Tyler Brûlés grünes Herz: Mein Freund, der Baum

Was ist grün und raschelt? Das neue Feindbild der Londoner Stadtplaner. Tyler Brûlé beklagt sich über immer mehr rücksichtslose Menschen mit Kettensägen - und den langsamen Siegeszug der Betonwüsten.

Betonwüste in China: So schlimm ist es in London allerdings noch nicht Zur Großansicht
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Betonwüste in China: So schlimm ist es in London allerdings noch nicht

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Unser letztes Quiz liegt schon eine ganze Zeit zurück. Holen Sie sich also eine Tasse Kaffee, setzen Sie sich gemütlich hin und lassen Sie sich von mir mit ein paar Fragen bombardieren. Osama Bin Laden befindet sich auf dem Grund des Indischen Ozeans, der Waffenhändler Viktor Bout im Knast, Kim Jong Un im Windschatten seiner Frau und Ugg Boots endlich auf dem Rückzug: Wer ist nun also der neue Staatsfeind Nummer eins?

Ticktack, ticktack... Darf ich helfen? Nein, er wohnt nicht in Teheran. Es ist auch nicht etwas so Banales wie die Grippe. Ticktack, ticktack... Die potentielle Gefahr durch diesen neuen Feind wird so ernst genommen, dass viele Regierungen Spezialteams gebildet haben, um ihn aufzuspüren und zu vernichten.

Den Verdacht, dass in den großen urbanen Zentren ein geheimer Krieg geführt wird, hege ich schon länger. Ein Spaziergang durch London offenbarte nun jedoch, mit welchem Aufwand diese neue Bedrohung bekämpft wird.

Ticktack, ticktack... Schon eine Ahnung? Vielleicht denken Sie an bewaffnete Verbrechersyndikate aus Albanien, Drogenhändler in Kapuzenjacken oder radikale Islamisten aus dem Maghreb, die von Geheimdiensten ins Visier genommen werden - all das wäre aber bei weitem zu exotisch.

Der wahre Staatsfeind, liebe Leser, ist der Baum, dessen Blätter vor Ihrem Fenster im Wind rascheln. Zunächst mag dies absurd klingen, aber Sie müssen nur mal einen genauen Blick auf Ihre Stadt werfen (trifft auf praktisch jede zu), um zu begreifen, wie groß der Hass der Regierungen und ihrer Vertreter gegenüber dem gemeinen Baum sein muss.

Entwurzeln, häckseln, schreddern

Jahrzehntelang wurde uns vermittelt, wie wichtig der Umweltschutz sei. Jede Firma mit einem Funken Verantwortungsgefühl konnte ihre Mitarbeiter dazu motivieren, am Wochenende freiwillig Ahornbäumchen zu pflanzen. In der echten Welt wurde hingegen genau das Gegenteil praktiziert.

Auf der einen Seite zogen also Horden von Umweltschützern mit winzigen Setzlingen und Ablegern los, um Straßenränder und Parks zu verschönern. Auf der anderen bewaffneten sich immer mehr Leute mit Kettensägen und Baggern, um nach Herzenslust unschuldige Birken und Magnolien zu entwurzeln, zu häckseln und zu schreddern.

Für viele Menschen in den Rathäusern und Stadtentwicklungsbehörden ist der Baum die Inkarnation des Bösen. Er ist pflegeintensiv, er ist schmutzig, er ist gefährlich, vor allem aber ist er eines: teuer. Mein Spaziergang durch London zeigte, wie fatal die Situation für Laub- wie Nadelbäume geworden ist, seit sie in den meisten Städten in Ungnade gefallen sind.

Über die Bedeutung der Natur für die Bewohner von Städten und Gemeinden wird zwar gern geredet, in den meisten Business-Plänen wird das Gut Baum jedoch als Luxus betrachtet, der weggelassen werden kann. Bei der kürzlich erfolgten Sanierung der Straßen hinter dem Piccadilly Circus im Herzen Londons hätte man sich beispielsweise vorstellen können, dass die Immobilienverwaltung der britischen Krone ein paar ihrer Kirschbäume für die Neugestaltung gespendet und in die Glasshouse Street transportiert hätte. Das Ergebnis wäre ein einladender Boulevard gewesen, wo man im Frühling unter Kirschblüten hätte spazieren gehen können.

Aber weit gefehlt. Die vorher grausige, nach Urin stinkende Straße ist nach der Umgestaltung ein karger, öder Windkanal, in dem es unverändert nach Urin stinkt - nun allerdings bar jeglichen Erdbodens, in dem er versickern könnte.

