auf Mörderjagd.

Der TV-Krimi "Trapped - Gefangen in Island", der am Sonntag im ZDF startet, zeigt die düstere Seite der Insel im hohen Norden Europas. "Die Natur ist der Hauptdarsteller unserer Serie", sagt Regisseur Baltasar Kormákur bei einem Kaffee in den Rvk Studios, in der Nähe des Reykjavíker Hafens. "Die Menschen sind eingeschneit, in der Falle, und es ist ein Wettlauf gegen die Zeit", so beschreibt Baltasar, der wie in Island üblich geduzt werden will, seine Plotidee.

"Trapped" spielt in einem verschlafenen Fischerdorf, in dem eines Tages eine Leiche angeschwemmt wird. Zeitgleich ankert eine dänische Touristenfähre im Fjord. Als dann plötzlich ein Schneesturm wütet, sind Anwohner, Reisenden und Mörder im Dorf gefangen. Die vom ZDF koproduzierte Reihe ist eine Mischung aus Nordic Noir und Whodunit-Story und feierte schon in Island, Frankreich und Großbritannien Erfolge.

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TV-Krimiserie "Trapped": Typisch isländisch

Anders als die "Island-Krimi"-Serie der ARD, in der ein US-amerikanischer Autor alle Islandklischees - inklusive Elfenglauben - in Mordfälle einwickelt, hat "Trapped" ein exzellent geschriebenes Drehbuch von überwiegend einheimischen Autoren. Die Charaktere der Provinz sind teils spröde, oft vielschichtig; die Landschaft zeigt kein Postkartenidyll. Und die Produktion verlief typisch isländisch - hier kennt fast jeder jeden und wohl jeden Ort.

Lampen aus für den Dreh

Ein Name wird in den Filmen nicht genannt, doch Isländer tippen sofort auf Siglufjörður. Baltasar kennt die abgelegene Gemeinde im Norden sehr gut, der 50-Jährige besitzt in der Nähe einen Hof mit Pferden. Der Halbspanier redet schnell, ist lebhaft und zeigt keine Allüren, die er bei seiner internationalen Karriere und Erfolgen, wie zuletzt mit der Bergsteigertragödie "Everest", durchaus haben könnte. Stattdessen schwärmt der Regisseur von seinem Hof in der Einsamkeit.

In Siglufjörður, wo auch Baltasars Vater als junger Mann in der Heringsfabrik arbeitete, leben rund tausend Menschen. Der Fisch ist längst verschwunden. Dafür kommen nun Reisende, die das Museum über die Heringszeit oder die Originaldrehorte von "Trapped" sehen wollen. Lange Zeit war der Ort im Winter tatsächlich oft vom Rest der Insel abgeschnitten. Erst 2010 gibt es einen Tunnel, der mit einem 11,5 Kilometer langen gestrickten Schal feierlich eingeweiht wurde.

Baltasar empfiehlt dennoch, bei der Anreise die alte Bergstraße zu nehmen, die sich dann in den Fjord hinunterschlängelt. Mit dem Blick aus der Höhe auf Siglufjörður steigt auch die Fernsehserie ein. Gedreht wurde von Januar bis März - stürmische Monate für den ansonsten eher verschlafenen Ort, jetzt bevölkert von einer Filmcrew. Einige Dorfbewohner spielten als Komparsen mit, andere öffneten ihre Wohnungen - sei es für Dreharbeiten oder als Übernachtungsstätte der Crew.

Zu klein für die Filmfähre

"In einer Szene sollten die Lichter in der Gemeinde ausfallen", erzählt Hanna Sigríður Ásgeirsdóttir, kurz Hanna Sigga genannt. "Also stellten alle ihre Lampen aus und warteten zu Hause im Dunkeln, bis wir fertig waren." Hanna Sigga ist in Siglufjörður aufgewachsen und wurde als Produktionsassistentin von ihrem Cousin, der bei den Rvk Studios arbeitet, angeworben: "Ich half dem Team, als sie auf Location-Suche waren." Als ihr ehemaliger Kunstlehrer gebeten wurde, sein mintgrünes Holzhaus am Fuße des Fjordes zur Verfügung zu stellen, fragte er nur: "Wird der Mörder hier wohnen?" Als das Team dies verneinte, stimmte er zu.

