ThemaHallo, Taxi!RSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.11.2000
 

Hallo, Taxi! (Mexiko-Stadt)

Diego gibt Gas

Von Lasse Dudde

Wer in der bevölkerungsmäßig größten Stadt der Welt in ein Käfer-Taxi steigt, muss besonderen Mut mitbringen oder noch nie etwas von den einschlägigen Warnungen gehört haben. Oder er macht sich selbst ein Bild.

Mexiko-Stadt - Um es gleich zu sagen: Ich bin mehrmals davor gewarnt worden, mitzufahren, teilweise gar von mir selbst aus Erfahrung. Keine Chance: Es widerfährt einem doch immer wieder, sozusagen buchstäblich und je öfter man am Ort ist: Mexiko-Stadt. Zur 20-bis-30-Millionen-Metropole (so genau weiß die Einwohnerzahl niemand) gehören die Käfer-Taxis wie die Gondeln zu Venedig oder die Doppeldecker zu London; man muss schlechterdings einfach einmal mitgefahren, um richtig dort gewesen zu sein.

Also: Fahrt vom Zócalo. Mein Einstieg wie immer auf den Rücksitz, denn einen Beifahrersitz gibt es nicht: Hier ist der Platz fürs Gepäck, soweit nicht unnett, sondern ziemlich praktisch.

Vertrautheit: der rote Wolf auf der Burg in der Mitte des Steuers. Zuletzt gesehen: Deutschland, Anfang der siebziger Jahre, authentisch auch alles Übrige: die Uhren, die Knöpfe, die Scheibenwischer, der Haltegriff über dem Handschuhfach. Déjà vu, Kindheitserinnerungen, auch der Boxer-Motor: Mammi fährt den Volkswagen.

Aber nicht hier: Nennen wir ihn, den Fahrer, einfach Diego. Diego, der Mexikaner, schwarzhaarig, etwas bullig, Schnauzer, er fährt jetzt den VW. Hat er verstanden, wohin es gehen soll?

Mein Blick auf den amtlichen Ausweis, auf den man immer achten soll. Auch die Person auf dem Passbild hat einen Schnauzer. Aber sind sich die beiden überhaupt ähnlich? Der Taxameter: Kaum zu glauben, dass so etwas erlaubt ist - Spielzeug, das auch Ziffern zeigt: vier Pesos achtzig - Grundtarif für die grünen Käfer, für jene, die über einen Katalysator verfügen. Die gelben haben keinen und sind einen halben Peso billiger.

Sicherheitsgurt? Nie gesehen. Wir fahren. Besser: Wir stehen. Und der Boxer poltert. Nämlich: Am Krümmer muss ein Loch sein. Oder zwei. Versteht Diego, was ich schreie? Ein Junge will die Scheibe putzen. Diego verneint mit dem Finger.

Pling: sieben Pesos dreißig. Diego gibt Gas. Dabei ist vor uns kein Verkehrsfluss auszumachen: Tanklaster, Jettas, Busse. Und noch mehr Käfer. Diego gibt Gas, weil er meint, der Motor brauche das ab und zu vor lauter Stehen: Vollgasprobe, bis die Ventile pfeifen. Es gibt immer wieder Fußgänger, die sich nach uns umdrehen. Wieder ein Fensterputzer. Ein anderer bietet Haushaltsartikel. Der nächste Zeitungen.

Pling: dreizehn Pesos achtzig. Grün, aber keiner fährt. Man könnte den Weg wahrscheinlich schneller zu Fuß bewältigen.

Pling: Was heißt auf Spanisch: Ist der Taxameter amtlich geeicht? Pling.

Die U-Bahn, nach dem Vorbild der Pariser Metro gebaut, würde im Ganzen nur einsfünfzig kosten. Und es ginge voran, ohne Loch im Krümmer. Neben dem Schalthebel: ein Kaktus im Topf.

Kupplung, erster Gang, jetzt gilt's. Abgewürgt. Das Husten und Würgen des Starters. Pling: fünfzehndreißig.

Täusche ich mich oder hat das Gerät, das auch eine kleine CB-Funkstation sein könnte, zweimal hintereinander Pling gemacht?