Bäume sind nicht im Budget

Wie Stadtplaner ein solches Projekt, das auf die Anpflanzung von Bäumen ganz verzichtet, vorantreiben können, bleibt mir ein Rätsel. Vermutlich ist es das Werk der dunklen Kräfte aus den Behörden für Gesundheit und Sicherheit - Erbsenzähler, deren Autorität über allen steht, die sich für die Gesundheit der Menschen und die Schönheit der Stadt einsetzen.

Man kann die Schimpftiraden gegen hilflose Ulmen und Kastanien in den Stadträten und Vorstandsetagen geradezu hören. Und dazu das Schaben fetter Rotstifte, mit denen gerade Bäume aus den Planungsskizzen gestrichen werden. "Oh nein, nein, nein. Wir können hier keine Bäume hinstellen. Denken Sie an die Blätter und die Haftpflicht. Die Leute könnten schließlich ausrutschen", würde die Person in der neonfarbenen Warnweste wahrscheinlich sagen.

"Ja, und dann all die Kosten, die auf uns zukämen. Ausgaben für das Zurückschneiden und Trimmen sowie für die Beseitigung der Blätter. Nein, nein, nein. Bäume sind nicht im Budget", würde der kleine Mann im angegrauten, bügelleichten, weißen Hemd antworten, während er in einen Rechner tippt.

PR-Teams mögen zwar lang und breit über grüne Dächer und Wiesen für herumtollende Kinder dozieren - aber glauben Sie denen kein Wort. Drehen Sie eine Runde durch die Neubauten in der Nähe von Londons Bahnhof King's Cross. Sogar das eindrucksvolle neue Gebäude der Kunsthochschule Central Saint Martins kommt ohne Bäume oder Sträucher aus - auf dem weit offenem Vorplatz gibt es weder Schatten noch eine Möglichkeit, sich irgendwo unterzustellen. Das Westfield-Projekt etwas weiter östlich in Londons Olympischem Park ist ebenfalls so eine baumlose Wüste. Schauen Sie sich um - dasselbe passiert gerade in Neubaugebieten in Polen, Schweden, China, Australien, den USA und Kanada.

Nicht die Bäume sind unsere Feinde. Es sind die elenden Stadtentwickler und die kurzsichtigen Angestellten. Sie sollten die Adressaten einer Kampagne für die Wiederherstellung des Stellenwerts von Blättern als Teil des urbanen Lebens sein. Und sie sollten uns vor toten Stadtlandschaften bewahren, die Struktur, Schönheit und Menschlichkeit vermissen lassen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Nanu?
susuki 27.11.2012
Hat der Befürworter des verdichteten Bauens mit haus im Grünen, etwa verdichtbare Vegetation entdeckt? Warum nur, tue ich mir immer wieder diese Rubrik an? Lust an der Peinlichkeit? Lust am täglichen Ärger? Ich weis es nicht.
2. Danke
snickerman 27.11.2012
Da hat der Mann völlig recht! Nie ist mir das nervtötende Geräusch der Kettensägen so oft ins Ohr gedrungen wie im letzten und in diesem Jahr. Unter allen möglichen Vorwänden wird gestutzt oder gleich gefällt. Pflegen war gestern, Fällen geht schneller und ist billiger. Und nicht nur die Vertreter der Kommune ziehen sägend oft schon frühmorgens durch die Gegend, auch in den meisten Gärten sieht es immer öder aus. Bäume werden durch immergrünes Irgendwas (nenne das "Friedhofsbegleitgrün") oder gleich durch Kies, Stein und Beton ersetzt, ebenso wie viele Sträucher. Oft wundern sich dann dieselben Leute, warum es immer weniger Vogelgezwitscher und Bienengesumm gibt... und wo sind eigentlich die ganzen Schmetterlinge hin, die man als Kind oft sah? Schlimm genug, dass in der Landwirtschaft schon leergeräumte Agrarödnis vorherrscht, aber mehr und mehr Gärten wirken wie das Schaufenster vom Gartencenter- fehlen nur die Preisschilder...
3. in der Hamburger Hafencity...
pflaume 27.11.2012
und entlang der Elbe sieht es genau so aus.....
4. Ich sage nur ein Wort:
vlado13 27.11.2012
Berlin. Die grünste Großstadt, die ich kenne.
5. Berlin?!
chc 27.11.2012
...also wenn man sich mal ansieht wie in Berlin neu gebaut wird - z.B. der neue Hauptbahnhof - dann ist da doch auch eindeutig ein Trend weg vom Grün zu erkennen. Der Bahnhofsvorplatz ist schließlich auch nur eine riesige graue Wüste.
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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".

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