Siglufjörðurs Hauptstraße verläuft parallel zum Atlantik, vorbei am Museum und jenem unter "Trapped"-Kennern nun berühmten Pier, an dem Andri breitbeinig stehend, gedankenverloren auf den Fjord schaut. Am Berghang zur Dorfseite hin liegen farbenfroh gestrichene Holzhäuser und graue Steinbauten. In der Bäckerei mit Café treffen sich die Dorfbewohner täglich. "Wir sind stolz darauf, dass unser Ort als Drehort für diese Serie ausgewählt wurde", sagt Hanna Sigga. Die anderen nicken zustimmend. Nur die Szene mit der Touristenfähre musste in der Hafenstadt Seyðisfjörður gedreht werden - der Kai wäre zu klein gewesen.

In Island gibt es zwar viele Krimis, aber kaum Morde. "Ein Mordfall ist zu meinen Lebzeiten in Siglufjörður nicht passiert", sagt Hanna Sigga. So berührte es die Isländer sehr, dass vor wenigen Wochen die 20-jährige Birna nach einer durchfeierten Nacht in Reykjavík getötet wurde. Man fand ihre Leiche einige Tage später am Meeresufer. "Wir waren alle geschockt. Island ist doch so klein."

"Dahinter kommt nur noch der Nordpol"

In "Trapped" wird der Dorfpolizist Andri, der ansonsten nur Knöllchen verteilt und bei der Ermittlung über sich hinaus wächst, von Ólafur Darri Ólafsson gespielt. Er ist der derzeit erfolgreichste Schauspieler Islands. Der kräftige 43-Jährige mit Vollbart fühlt sich ähnlich wie Regisseur Baltasar mit der Region verbunden. "Während der Dreharbeiten in Siglufjörður lebte ich durch Zufall in dem Haus, das einst meiner Großmutter gehörte", erzählt er.

"Das gesamte Team ist auch hinter den Kulissen wie eine Familie", sagt der Schauspieler. "Mit Baltasar arbeite ich schon seit über 15 Jahren immer wieder zusammen." Er kennt daher dessen Vorliebe für körperlich herausfordernde Drehs. "Wir mussten immer flexibel sein", sagt Ólafur Darri, "denn ein Sturm steht in keinem Terminkalender." So rief der Regisseur genau in einer Drehpause an und verkündete, dass die Mörderjagd im abendlichen Schneewirbel gefilmt werden sollte.

Ólafur Darris Lieblingsort ist ein Platz hinter dem alten Tunnel Strákagöng, wo er in der Freizeit gerne entspannte. "Von dort aus kannst du in Richtung Norden auf das Meer schauen", sagt er. Und grinst. "Dahinter kommt nur noch der Nordpol." Fühlt Hanna Sigga sich eigentlich gefangen in Siglufjörður? "Nie. Ich liebe es, hier Ski zu fahren oder zu wandern. Meine Berge geben mir Sicherheit."

Die Serie "Trapped - Gefangen in Island" startet am 19. Februar um 22 Uhr im ZDF, in der Mediathek sind die Folgen schon ab dem 17. Februar zu sehen. Wer das richtige Island-Feeling bekommen möchte, findet die Serie dort auch alternativ zur synchronisierten Fassung im Original mit Untertiteln. Einen Blick hinter die Kulissenerlaubt das Making-of.

Alva Gehrmann ist freie Autorin bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt vom isländischen Tourismusverband Inspired by Iceland.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
mayazi 16.02.2017
1. Frage
an die Isländer oder Islandkenner hier: wenn da jeder jeden kennt, wie machen die dann das mit der Kungelei und Korruption? Davon scheint es nicht viel zu geben, oder? Die Serie werde ich jedenfalls anschauen, danke für den Bericht.
Lobinj 16.02.2017
2. Ov?
Wieso OV mit Untertitel nicht auch in der TV Version?
jensruminy 16.02.2017
3. Die liebe Sprache ....:
... als ich klein war, hieß das Meeresufer noch Küste!
jeby 16.02.2017
4.
Zitat von LobinjWieso OV mit Untertitel nicht auch in der TV Version?
Weil die Mehrheit der Deutschen es bevorzugt, synchronisierte Serien zu schauen und die Sender eine hohe Einschaltquote haben wollen.
Bob Hund 16.02.2017
5.
Zitat von jebyWeil die Mehrheit der Deutschen es bevorzugt, synchronisierte Serien zu schauen und die Sender eine hohe Einschaltquote haben wollen.
Es ist ja nun technisch wirklich kein Problem mehr, im Zweikanalton auszustrahlen. Im Zweifelsfall einfach mal bei den Kollegen von arte oder Schweizer Fernsehen nachfragen, die schaffen das schon seit Jahrzehnten. Lizenzprobleme sehe ich bei einer koproduzierten Serie nun auch nicht wirklich. Zumal Isländisch jetzt nicht wirklich eine Sprache ist, bei der man vor Raubkopien angst haben müsste.
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