Von Jochen A. Siegle
"Well, you know", sagt Taxifahrer Philip Liborio Gangi mit einem leichten Stöhnen, als wir vom Outer-Sunset-District Richtung Golden-Gate-Park fahren. "Die Stimmung hat sich hier in den letzten Monaten wirklich verschlechtert." Seit die Börsen nur noch die Abwärtsrichtung kennen und Massenentlassungen in der New Economy angekündigt wurden, sind längst auch die "Tips" nicht mehr so hoch wie noch vor zwölf Monaten. "Mensch, da waren zum Teil Fahrten dabei", schwärmt Philip. "Diese Internet-Typen haben nur so mit Dollarscheinen um sich geworfen."
Dabei mochte er die "Dotcommies" eigentlich noch nie besonders. "Die glaubten doch mit ihren schicken Klamotten und Karossen, ihnen gehört die City", so Philip. Von was der Endvierziger spricht, ist der Klassenkampf, der bereits seit Jahren in der "Summer of Love"-Metropole schwelt. In immer mehr Stadtteilen vertrieben zahlungskräftige Internetfirmen und Nasdaq-Jungmillionäre alteingesessene Läden, Kultureinrichtungen oder Kneipen. Vergangenen Sommer entlud sich die Stimmung gegen die Hightech-Yuppies sogar in lautstarken Demonstrationen und "Blowthedotoutyourass"-Kampagnen in den Straßen von San Francisco.
Horrende Lebenshaltungskosten
Philip solidarisiert sich voll und ganz mit den Aktionisten, die die Internet-Worker gar als "eHoles" oder "Dot-Communists" titulieren - schließlich hat er ebenfalls unter den horrenden Lebenshaltungskosten zu leiden. Und auch als "waschechter" San Franciscoer sieht er sich längst, ist er doch schon in den frühen Siebzigern auf den Spuren der Flower-Power-Hochkultur aus New York in die rebellische Pazifik-Metropole gezogen. "Das waren Zeiten", schwelgt der Taxifahrer, als wir ins berühmte Hippie-Viertel Haight-Ashbury abbiegen. "Grateful Death, Janis Joplin, jede Menge Partys und natürlich Haschisch."
Da geht sein Leben heute wesentlich gemächlicher zu - wenn auch nicht stressfreier. Pro Woche fährt Philip zwischen 45 und 50 Stunden und arbeitet nebenbei noch als Aushilfslehrer in der "First Grade" sowie als Fotograf für den "Sunset Beacon" und den "Richmond Review" - zwei kostenlose Nachbarschaftsblätter in den gleichnamigen chinesisch beziehungsweise russisch dominierten Vierteln.
Viele Obdachlose in der Stadt
"Wenn man sich ranhält, verdient ein Fahrer hier zwischen dreißig- und sechzigtausend Dollar pro Jahr", erklärt Philip. "Wenn nicht, kann man ganz schnell abstürzen." Die vielen Obdachlosen der Stadt können ein Lied davon singen. "Ich hoffe mal, dass meine Vorsorge reicht und ich nicht so ende wie die vielen Bettler hier", sagt Philip und zeigt auf eine Gruppe Obdachloser, während wir in der Market Street zwischen hupenden Taxikollegen, der Straßenbahn und ungeduldigen Beetle-Fahrern im Stau stehen.
In der Bay-Area ist im Vergleich zu anderen amerikanischen Regionen durchaus überdurchschnittlich viel Geld zu verdienen. Dafür haben's jedoch die Kosten in sich - vor allem die Mieten: 2000 Dollar für eine spärliche Zweizimmerwohnung sind der Einstiegspreis, nach oben gibt es keine Grenzen. Auch wenn Studien bereits davon sprechen, dass sich die Lage im strauchelnden Dot.com-Mekka etwas entspannt, Normalverdiener spüren davon noch kaum etwas. Philip musste in den letzten zwei Jahren gar zweimal umziehen. "Mich zieht es immer weiter raus aus der Stadt, denn das ist ja wirklich nicht mehr zu bezahlen hier", erzählt der Cab-Driver, der seit letztem Jahr rund 15 Meilen vor den Toren der City in Pacifica wohnt.
Weniger gefährlich als New York
Dennoch möchte er auf keinen Fall mehr zurück nach New York. "In San Francisco ist mein Job ja auch wesentlich weniger gefährlich", findet Philip. "Meistens chauffiere ich Geschäftsleute oder Touristen." Taxi-Morde geschehen auch nur alle paar Jahre, der letzte ereignete sich 1998. Dennoch brach ihm Anfang der Achtziger ein Kunde mit einem Faustschlag Nase und Jochbein. "Das war zum Teil auch meine eigene Dummheit", sagt Philip. Seitdem versucht er, wie auch so viele seiner Kollegen, die "bad neighborhoods" in Tenderloin oder Hunters Point zu meiden - dort leben vorwiegend Sozialschwache in Wohnungsprojekten.
"Man muss einfach mit den Fahrgästen sprechen, um gefährliche Situationen besser einschätzen zu können", erklärt Philip. "Ich war damals noch zu unerfahren und auch zu schüchtern." Dabei zahlt sich Konversation mit den Kunden auch finanziell aus: "Vor allem Touristen zeigen sich erkenntlich, wenn man ihnen was zur Stadt erzählt", sagt Philip. "Am meisten Trinkgeld geben dabei Australier und Franzosen."
Frank Sinatra fürs ältere Klientel
Noch wirkungsvoller scheinen Philips Musiktapes: Für jede Altersgruppe hält der Taxifahrer spezielle Kassetten bereit. "Junge" Leute bedient er mit U2 oder den Stones. Für "ältere" Klientel legt Philip gerne Frank Sinatra oder Nat King Cole ein. "Girls", wie er Frauen zwischen 40 und 50 nennt, stehen auf Disco-Hits aus den Siebzigern. "Einmal hat ein Touristenpaar sogar lauthals mitgesungen", grinst Philip. "Der Fahrpreis betrug zwar nur acht Dollar, doch die waren total begeistert von den Songs aus den guten alten Zeiten und gaben mir einen 50-Dollarschein."
Diese "Good old days" sind in San Francisco vorbei. Das gilt für kurzzeitige Dot.com-Papiermillionäre ebenso wie für Jerry-Garcia-Anhänger - und Taxifahrer: Seit den Hippie-Tagen hat sich auch die Rivalität unter den Fahrern stark erhöht. Konkurrierte Philip in den Siebzigern gerade mal mit 700 Taxen, sind es heute mehr als 1250.
Internet-Taxis wieder ausgemustert
Zehn davon waren bis vor kurzem noch von Yahoo! gesponsert und mit Internet-Zugang ausgestattet. Die Betreiberfirma Luxor Cab hat die lila-gelben Flitzer jedoch wieder ausgemustert - anscheinend waren die Web-Taxis nicht wirtschaftlich. Kommt einem irgendwie bekannt vor: Unzähligen New-Economy-Unternehmen geht's ganz genauso.
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