Von Thorsten Trede und Chuluunbaatar Gerelchimeg
Der Autoverkehr: Man achtet ausschließlich auf das, was vor einem geschieht. Was hinten passiert oder passiert sein könnte, hat kaum bis gar keine Bedeutung. Es regiert ein einfaches Prinzip: Wer schneller ist, hat Vorfahrt. Dazu die verwirrende Beschilderung, die Ampeln, oder auch ihr Fehlen und die allgegenwärtige Verkehrspolizei. Fehlende Gullydeckel, das ein oder andere Loch in der Straße. In und um Ulan Bator sitzt man am besten nicht selbst am Steuer.
Aber wenn nichts mehr geht, funktioniert immer noch eines: Taxi fahren. Neben den rund 170 Wagen der sechs offiziellen Taxiunternehmen halten zum Teil die Privatwagen den öffentlichen Verkehr in der 600.000 Einwohner zählenden Stadt aufrecht. Ihre Besitzer bessern dadurch den eigenen Geldbeutel etwas auf.
Das Prinzip des mongolischen Taxifahrens ist recht einfach: Daumen raus und freundlich lächeln. Selten wartet man lange. Selten wartet man lange ... als Mongole. Als Europäer bin ich es gewohnt, hin und wieder ignoriert zu werden. Die Fahrer suchen sich ihre Gäste nach einem geheimnisvollen System aus. Nicht jeder wird mitgenommen, und ich bin augenscheinlich nicht vertrauenerweckend.
In Begleitung ist es einfacher: Einmal stehen meine mongolische Kollegin und ich am Straßenrand. Sie beobachtet die sich nähernden Wagen. Ein alter "Russenjeep" - sicherlich ohne Heizung - ist im Anmarsch. Der Daumen wird wieder zurückgezogen. Denn Typ und Zustand des Autos sind entscheidend bei der Taxiwahl. Ein anderes mal haben wir kaum zwei Minuten gewartet und sitzen nach einem langen Tag im Privattaxi. Mich versteht kein Mensch, aber selbst auf Mongolisch ist es nicht immer einfach, das Fahrtziel zu artikulieren - Straßennamen sind die Ausnahme, Hausnummern ebenso: "Kennen Sie das Tuushin-Haus?", fragt meine Begleiterin. "Ja, kein Problem", so die kurze Antwort des Fahrers. "Gut, bis dahin, und dann sage ich Ihnen, wie es weiter geht."
Ein Blick auf den Kilometerzähler zur Kontrolle reicht in der Regel aus, um dem Fahrer klar zu machen, dass ich zwar eine "Langnase" (Europäer), aber kein Grünschnabel bin. Der Fahrpreis liegt bei 300 Tugrik (rund 60 Pfennig) pro Kilometer und wird mit dem Benzinpreis angepasst. Ein Fahrgast muss nicht lange am Straßenrand frieren, denn kaum ein Auto fährt mit nur einer Person.
Als Frau wirft man nachts einen auffälligen Blick auf das Nummernschild des Wagens, um sich unüberhörbar von der Begleitung zu verabschieden: "Ich rufe dich gleich an, wenn ich zu Hause bin."
Heute muss meine Begleiterin bereits vor mir aussteigen. Den Rest der Strecke zum Hotel bestreite ich allein. "Der Fahrer wird mich schon nicht betrügen", sage ich zum Abschied, "der sieht ehrlich aus." Nicken der Kollegin, und auch der Fahrer stimmt zu. Er hat sich umgedreht und bekundet in klarstem Deutsch: "Ich bin durchaus ein ehrlicher Mensch, und außerdem habe ich in der DDR Medizin studiert." Peinlich für mich, aber es war abzusehen: Rund 30.000 Mongolen sprechen Deutsch.
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