ThemaHallo, Taxi!RSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
07.05.2001
 

Hallo, Taxi! (Manila)

Gehäkelte Gardinchen im Heckfenster

Von Rosi Doppelbauer

Nichts geht mehr: Wer in der philippinischen Megastadt in ein Taxi steigt, ist selbst schuld. Aber auch ohne Wahl. Denn zu Fuß kommt man nicht zum Flughafen, zumindest nicht mit Gepäck. So denken auch andere. Also steht man.

Der Portier des altehrwürdigen Manila Hotel mit seinen weißen Handschuhen sieht meinen Koffer, als er mir die Tür öffnet. Taxi? Ich nicke, woraufhin er ein zwitscherähnliches Geräusch von sich gibt und der Toyota aus der ersten Reihe vorfährt.

Taxifahrt in Manila: That's life, Madame
Zur Großansicht
AP

Taxifahrt in Manila: That's life, Madame

Airport? Macht 200 Pesos oder fünf US-Dollar. Und viel Geduld ist jetzt auch vonnöten. Denn Manila erstickt genau um diese Uhrzeit im Stau, wenn es langsam Zeit wird, sich für die Flüge nach Europa oder Amerika auf den Weg zu machen. Eigentlich ist immer Stau und mit dem Stau ein steter blauer Giftdunst zugegen, der auch von keiner Meeresbrise davongetragen wird. Aber am späten Nachmittag ist erst recht kein Durchkommen.

Und so stehen wir da, zwischen voll besetzten Jeepneys, aus deren Schlote schwarzer Qualm quillt und den Calesas, deren vorgespannte Pferde mit stoischer Ruhe dem Lärm und Gestank standhalten. Davor und dazwischen der sonstige Wust aus schrottreifen Oldtimern und glänzenden Limousinen.

Joe am Steuer im Wetlook und mit spiegelnder Sonnenbrille: Immer wieder wechselt er sinnlos die Spur auf dem Roxas Boulevard. Rechter Hand die Bay der philippinischen Hauptstadt: riesige Frachter und gewaltige Tanker an Ketten, die in gruseliger Schmutztiefe verschwinden.

Joe ist 32, er könnte auch 22 sein, er kommt aus dem Süden Luzons wie viele, die in der Megastadt Manila ihr Glück versuchen und meistens damit scheitern. So wie die vielen Familien, deren Eltern und Kinder mit Plastikeimern, Lappen oder allerlei Krimskrams zwischen den lärmenden Vehikeln umherirren, um ihre Dienste oder erbärmlichen Waren anzupreisen, meistens ohne Erfolg.

Joe macht sich nicht einmal die Mühe, die Angebote mit einem leichten Kopfschütteln abzulehnen. Seine Augen hinter dem Sonnenschutz und den abgedunkelten Scheiben sind unsichtbar.

Viel Gehupe, aber es nützt nichts. Zu Fuß wäre man schneller, allerdings nur ohne Koffer. Ein Glück, dass der japanische Wagen klimatisiert ist. In den Jeepneys wischt man sich die Stirn.

Ich frage nach, weil's mich interessiert: Eine Familie hat Joe nicht zu ernähren, womit er auf den katholischen Philippinen fast so etwas wie ein bunter Hund ist. Und trotzdem reicht es kaum zum Überleben. Er weiß durchaus, was eine Nacht in dem Hotel kostet, vor dem er wegen der üppigen Trinkgelder immer wieder gerne auf ausländische Kundschaft wartet. Den Spruch hat er irgendwoher: "That's life, Madame."

Seine Frage, woher ich denn komme und wohin ich denn fliege. Amsterdam, lüge ich, denn man weiß ja nie, Netherlands. "Ah, Florida!" Nein, Europe. Das macht ihn stutzig. "Europe?"

Ich zähle ihm ein paar Städte auf: London, Paris, Rom, Hamburg. "Ah, Venice, you know Venice?" Na, klar.

Ob ich wirklich schon einmal da gewesen sei. Nein. "Why not?" Die Stadt soll so schön sein. Offenbar heiraten die Einwohner dort mehr als irgendwo anders. Hat er mal gehört, von irgendwem.

Ein Kind bietet jetzt Wasserpistolen an, indem es in Plastiksandalen und verschmierten Shorts in der Blechlawine herumhuscht und sozusagen zur Probe gegen die Scheiben spritzt. Keine Regung allenthalben, man kennt's halt und ignoriert es. Und hupt. Dann die Obdachlosen in Lumpen mit ihren bettelnden Händen.

Eine halbe Stunde für einen Kilometer. Immerhin. Auch der amerikanische Diplomaten-Konvoi mit den rotierenden roten Kreisellichtern, der gerade aus dem Botschaftsareal mit Seeblick in die Schlange einbog, kommt nicht weiter vorwärts. Nur gut, dass hier keine Uhr läuft.

Das Radioprogramm: eine Mischung aus amerikanischem Soldatenfunk immer noch und asiatischem Singsang. Der gewohnte westliche Pop.

Wir sitzen hier auf weißen Bezügen, darüber eine Art Plastikplane - während draußen der Asphalt vor sich hin schmilzt. Gehäkelte Gardinchen im Heckfenster, Aufkleber von Pepsi-Cola an den Kopfstützen.

Die Zeitungsjungen wie anderswo auch. Ein Ticket in die USA, wohin Joe gerne auswandern würde, kostet mehr, als er in zwei Monaten umsetzen kann. Eigentlich bleibt er wortkarg.

Irgendwann haben wir es dann doch geschafft: Wir fahren jetzt an den Holzwänden vorbei, die einst errichtet wurden, um die Armut auszuklammern. Wo die billigsten Behausungen zu finden sind, liegt ein Großflughafen nicht weit entfernt, auch und gerade in Manila nicht.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh
alles zum Thema Hallo, Taxi!

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP