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31.05.2001
 

Hallo, Taxi! (Schanghai)

"Sir, do you want a Shanghai Lady?"

Von Carsten Volkery

Taxifahren in Schanghai heißt Santana fahren. Ohne Chinesisch kommt man allerdings nicht mal bis zur nächsten Ecke.

Schanghai: Wo der Santana regiert
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Schanghai: Wo der Santana regiert

"Taxi" - Der grüne VW Santana bremst scharf, direkt vor meinen Füßen. "Schnell, schnell", winkt der Fahrer. Ich bin zu langsam: Von hinten kommt schon der Polizist angerannt, mit einem lustigen Helm auf dem Kopf und einem gar nicht lustigen Gesicht darunter. Gebieterisch stellt er sich vor das Auto. Brust raus: Hier wache ich. Alles Lamentieren vergebens. Der Fahrer sackt einen Strafzettel ein, Halteverbot.

Eine Flut von chinesischen Lauten ergießt sich über mich, als wir die Stadtautobahn entlang fahren. Ist er am Ende böse auf mich? Wie könnte ich es wissen? Der Schanghaier Taxifahrer hat viele Eigenarten, eine davon ist besonders störend: Er kann nicht ein Wort Englisch. Weder verstehen noch reden. Gott sei Dank wohne ich in einem stadtbekannten Hotel und muss nur das Zauberwort wiederholen: Shangri La. Das bringt mich immer nach Hause. Für schwierigere Adressen brauche ich einen Zettel mit chinesischen Schriftzeichen.

Den reiche ich unter der Decke durch - über eine Plexiglasscheibe hinweg. Anders als in New York, wo die Scheibe nur vorne von hinten trennt, ist der Fahrer hier rundum isoliert. Angeblich um ihn gegen Schläge zu schützen. Wahrscheinlich aber soll es bloß verhindern, dass ihm jemand sein Einmachglas mit Teeblättern und Wasser klaut. Das steht immer neben der Handbremse.

Rundumverglasung: Schutz vor Schlägen
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Rundumverglasung: Schutz vor Schlägen

Wir fahren an Blumenkästen vorbei. Auf der Betonbrüstung der Stadtautobahn stehen sie, kilometerlang. Ein bizarrer Anblick. Mal ist nur Grünzeug drin, wenn man Glück hat, auch rosa Blumen. Ein richtiger Genuss ist die Stelle, an der drei blumenkästenbewehrte Straßen übereinander in mehreren Etagen verlaufen. Gegossen werden die Blumen von einem langsam fahrenden Lkw aus. Per Hand und nur nachts, wenn der Verkehr es erlaubt.

Der Taxifahrer trägt weiße Handschuhe, aber wie ein Butler fährt er nicht. Mit der linken Hand lenkt und - leichte Drehung der Handfläche - hupt er. Die Rechte ruht auf dem Schaltknüppel, allzeit bereit zur Verteidigung der Spur. Busse drängeln den altersschwachen Santana gerne mal in Richtung Blumenkästen. Da hilft nur Hupen und viel Schalten.

Ein Aufkleber auf dem Plexiglaskäfig garantiert: "Sterilized regularly". Es sind die einzigen englischen Worte im Taxi. Die Botschaft scheint dem Fahrer wichtig zu sein. Die Sitze haben Schonbezüge. Schließlich muss das gute Stück lange halten. Vielleicht handelt es sich sogar noch um das Originalmodell von 1985. Fast alle Taxen in Schanghai sind Santanas oder Santanas 2000. Die Stadtregierung will es so. Sie ist am VW-Werk im Vorort Anting beteiligt. Auch sonst bestimmt der eckige Oldie das Stadtbild. VW hat einen Marktanteil von mindestens 70 Prozent.

Kaum sind wir von der Schnellstraße runter, dominieren die Fahrräder. 40 Prozent der Schanghaier bewegen sich per Rad fort, nur zwei Prozent haben Autos. Die Autos auf der Straße sind fast ausschließlich Dienstwagen und Taxen. Fahrradfahrer haben ihre eigene Spur, breit genug für fünf nebeneinander. Dem Bürgermeister sind sie dennoch ein Dorn im Auge: "Sie machen das Autofahren schwierig." Er will ihren Anteil auf 20 Prozent senken und im Gegenzug den der Privatautos auf 15 Prozent erhöhen.

Der Fahrer denkt wie sein Bürgermeister. Die Straße gehört ihm. Direkt nimmt er andere Verkehrsteilnehmer aufs Korn. Wenn der Santana kommt, weichen auch Fußgänger auf dem Zebrastreifen. Nur vor Bussen zeigt er Respekt.

Weil in diesem Sommer das Asia Pacific Economic Forum (APEC) in Schanghai stattfindet, verteilt die Regierung Kassetten an die Taxifahrer. Sie sollen einige englische Phrasen lernen, um die Gäste zu beeindrucken. Geholfen hat es bisher nicht.

Mein Fahrer versucht immer noch, mir die Geschichte mit dem Polizisten zu erklären. Keine Chance. Ich bin froh, als ich am Ziel bin. Draußen flackern die Lichtreklamen. Die Huang Shen Road ist eines der Ausgehviertel Schanghais. Kaum halten wir an, nähert sich ein junger Mann dem offenen Fenster. "Sir, do you want a Shanghai Lady?" Sehe ich so aus? Ich schüttele den Kopf.

Das Taxameter ist bei 17 Yuan stehen geblieben. Ich gebe ihm zwanzig. Der Fahrer ist nicht zufrieden. Wieder fängt er mit der Geschichte des Polizisten an, das verraten seine Gesten. Schließlich zeigt er mit dem Finger auf den Strafzettel. Da steht's: 78 Yuan. Er glaubt tatsächlich, ich hätte die Strafe verschuldet. Aber ich kann es wieder gut machen. Ich gebe ihm 50 Yuan. Er lächelt und nickt.

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