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28. Mai 2012, 09:34 Uhr

Besuch in Breslau

Stadt der versteckten Zwerge

Von Bernd Ellerbrock

Die Wichte stehen auf Plätzen, hocken auf Fensterbänken oder hängen an Laternenpfählen - Besucher der EM-Stadt Breslau können auf Zwergensuche gehen, mehr als hundert Gnomenstatuen bevölkern das Zentrum. Sie alle aufzuspüren, ist schier unmöglich.

Augen auf in Wroclaw! Wo sind die Krasnoludki? Sie klettern Laternenpfähle empor, sitzen auf Fensterbänken, hängen an Hauswänden, drohen in die Oder zu plumpsen oder lümmeln auf Plätzen herum. Sie sind etwa 30 Zentimeter groß und aus Bronze gegossen. Über hundert dieser kniehohen Zwerge soll es in Breslaus restaurierter Altstadt geben, keiner weiß genau, wie viele es wirklich sind. Denn immer wieder kommen neue hinzu, während andere verschwinden. Es heißt, sie werden entführt.

Bei Breslau-Besuchern sind die kleinen Bronzeskulpturen so beliebt, dass sie inzwischen mit einem GPS-System ausgestattet sind, um bei Diebstahl geortet werden zu können. Doch manch einem Touristen reicht es auch, die Winzlinge mit Zipfelmütze als Fotomotiv mit nach Hause zu nehmen. "Auf die Jagd nach ihnen zu gehen und möglichst viele von ihnen zu finden, macht Spaß", sagt Markus Giray aus Ulm. "Als ich letzten Sommer einige Zeit in Breslau verbrachte, habe ich versucht, sie alle zu finden." Erfolglos.

Im Sommer 2001 tauchten die ersten Klein-Wroclawer als verrücktes Projekt einiger Absolventen der Hochschule der Schönen Künste in der Stadt auf. Das brachte die städtischen Werbestrategen - schon lange auf der Suche nach etwas Unverwechselbarem und Identität stiftendem - auf die Idee, noch mehr dieser Skulpturen aufzustellen. 2004 wurde der Künstler Tomasz Moczek mit der Fertigung von zwölf Zwergen beauftragt, seitdem wächst ihre Zahl unaufhörlich.

Streng genommen hat Breslau den Bronzegnomen eine Menge zu verdanken: Sie waren Teil der Freiheitsbewegung gegen die kommunistische Zwangsherrschaft. Denn in Polen gab es nicht nur Lech Walesas Solidarnosc. In Breslau kämpfe die avantgardistische "Orange Alternative", Anfang der achtziger Jahre vom Kunststudenten Waldemar Fydrych initiiert, auf eine ganz eigene Art gegen das Regime: mit der Revolution der Zwerge.

Happening mit orangefarbener Zipfelmütze

Die Aktivisten der "Orangenen Alternative" organisierten spontane Demonstrationen in Zwergenkostümen, stellten eine gusseiserne Figur namens Papa Zwerg in der Innenstadt auf und sprühten abstrakte Zwergen-Graffiti auf die Farbflächen, die durch das Übermalen regimekritischer Sprüche entstanden waren. Inspiriert von der holländischen Kabouterbewegung stichelten sie mit dadaistisch-absurden und humorvollen Methoden gegen das Regime: Sie skandierten zu Tausenden "Wir lieben Lenin", sangen vor dem Schimpansengehege im Wroclawer Zoo Stalin-Hymnen oder demonstrierten unter der Parole "Nieder mit der Hitze!"

Zu Happenings kamen sie mit orangefarbenen Zipfelmützen und fragten die Obrigkeit: Warum sollten Zwerge verhaftet werden? Sie verteilten Toilettenpapier, wenn es mal wieder Mangelware war, was das Regime schwer nervte. So wurden die Breslauer Zwerge zum Symbol eines geistreichen Widerstandes und Sinnbild der wohl farbenfrohesten antikommunistischen Opposition in Polen. Dieser Bewegung zu Ehren wurde 2004 der erste handtellergroße Zwerg in der Swidnicka Straße aufgestellt, bei der Uhr, wo sich seinerzeit die "Orange Alternative" zu ihren Aktionen versammelte.

Als Pionier gilt auch das 2005 installierte "Sisyphoschen": Es schiebt in Anlehnung an die griechische Mythologie eine Kugel vor sich her. Berühmtheit erlangten auch das "Schlafmützchen", der "Oderwäscher", "Easy Rider" vor der Maria-Magdalenen-Kirche und der auf dem Rücken liegende vollgefressene "Nimmersatt" vor einem Pizza-Hut-Lokal. "Die Zwerge sind inzwischen so etwas wie die kleinen Botschafter unserer Stadt", sagt Magdalena Korzeniowska vom polnischen Fremdenverkehrsamt.

Zwerge für den Umweltschutz

Erschaffen werden die Zwerge von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern Breslaus wie Martin Luczkowski. Bekannt sind von ihm 18 Figuren, darunter ein Sträfling hinter Gittern mit Eisenkugel am Bein, die bereits von Tausenden Touristen angefasst wurde. Auch die Ateliergemeinschaft von Beata Zwolaska-Holod, Marta Mirynowska, Paul Osöbka, Anna Bujak Bujak, Grazia Hubert und Margaret Kaszyska Habieda hat sich auf die Figurenproduktion spezialisiert - vom Entwurf bis zum Guss.

Wer sich auf die Suche nach den Winzlingen mit Zipfelmütze macht, entdeckt die Stadt aus einer pflasternahen Perspektive. Orientierung dabei gibt der vom Tourismusbüro herausgegebene Zwergenstadtplan. Auf ihm sind allein 79 der Zwerge verzeichnet, abgebildet und mit Hinweisen auf den genauen Standort versehen ("auf der Fensterbank", "vor dem Brautmodensalon", "auf dem Schiff Nereida").

Die Übersetzungen auf der Karte sind allerdings nicht immer gelungen. "Paragrafek" zum Beispiel bedeutet dort auf Deutsch "Absätze Schöpfer". Und "Chlapibrzuch i Moczypieta" wird mit "Bauch Spritzer und Ferse Nasser" übersetzt. Das Dadaistische ist wohl nicht totzukriegen in Breslau, wo im Juni die Gruppe A zur Fußball Europamannschaft antritt.

Apropos Fußball: Selbst Fremdenführer wissen nichts von einem EM-Zwerg und auf der Zwergen-Webseite www.krasnale.pl, die es sogar auf Englisch gibt, ist ein solcher nicht zu finden. Auch in der Fotogalerie sind zwar 197 Zwerge abgebildet, ein Fußballer ist aber nicht dabei. Die Breslauer sind jedoch überzeugt davon, dass er noch auftauchen wird. Irgendwann. Irgendwo.

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