Wir fahren: der Torre Latino-Americano mit seinen 42 Stockwerken und der Hydraulik für den Fall, dass die Erde mal wieder wackelt. Der Palast der Schönen Künste, er versinkt, fast dass man es mit bloßem Auge erkennen kann, im porösen Untergrund, genauso wie die große Kathedrale und alle anderen Gebäude, die viel zu schwer sind für diesen Boden.

Pling. Habe ich die Nummerschilder vorn und hinten miteinander verglichen? Das Autoradio: bestimmt geklaut. Der deutsche Reiseführer: "Schauen Sie dem Fahrer ins Gesicht! Verlassen Sie sich außerdem auf die eigene Intuition!"

Paseo de la Reforma (Pling: zweiundzwanzigdreißig), wir stehen seit einer Viertelstunde. Vollgasprobe. Ein weiterer Fensterputzer beim Versuch, seine Dienste zu verkaufen. So viel verstehe ich: Diegos erster Käfer, 17 Jahre alt, vor zwei Jahren umgerüstet auf Bleifrei. Die Gebühren, die Steuern, die Reparaturen immer wieder. Hat er gesagt: Aber bald habe auch ich GPS?

Eine halbe Stunde gefahren. Pling. Und wir stehen noch immer.

Übrigens riechen auch mexikanische Käfer nach Käfer. Am Spiegel baumelt ein Kruzifix. Jetzt geht's wieder los. Erster Gang, zweiter Gang, Knall, dritter Gang, immerhin: Wir fahren. Pling: dreißig Pesos dreißig. Am El Angel, dem goldenen Engel in 30 Metern Höhe, rächt sich der Motor, wie es scheint, für das viele Vollgas. Er will ab sofort überhaupt kein Gas mehr. Diegos Gesichtsausdruck dabei wie der eines beleidigten Kindes. Rechts ran. Warnblinker.

Mädchen wollen Rosen verkaufen. Ein Fensterputzer wittert die günstige Gelegenheit. Pling: fünfunddreißigachtzig. Er darf putzen. Denn der Motor resigniert. Kein Röhren und kein Knallen mehr, dafür einwandfreie Sicht nach vorn. Zu Fuß wären es von hier vielleicht noch zwanzig Minuten.

Nichts geht mehr: Drei Pannenhelfer suchen nach dem Fehler
Zur Großansicht
Lasse Dudde

Nichts geht mehr: Drei Pannenhelfer suchen nach dem Fehler

Doch Diego ist sich sicher: einen ganz kleinen Moment nur, es geht gleich weiter. Und ich höre es hinter mir, hinter der hochgeklappten Haube: Hämmern wie bei den Tischlern, ein Gurgeln und ein Blubbern, das Klingeln fallender Werkzeuge, einmal ein Zischen. Dann geht es weiter. Pling: vierundvierzigdreißig. Frage: Ob ich denn den Chapultepec Park schon richtig gesehen habe?

Auf Höhe des weltberühmten Anthropologischen Museums gibt der Motor endgültig seinen Geist auf. Diego scheint verzweifelt. Ein Telefonat vom nächsten öffentlichen Telefon: Die Pannenhilfe sei schon unterwegs.

Diego scheint wirklich verzweifelt: sein Auto, sein Reich, sein Einkommen. Wir wären fast am Ziel, den Rest kann ich laufen. Kein Problem. Die U-Bahn wäre tatsächlich viel schneller gewesen, vom Preis einmal abgesehen. Dabei will Diego jetzt kein Geld, nein, auf keinen Fall und auch nicht die Hälfte: sein Auto, sein Reich, seine Ehre. Nichts zu machen.

Stattdessen ein Zettel, handgeschrieben: seine Telefonnummer. Falls ich ihm noch mal mein Vertrauen schenken wolle. Irgendwann. Er werde in den nächsten Tagen einen neuen Ausweis bekommen, das Bild sei ähnlicher. Denn ihm sei mein vergleichender Blick durchaus aufgefallen.

Nach einer halben Stunde kommen drei Pannenhelfer. Einer schaut hinten nach, zwei vorne. Und drinnen läuft immer noch der Taxameter. Ich gehe.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh
alles zum Thema Hallo, Taxi!

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP