Winzer auf Zypern "Wein der Könige, König der Weine"

Zypern ist die Heimat des vielleicht ältesten Weins der Welt - und Lefteris Mohianakis verschafft ihm weltweit neue Anerkennung. Der Weinbauer lebt abgeschieden im Troodos-Gebirge, hier konnte er seinen Traum von Unabhängigkeit verwirklichen.

Linus Geschke

Von Linus Geschke


Wer zu Lefteris Mohianakis will, muss eine mit Schlaglöchern übersäte Straße hoch ins Troodos-Gebirge fahren. Vorbei an Dornenbüschen, die über das Blech des Wagens streifen, an Olivenbäumen, Zypressen und Chrysanthemen. Wenn die Büsche den Blick kurz freigeben, sieht man in der Ferne Nikosia, Zyperns Kapitale und die letzte geteilte Hauptstadt der Welt. Der Weg endet an einem Eisentor, das rostig und schief in den Angeln hängt.

"Meine Frau und ich haben uns diesen Ort ganz bewusst ausgesucht", sagt Mohianakis bei der Begrüßung. Der Weinproduzent hat seine Haare zum Zopf gebunden, seine Arme sind von oben bis unten tätowiert. "Diese Abgeschiedenheit ist genau das, was wir schon immer wollten und für unsere Arbeit brauchen."

Hohe Pinien werfen ihre Schatten auf die zwei Gebäude. Das eine befindet sich noch im Rohbau, das andere, fertige, besteht aus Stein und Holz. Ein Rottweiler liegt auf der Veranda und döst in der Sonne. Hier soll es den ältesten Dessertwein der Welt geben, hatten die Einheimischen im nahegelegenen Dorf Lythrodontas gesagt. Den besten, sagten die anderen.

Schon der Name ihrer 2009 gegründeten Firma deutet darauf hin, dass es Kristina Apostolou und Lefteris Mohianakis um mehr als nur um einen Wein geht: The Anama Concept, das Konzept ihres Weines Anama. "Für uns ist das die Erfüllung eines Traums", erzählt die gelernte Goldschmiedin Apostolou, blaue Augen und rote Haare. "Der Traum von Nachhaltigkeit, Qualität und Eigenverantwortung."

Der König der Weine

Das griechisch-zyprische Paar produziert hier einen Dessertwein aus sonnengetrockneten Trauben, dessen Grundlage der Kyprion Nama ist - der vielleicht älteste Wein der Welt. Erstmals vor mehr als 5000 Jahren hergestellt, erlebte er im 13. Jahrhundert als Commandaria seine Blütezeit. Damals war Zypern von Kreuzrittern besetzt, und der englische König Richard Löwenherz soll von ihm so begeistert gewesen sein, dass er über ihn sagte: "Der Wein der Könige und der König der Weine."

Später dann schwand die Bedeutung des Commandaria, bis er, lieblos und billig produziert, zu einem Massenprodukt in den Regalen einschlägiger Discounter wurde. Lefteris Mohianakis hat auf Kreta Weinbau studiert, und er sagt, dass er sich beim ersten Schluck in die Besonderheit des Weines verliebt hat - nicht in dessen angebotene Qualität, sondern in das Potenzial, das er darin erkannte. Er wollte ihn wieder auf klassische Weise produzieren, handverarbeitet, in kleinen Stückzahlen und abgefüllt in Flaschen, die kleinen Kunstwerken gleichen.

Zypern war schon immer eine Insel des Weins, und sie ist es auch heute noch: In manchen Regionen gibt es Weinberge, so weit das Auge reicht. Kleine, terrassenförmige Felder, die sich an sonnenbeschienene Hügel schmiegen. Reiseveranstalter bieten spezielle Weintouren an, besonders in der Region zwischen Limassol, Paphos und dem Troodos-Gebirge, in dem auch das Anwesen des Anama Concept liegt.

"Als wir mit der Produktion von 720 Flaschen angefangen haben, wurde uns von vielen Stellen gesagt, dass unser Plan sinnlos wäre", sagt Kristina Apostolou. "Die vier Großkellereien hatten den Markt unter sich aufgeteilt - und ich sollte lieber Handtaschen designen, anstatt mich mit meinem Mann an der Weinproduktion zu versuchen."

Sie taten es nicht. Räumten stattdessen mit ihrem Wein Preise ab, acht Auszeichnungen in sechs Jahren. Heute floriert das Unternehmen, sie könnten dreimal so viel verkaufen, wie sie produzieren. Der schwäbische Weinhändler Joachim Lipp sagt, dass ihr Produkt "vielleicht das Beste ist, was ich jemals in dieser Richtung probieren durfte".

Die Trauben für ihr Produkt dürfen nur aus zwei Anbaugebieten kommen. Mohianakis kauft bei kleinen Winzern aus der Umgebung. Alles Familienbetriebe, die er alle persönlich kennt. Vor der Ernte trocknen die Trauben am Rebstock zwischen 45 und 60 Tage lang in der Sonne, damit erreichen sie bereits bei der Lese einen sehr hohen Zuckergehalt. Drei Jahre lang hat der Wein dann Zeit, in Fässern zu reifen. Das fertige Produkt trinkt sich wie ein exzellenter Portwein, süß und leicht nach Honig schmeckend.

2000 Flaschen pro Jahr

In diesen Tagen kann man mit einer Zyprerin und einem Griechen nicht an einem Tisch sitzen, ohne dass die Worte Grexit, Krise und Euro fallen. Einmal davon angefangen, lässt das Thema die beiden nicht mehr los. Sie reden sich in Rage. Vielleicht auch, weil sie täglich ihr persönliches Gegenkonzept leben.

Kristina und Lefteris glauben nicht, dass die Griechen faul wären, wie es manche deutsche Boulevardzeitung schrieb. Und sie glauben auch nicht, dass die Deutschen "unser Blut trinken wollen", wie eine griechische Zeitung behauptete.

Überzeugt sind sie dagegen von der Schuld der Banken. Die beiden nutzen sie, um Überweisungen zu tätigen und Zahlungen zu erhalten; das war's. "Wir stecken nur in die Firma, was wir zuvor verdient haben", sagt Kristina Apostolou. "Verdienen wir nichts, investieren wir auch nicht. Ein Kredit ist keine Option für uns: Wir haben uns selbstständig gemacht, weil wir von niemanden abhängig sein wollen - schon gar nicht von Banken."

Auch diese Unabhängigkeit gehört zu ihrem Konzept: Pro Jahr produzieren sie lediglich 2000 durchnummerierte Flaschen, in kein Land werden mehr als 200 exportiert. Alles andere, so finden sie, würde wieder zur Abhängigkeit führen: gegenüber Angestellten, gegenüber Importeuren und Händlern. Stattdessen verkaufen sie lieber an Endkunden, von denen einige stets zwei Flaschen eines jeden Jahrgangs nehmen: eine zum Trinken, eine zum Sammeln.

Wahrscheinlich ist dieser Wunsch nach Unabhängigkeit auch der Grund, warum das zweite Gebäude noch nicht fertiggestellt ist. Dabei weiß Lefteris Mohianakis schon genau, was dort entstehen soll: eine Begegnungsstätte für Besucher; ein Platz, an dem man seinen Wein in passender Atmosphäre genießen kann. 5000 Jahre Geschichte, in Flaschen gefüllt.

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insgesamt 7 Beiträge
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lacino 04.09.2015
1. Wein-Ursprung Georgien
Nachweislich gibt es seit ca. 6000 v.Chr. Weinanbau in Georgien und weiter in Mesopotamien. Georgien gilt somit als Ursprungsgebiet des Weinanbaus! Nicht Griechenland oder Zypern oder irgendeine griechische Insel...
garfield 04.09.2015
2.
Zitat von lacinoNachweislich gibt es seit ca. 6000 v.Chr. Weinanbau in Georgien und weiter in Mesopotamien. Georgien gilt somit als Ursprungsgebiet des Weinanbaus! Nicht Griechenland oder Zypern oder irgendeine griechische Insel...
Das scheint nicht die einzige Stelle im Artikel zu sein, die man in Frage stellen müsste. So ist es doch wohl eher der ungarische Tokajer (https://de.wikipedia.org/wiki/Tokajer), der diesen Titel "Vinum regum, rex vinorum" führt. Allerdings scheinen sich inzwischen wohl mehrere Weine (http://www.handelsblatt.com/panorama/reise-leben/juergens-weinlese/juergens-weinlese-erste-station-piemont-der-koenig-der-weine-der-wein-der-koenige/7428918-2.html) bzw. deren Produzenten mit diesem wohlklingenden Zusatz schmücken zu wollen.
manicmecanic 04.09.2015
3. Zypern Weinparadies
Egal wo er nun zuerst gemacht wurde ist die Insel tatsächlich voll von gutem Wein der oft auch noch erstaunlich günstig ist.Ich war 1990 dort und habe gestaunt über die vielen teils recht alten Weine die an jeder Ecke zu haben waren.Wieder zuhause mußte ich feststellen daß leider sogut wie nichts davon im Ausland bzw in D zu haben war.
ftester 04.09.2015
4. Nun,
Zitat von manicmecanicEgal wo er nun zuerst gemacht wurde ist die Insel tatsächlich voll von gutem Wein der oft auch noch erstaunlich günstig ist.Ich war 1990 dort und habe gestaunt über die vielen teils recht alten Weine die an jeder Ecke zu haben waren.Wieder zuhause mußte ich feststellen daß leider sogut wie nichts davon im Ausland bzw in D zu haben war.
ich war 2010 da, über Geschmack kann man ja (nicht) streiten, ich fand das, was es bei den Weinbauern da gab, nur teuer, süß und weniger trinkenswert.... aber jedem das seine.
manicmecanic 04.09.2015
5. @4 Datum gesehen ?
Ich war ja leider vor recht langer Zeit-1990 ! -dort,wenn es heute anders ist,schade.Was Sie über den Geschmack schreiben paßt zu meinem.Süßer Wein war noch nie mein Ding auch nicht anerkannt guter.
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