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29.11.2000
 

Hallo, Taxi! (Puerto Plata)

Merengue im Tank

Der Auspuff hat einen Defekt, und aus dem Radio schallt der Merengue. Eine Taxifahrt in der Dominikanischen Republik hat ihre Besonderheiten. SPIEGEL-ONLINE-Autor Frank Schneider kann davon ein Lied singen.

"Nein Danke, wir werden abgeholt!" Der Taxifahrer lächelt mich trotzdem vielsagend an. Ahnt er, was wir uns gar nicht erst vorstellen wollen? Eine halbe Stunde später lade ich mit meinen Freunden und eben diesem Taxifahrer unsere Tauchausrüstungen und 80 Kilo Fotogepäck in das Auto. Was nicht in den Kofferraum passt, wird irgendwie im Innenraum verstaut. Zusammen mit den Insassen. Er hat es geahnt.

Gewöhnungsbedürftig: Die Straßenverhältnisse abseits der Hauptstadt
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Frank Schneider

Gewöhnungsbedürftig: Die Straßenverhältnisse abseits der Hauptstadt

Der Außenbereich des Flughafens von Puerto Plata in der Dominikanischen Republik ist schon seit einer Stunde verwaist. Alle wurden abgeholt. Nur wir stehen in der karibischen Schwüle da wie verschwitzte Pudel. Jetzt bin ich froh über die Hartnäckigkeit der Transportprofis. Wie Haifische hatten sie ihre Beute umkreist. Sicher in dem Gefühl, dass wir nicht entkommen konnten. Auf geht's. Völlig überladen, aber die Lizenz an der Mittelkonsole weist Taxi und Fahrer als echt aus. Irgendwie beruhigend.

Der Wagen selbst scheint in Ordnung zu sein. Amerikanisches Fabrikat, Automatikgetriebe. Alle Türverkleidungen noch dran, Sitze verstellbar und sogar bequem. Nur das elektrische Fenster - der Fahrer deutet nach meinem gescheiterten Öffnungsversuch auf seine Seite - da funktioniert die Elektrik. Genauso wie das Autoradio. Sofort nach dem Anlassergeräusch des Sechszylinders springt uns der Merengue ins Ohr. Und zwar mit Macht: Sitzt die Kapelle vielleicht auch auf der Rückbank?

Combo im Auto

"Wohin?" Das muss dieser fragende Blick mit den hochgezogenen Augenbrauen wohl bedeuten. Der Fahrer kaut dabei auf seinem Zahnstocher. "Luperòn" rufe ich an der Merenguecombo vorbei. Er hebt den Daumen und ist bester Dinge: Klar - bis dahin sind es fast sechzig Kilometer - Zahltag für den Chauffeur.

Der Wagen setzt sich in Bewegung. Wenig los auf den Straßen. Nach drei Minuten ist die schnelle Fahrt dennoch schon wieder zu Ende. "Benzina!" Was? Wieso tanken? Fragen zwecklos. Organisationstalent scheint nicht ihre Stärke. Getankt wird normalerweise nur für die Ultrakurzstrecke.

"Todo bien!", ja ich bin auch froh darüber. Dann können wir ja endlich. Motor an, Merengue an. Auf der Rückbank ist die Unterhaltung wieder eingestellt worden. Ich höre sie jedenfalls nicht mehr. Lieber konzentriere ich mich auf die Strasse. Irgendwie kaut mir der Fahrer zu entspannt auf seinem Zahnstocher. Das findet auch die Tierwelt im nächsten Ort.

Taxifahrt: Was nicht in den Kofferraum passt, wird irgendwie im Innenraum verstaut
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Frank Schneider

Taxifahrt: Was nicht in den Kofferraum passt, wird irgendwie im Innenraum verstaut

Mit Vollgas mitten durchs dörfliche Leben. Gehupt wird nur für Kinder, alte Leute und freilaufende Pferde. Hunde, Hühner und Mopedfahrer müssen aufpassen. Funktionieren die Bremsen überhaupt?

Bodenwellen contra Radio

Wenigstens ist die Strasse einigermaßen gut befestigt. Schlaglöcher gibt es kaum, der Wagen gleitet sanft dahin. Dafür wölben sich in der Stadt vor jeder Kreuzung riesige Bodenwellen.

Der Merengue macht eine Pause. Das Gesicht des Fahrers hat den entspannten Ausdruck verloren. Mit großen Augen und offenem Fenster lauscht er dem aufsetzenden Auspufftopf. Ein lautes Fluchen, dann wieder Vollgas.

Vor uns fährt ein Pickup. Auf der offenen Ladefläche hocken zehn oder fünfzehn Landarbeiter. Aus rotbraunen Pfützen spritzt es auf die Windschutzscheibe. Zwar bewegen sich die Wischer, Wasser kommt aber nicht aus den Düsen. Elend lange dauert der Überholvorgang, keiner will nachgiebig sein. Neugierige Blicke ins Taxi, neugierige Blicke zurück. Endlich vorbei.

Die Dämmerung ist angebrochen. Der Fahrer hat die Kassette gewechselt, aber nicht den Musikstil. Und schon gar nicht den Pegel der Lautstärke. Auf der nächsten Hügelkuppe rast das Taxi den abendlichen Lichtern von Luperòn und dem Ende der Fahrt entgegen.

Die Stunde des Auspuffs

Der Wagen wird langsam. Der Zahnstocher wandert immer noch von einem Mundwinkel zum andern. Wir verlassen die Dorfstrasse und biegen in Zeitlupentempo auf eine holprige Piste. Ein verwittertes Schild weist den Weg: "Puerto", Hafen. Merengue hat Ruh. Das Fenster auf der Fahrerseite ist wieder offen. Es ist die Stunde des Auspuffs.

Der Blick aus dem Wagen lässt mich hoffen, dass wir es bis ans Wasser schaffen. Der unvermeidliche Merengue-Sound kommt jetzt aus den Hütten links und rechts. Hunde, Hühner, Ziegen - was fliehen kann flieht vor dem stöhnenden Sechszylinder der eine Art Achterbahn auf der Piste gefunden hat. Ein paar Mal schrammt das Taxi mit dem Blech über Steine. Hier sind Schlaglöcher wie Mondkrater.

Endlich. Wir stehen mit auf dem schmalen Kai. Und der Auspuff ist auch noch dran.

Motor aus, Radio aus. Das Gepäck ist schneller aus- als zuvor eingeladen. Der Fahrer gönnt sich nach getaner Arbeit einen frischen Zahnstocher. Pesos, Dollars, egal Senhòr. Hauptsache cash. Ob wir noch eine Kiste echte nachgemachte Kuba-Zigarren kaufen wollen? Machen wir auf der Rückfahrt. Vielleicht. Der Merengue aus dem Autoradio ist das letzte, was wir von unserem Transportmittel mitbekommen. Da ist das Taxi aber schon zwei Minuten außer Sichtweite.

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