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19.04.2001
 

Hallo Taxi! (Managua)

Straßen ohne Namen

Von Annette Langer

Sie ist eine der letzten, großen Herausforderungen für jeden Gringo: Die erfolgreiche Taxifahrt durch Nicaraguas Hauptstadt verlangt weit mehr als verwegenes Verhandlungstalent und überdurchschnittlichen Orientierungssinn - ausgerechnet Geschichtskenntnisse sind hier gefragt.

Bizarre Überholmanöver als Volkssport
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Bizarre Überholmanöver als Volkssport

Managuas Taxifahrer lieben ihre Autos. Ob fabrikneuer Toyota oder klappriges Sowjet-Mobil - das Motto heißt: pflegen. Butterweiche Putzlappen flitzen über ohnehin strahlende Armaturenbretter, rostige Kotflügel verschwinden unter einem Klecks Farbe. Das lebenserhaltende Gefährt vor dem eigenen Fahrstil und den Tücken des Alltags zu schützen, ist Sisyphusarbeit in einer Stadt, die dem ordnungsliebenden Chauffeur mit Schlaglöchern, Überschwemmungen, Staubwolken und täglichen Verkehrsnahkämpfen das Leben zur Hölle macht.

Die seltsame Hauptstadt glänzt in erster Linie durch Abwesenheit von Dingen, die einen Ort zum urbanen Zentrum oder gar zur Metropole machen: Seitdem ein Erdbeben im Jahre 1972 fast die gesamte Altstadt dahinraffte, muss Managua ohne ein Stadtzentrum auskommen. Der sich aus der Luft so verheißungsvoll ankündigende Managua-See ist eine tickende Öko-Zeitbombe, in die kein Nicaraguaner auch nur seinen Fuß, geschweige denn den Rest seines Körpers tauchen würde. Während sich im "Gran Lago", dem riesigen Nicaragua-See mit 350 Inseln noch Süßwasserhaie tummeln, findet man hier Tausende Tonnen hochgiftiger Chemikalien, die den Flickenteppich aus Dritter-Welt-Barrios und Reiche-Leute-Ghettos mit unangenehmen Gerüchen aller Art überziehen.

Schnittig, gepflegt, mit Ralley-Streifen: Taxi Managua at its best
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Schnittig, gepflegt, mit Ralley-Streifen: Taxi Managua at its best

Juan Mayorde nimmt es gelassen. An seinem Rückspiegel baumelt ein Duftbaum und eine Beule mehr oder weniger kann dem betagten Lada schon lange nichts mehr anhaben. Mein überschwängliches Lob für sein Schlachtross aus den Tagen der internationalen Völkerverständigung freut ihn: "Ist doch klar, ich bin schließlich ein Roter!", verkündet er stolz und beginnt, mir in aller Seelenruhe sämtliche Gemeinden aufzuzählen, in denen die Sandinisten garantiert die Mehrheit besäßen.

Ein wenig unkonzentriert lausche ich seinen Ausführungen, denn soeben hat ein wütender Nissan-Fahrer beim Überholen versucht, mit der Faust auf unsere Motorhaube zu schlagen. Juan hat die unwürdige Attacke offensichtlich übersehen und gibt ordentlich Gas, um bei 90 Kilometern in der Stunde plötzlich auf die Bremse zu springen: Eine der zahlreichen "lomos de burro", gefährlich hohe Straßenschwellen, hat sich uns unvermittelt in den Weg gestellt und die Achse des Ladas fast ins Nirwana befördert.

Auch jenseits der Kirchenmauern alles im Blick: Jesus on tour
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Auch jenseits der Kirchenmauern alles im Blick: Jesus on tour

Bei dem Versuch, meine Gliedmaßen wieder in ihre Ausgangsposition zu bringen, begegnet mir ein sonniges Promotion-Grinsen: "Obras, no palabras!", tönt der neo-liberale Staatspräsident Alemán vom Olymp einer riesigen Plakatwand herab. "Von wegen Taten, nicht nur Worte", knurrt Juan, "der hat sein Volk doch längst vergessen". Die ärmsten Vertreter eben dieses Volkes, so der Taxifahrer, würden solche Plakate abreißen, um sich daraus in den Elendsvierteln Häuser zu bauen.

Jesus scheint das nicht weiter zu kümmern - er lächelt mich vom Fenster eines ausgemusterten US-Schulbusses freundlich an, während Juan an freilaufenden Pferden, Hühnern und Hunden vorbeisaust und sich an der Ampel bei einem fliegenden Händler Wasser in der Plastiktüte kauft.

Die Regierung Alemán spart: keine Zuschüsse für sandinistische Veteranen
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Die Regierung Alemán spart: keine Zuschüsse für sandinistische Veteranen

Bettler und Fußgänger haben einen schweren Stand im Verkehrschaos von Managua. Ein sandinistischer Veteran klopft an unsere Scheibe und bittet um eine Spende - schon lange bleibt die Regierung den ehemaligen Soldaten eine Erhöhung der Rentenzahlung schuldig.

Wohin genau wir denn wollten, möchte Juan wissen. "Carretera Sur, kilómetro catorce", lese ich auf meinem zerknautschten Zettel und danke sämtlichen ortsansässigen Heiligen, dass wir in einer der drei Straßen Managuas wohnen, die einen Namen besitzen.

Tatsächlich sind lediglich zwei weitere Ausfallstraßen der Stadt mit Identität gesegnet: Die nach Norden und Osten führende Carretera Norte und die in Richtung Süden gehende Carretera Masaya. Alle anderen Straßen sind buchstäblich namenlos.

Wie das funktionieren kann? Auf die Frage nach dem Fahrtziel nennt man zunächst ein allgemein bekanntes Objekt - ein Hotel, eine Kirche, ein Kino - und die Anzahl der "cuadras", der Blocks, die man von da aus in eine bestimmte Himmelsrichtung zu gehen hat. Beispiel: "Vom Kino "Cabrera" aus zweieinhalb Blocks nach Süden". Hervorragend, wenn man weiß, wie das Stadtviertel heißt, nahezu unschlagbar die Kenntnis der genauen Lage eines Gebäudes, denn: In Managua gibt es auch keine Hausnummern, es sei denn, der Besitzer denkt sich eine aus.

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Es kommt noch besser: Wer glaubt, der Hinweis "al este" würde ihn in jedem Fall in Richtung Osten bringen, der irrt. Der Norden wird mit "al lago", in Richtung See, umschrieben, der Westen mit "abajo", unten, das heißt, dort, wo die Sonne untergeht. Der Osten ist unter "arriba" bekannt, was oben und damit auf den Hügeln bedeutet - hinter denen bekanntlich die Sonne aufgeht.

Perfide Steigerung des Touristen-Verwirrspiels: Alteingesessene Managuaner vergällen selbst ortskundigen Neuankömmlingen das Leben mit Indikatoren wie "de donde fue la Pepsi dos cuadras al Sur", zu deutsch: zwei Blocks südlich von da, wo mal das Pepsi-Gebäude war. Wer nicht weiß, wo der amerikanische Brausehersteller seinen Sitz vor dem letzten Erdbeben hatte, wird sich eben erkundigen müssen.

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Was sich so unglaublich kompliziert anhört, wird in den meisten Fällen auf charmante und phantasievolle Art gelöst. Wenn man den üblichen Verhandlungsmarathon vor Beginn der Fahrt überstanden und den Fahrpreis festgesetzt hat, treten die Taxifahrer voll in die Pedale und rasen fröhlich plappernd durch Seitenstraßen, die wie Schweizer Käse aussehen, bevor sie mit Wollust auf die neu gebauten und damit schlaglochfreien Umgehungsstraßen brettern.

Im Hinblick auf die im November diesen Jahres stattfindenden Präsidentschaftswahlen hat sich der amtierende Regierungschef Arnoldo Alemán noch einmal ins Zeug gelegt und für den Bau der weitläufigen "Suburbana", eingesetzt. Tag und Nacht schaufeln, baggern und asphaltieren hier Hunderte von Arbeitern im Wettlauf gegen die Uhr -- die Regenzeit ist nicht mehr fern und wird einen Großteil der nicht befestigten Straßen in reißende Flüsse verwandeln.

Juan Mayorde bringt uns derweil für 50 Cordoba, rund acht Mark, trocken und sicher nach Hause und gibt uns zum Abschied noch einen Tipp mit auf den Weg: Der nächste Staatspräsident von Nicaragua heißt Daniel Ortega.

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