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20.07.2001
 

Hallo, Taxi! (Buenos Aires)

Dollar nimmt nicht jeder

Von Roland A. Wildberg

Wer gab argentinischen Taxen eigentlich die Räder? Sie brauchen keine. Sie stehen doch nur, zehn Jahre, und dann werden sie abgewrackt. Eine kurze Geschichte vom schweren Los, Taxifahrer in Buenos Aires zu sein.

Wahrscheinlich bekamen die Autos ein Fahrwerk, um einst die Fabrik zu verlassen; aber mit der Zeit wird das Ingenieursvolk einsehen, dass sie besser gleich drin bleiben sollten - um an Ort und Stelle dem Kreislauf zurückgegeben - also recycelt - werden zu können.

Taxifahren in Buenos Aires: Lieber Kreislauf als Stillstand
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Roland A. Wildberg

Taxifahren in Buenos Aires: Lieber Kreislauf als Stillstand

Lieber Kreislauf als Stillstand, denkt sich der frustriert stillstehende Fahrgast (der eigentlich ein Standgast ist, was ja auch zum Standgas passt, über das argentinische Taxichauffeure selten hinauskommen). Und er überlegt, warum er nicht aussteigt und läuft - wenn da nicht das klitzekleine Fünkchen Hoffnung wäre, dass es in der nächsten Sekunde weitergeht, und so hofft und harrt man Sekunde für Sekunde. Viele Taxifahrer haben ein paar Snacks und kleine Elektrorasierer griffbereit im Handschuhfach, falls die Warterei etwas länger dauern sollte.

Auch heute ist wieder so ein Tag - mitten auf der Kreuzung hat sich ein Stau Marke Buenos Aires gebildet: links drei dicke Linienbusse, rechts ein Rudel leerer Taxen. Mein Chauffeur flucht unübersetzbar spanisch, und überhaupt: "Hay demasiados taxis!" - es gibt zu viele Taxen. 40.000 waren es vor einem Jahr, und die meisten fahren auf der Suche nach einer Fuhre durch die Stadt. Das heißt, sie schleichen - im Schritttempo bummeln die Conductores am Straßenrand entlang.

Wir biegen in die Avenida 9 de Julio ein, die unglaublichste aller Straßen. Argentinier sind Freunde radikaler Lösungen: Anfang des 20. Jahrhunderts wurde einfach ein kompletter Straßenzug von Norden nach Süden abgerissen, die entstandene Freifläche planiert. Entstanden ist die angeblich breiteste Allee der Welt, ein 16- bis 20-spuriger Alptraum aller Fußgänger, ohne Bäume allerdings. Unter zwei Ampelphasen schafft es keiner, zu Fuß diese Stromschnelle zu überwinden... Der Verkehr hat natürlich grüne Welle, und die Aussicht auf die mehr oder weniger gelungene Skyline ist erhebend. Nachts blinken die verrücktesten Leuchtreklamen von den Wolkenkratzern, ganze Filme spulen die bunten Neonröhren ab. Unser Film reißt natürlich schon an der Einmündung zur Stadtautobahn: Stau.

Und was bummelt da zigfach vor uns, fett und behäbig, schwarz mit gelbem Dach? Die Väter des Chaos natürlich, das tagtäglich die Avenidas heimsucht: Taxis. Allerdings geht es beim Weltuntergang manierlich zu: Niemand wird ausfallend, nicht einmal eine Hupe ist zu hören, stattdessen knistert Radio 92,7 alte Tangos - der Citysender bringt 24 Stunden am Tag die Traditionsmusik der Hafenstadt, zum Abgewöhnen. Wie die Dauer-Country-Sender in den USA rekrutiert sich sein Publikum in Buenos Aires vor allem aus Stumpfsinnigen und Touris. Von beiden gibt es genug in der drittgrößten Stadt Südamerikas.

Mein Taxista trommelt den Rhythmus auf dem Lenkrad mit. "Die meisten von ihnen haben das Auto auch nur gemietet - sie sind arme Leute", erklärt er mir dann die Taxischwemme, so als ob die Ursache für den Stau in der Armut läge. Arm ist auch er - auch Miguel hat einen Padron, dem sein klappriger Peugeot gehört. Aber nächstes Jahr, Miguel ist der Stolz anzumerken, wird er sich sein eigenes Auto leisten können. "Dann wirst du reicher sein?" frage ich ihn. "Ich werde dann weniger arm sein", erklärt er würdevoll.

5000 Dollar kostet so ein altertümlicher Peugeot 504 gebraucht, obwohl die Hinterachsfedern durch sind und die Kofferraumklappe per Paketband fixiert wird. Was diesen rollenden Schrotthaufen so feil macht? "Das Auto fährt mit Gas", betont mein Taxista. Meint er Diesel, auf spanisch Gasolina? "Nein, Gas." Die meisten gewerblichen Autos fahren inzwischen mit Erdgas. Diese Ressource wenigstens muss Argentinien nicht teuer importieren. Erdgas kostet darum nur 50 Centavos das Kilo, mit drei Kilo kommt Miguel 100 Kilometer weit - deutlich wirtschaftlicher als Diesel, der hier unglaubliche 1,09 Dollar pro Liter kostet.

"Und sauberer", hebt mein Chauffeur hervor. Die Luftverschmutzung, die aus Buenos eher Malos Aires (Schlechte Lüfte) machte, hat sich spürbar verringert. "80 Prozent der Taxis fahren inzwischen mit Gas", behauptet Miguel. Er biegt auf die Stadtautobahn und steht schon wieder. "Peaje!", verkündet ein Riesenschild - Autobahnen sind mautpflichtig. "Musst du noch Geld wechseln?", fragt mich der Mann am Steuer. Ich reiche ihm eine 100-Dollar-Note. Er macht ein zweifelndes Gesicht: "Das wird wohl nix."

Den US-Dollar - obwohl anerkannte Zweitwährung im größten La-Plata-Staat - mag hier kaum jemand. Zwar ist er im Briefwert 100 Prozent identisch mit dem argentinischen Peso, doch verweigern Kurzwarenhändler, Kellner und Kleinunternehmer oft die Annahme. "Es gibt viele falsche Dollar", so Miguel. Meine werden nach einem kleinen Wortgefecht und prüfenden Blicken für gut befunden. "Bei mir im Dorf", erzählt mein neuer Freund breit grinsend beim Weiterfahren, "würde keiner deine Dollars nehmen - die Leute kennen das Gringo-Geld nicht mal."

Der internationale Flughafen ist erreicht, sogar einigermaßen pünktlich. Miguel kennt trotzdem keine Pause: Wenn er länger als fünf Minuten im Airport-Bereich bleibt, zahlt er drei Pesos. "Diese Räuber!" Ich schlage vor: "Setz mich einfach hier ab." Er: "Nee, hier gibt es auch noch andere Räuber" und kichert. Ich wünsche ihm Glück für seinen Autokauf. Er scheppert davon, die Kofferraumklappe wippt lustig auf und ab.

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