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12.02.2002
 

Karneval in der Karibik

Dem Aschermittwoch entfliehen

Der Karneval zwischen Kuba und Trinidad ist schweißtreibend, ohrenbetäubend und vor allem an keine bestimmte Jahreszeit gebunden. Eine der über 30 karibischen Inseln feiert immer, manche gleich mehrmals im Jahr.

Auf den Bahamas, in St. Kitts und auf Montserrat toben die Reggae- und Calypsobands, die Stelzentänzer und farbenprächtigen Kindertruppen von Weihnachten bis zum Beginn des neuen Jahres durch die Straßen: Christfest und Karneval zur selben Zeit. Der Grund dafür stammt aus der Zeit der Sklaverei.

Buntes Treiben in Trinidad: Nach Rio der schönste Karneval der Welt
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Buntes Treiben in Trinidad: Nach Rio der schönste Karneval der Welt

Für das Weihnachten der Kolonialherren hatten die Sklaven aus Afrika zwar kein Interesse. Doch das Christfest bescherte ihnen die einzigen freien Tage im Jahr, die sie mit Trommeln, Gesang und den Riten ihrer Heimat zu fröhlichen Feiern nutzten.

Einige Inseln halten dieser Tradition bis heute die Treue. Andere übernahmen im Laufe der Christianisierung das närrische Treiben auch als Fest vor der Fastenzeit. Und weil die Feiern Touristen anlocken, verlegten etliche Inseln einfach die tollen Tage auf andere Monate, um dem größten Karneval der Karibik auf Trinidad auszuweichen.

Für viele Einwohner Trinidads ist ihr Karneval der größte und schönste der Welt - zumindest aber weltweit die Nummer zwei hinter Rio de Janeiro. Die Kostümdesigner und Maskenbildner der Insel arbeiten fast das ganze Jahr. Und bereits im Herbst beginnen die Ausscheidungen für die Steel-Band- und Calypso-Endkämpfe in den Tagen vor Aschermittwoch. Bis zu 350.000 Menschen tanzen und singen dann allein in der Hauptstadt. Das ist jeder vierte Insulaner.

Pfauenlook: An ihren Kostümen basteln die karibischen Karnevalisten das ganze Jahr
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Pfauenlook: An ihren Kostümen basteln die karibischen Karnevalisten das ganze Jahr

Wer im Straßenkarneval der Inselhauptstadt Port of Spain als Calypso King gekürt wird, ist Volksheld und Botschafter seiner Insel zugleich. Namen wie "Mighty Sparrow" oder "Calypso Rose" etwa sind in der ganzen Karibik berühmt. Ihre Musik buchstabieren sie so: C wie Carnival, A wie Action, L wie Love, Y wie Young, P wie Power, S wie Sex(appeal) und O wie Obsession: CALYPSO. In ihren Songs attackieren sie lokale Misswirtschaft und Korruption, mangelnde Aidsaufklärung, aber auch internationale Ereignisse wie die Anschläge vom 11. September 2001 in New York.

An den Finaltagen auf Trinidad steigen dort neben dem Frohsinn auch die Hotelpreise, die Zahl der Diebstähle und Schlägereien sowie der Andrang in den Ausnüchterungszellen.

Auf der französischen Insel Guadeloupe etwa ist nicht einmal der Aschermittwoch tabu. Morgens wirbeln schwarz-weiße Teufelchen durch die Straßen, abends wird die Stoffpuppe "Bois Bois" verbrannt. Auf die Kinder wartet allerdings kein Bonbonregen, sie haben dafür ihre eigene Parade und einige Tage schulfrei.

In der überwiegend katholischen Dominikanischen Republik ist der 27. Februar jedes Jahr ein wichtiger Feiertag. Dann verwandeln Zehntausende Merengue-Fans die Hauptstadt Santo Domingo in eine riesige Party. Danach allerdings "springt" der Karneval über die Insel von Stadt zu Stadt. "Wir feiern Karneval in verschiedenen Monaten", erklärt der Elektriker Julio Derreck. "In meiner Heimatstadt San Pedro de Macoris geht es im Juni rund, in La Romana im August".

Bei tropischer Hitze das das Kostüm auch mal etwas knapper ausfallen
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Bei tropischer Hitze das das Kostüm auch mal etwas knapper ausfallen

Die Straßen der kubanischen Hauptstadt Havanna wandeln sich im Juli in eine riesige Tanz- und Verzehrmeile. Auf der für den Verkehr gesperrten Uferstraße Malecon werden Hunderte Buden, Open-Air-Restaurants und Bühnen aufgebaut. Viele Kubaner rüsten sich während der närrischen Tage in der Hauptstadt mit Kannen und Eimern aus, wenn das Bier zum Sonderpreis auch aus Hähnen und Schläuchen großer Tanks fließt.

Ihren Rausch schlafen viele Hauptstädter später am sonnenhellen Nachmittag auf dem Asphalt aus. Polizisten haben alle Hände voll zu tun, die Alkoholleichen wegzutragen, denn der Alkohol wirkt in der Hitze intensiver als Hochprozentiges in kühlen deutschen Februartagen.

Die Umzugswagen in der Karibik sind meist nicht so kolossal wie in Deutschland. Doch dafür dröhnen die Motoren riesiger Sattelschlepper bei Umzügen, die "Jam" genannt werden und häufig schon um vier Uhr früh beginnen. Die Lastzüge sind viele Meter hoch mit Lautsprecherboxen und Verstärkern bestückt. Obendrauf sitzt eine Band und heizt der Menge ein, die stampfend, mit den Hüften wackelnd und Po kreisend hinter dem Fahrzeug tanzt - oder "jamt", wie es hier heißt.

Die karibischen Inseln
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Die karibischen Inseln

Der Blick von den Wagen ist grandios. Gruppen von Schulen, Banken, Sport- und Karnevalsvereinen wiegen sich kostümiert im Rhythmus. Exotische Tier- und Pflanzenmotive sind die Favoriten.

"'Jammin' und Musik, die ins Blut geht, und einmal um die Insel tanzen - das ist cool", findet auch die 19-jährige Karen Duncan auf der kleinen britischen Insel Anguilla, die gerade mal 12.000 Bewohner zählt. Für heiße Stimmung sorgen hier Fashion Shows und Wettbewerbe zur "Miss Carnival", bei denen sich kreolische Schönheiten als Sängerinnen und Dichterinnen in schicker Abendrobe und sexy Badekleidung präsentieren.

Für Touristen überraschend ist zunächst auch, dass eine Segelwettfahrt am ersten Montag im August - natürlich ein Feiertag - einer der Karnevalshöhepunkte auf Anguilla ist. Für Karen nicht: "Auch beim Bootsrennen kannst du tanzen - auf Sand oder im seichten Wasser." Am Strand spielen dann etliche Bands zwischen den Buden, die auch dampfende Bullenfuß- und Ziegensuppe oder gegrillte Rippchen und Hühnerschenkel anbieten.

Je kleiner die Insel, desto doller der Karneval: Das niederländische Saba hat nur 1400 Einwohner, aber alle sind beim Karneval im Juli auf den Beinen. Hinzu kommen Touristen und ein paar hundert Gäste von Nachbarinseln.

Auf der geteilten Nachbarinsel St. Martin/St. Maarten wird gleich zwei Mal gefeiert: im Februar im französischen und im April im niederländischen Teil. Das "Carnival Village" im holländischen Teil der Insel hat dann rund um die Uhr geöffnet. Der Paradezug der Inselhauptstadt Philipsburg ist immerhin sechs Kilometer lang - beachtenswert bei nur 50.000 Einwohnern.

Jamaika will in diesem Jahr seine närrischen Tage so lange wie nie zuvor feiern - bis in den Mai. Die Paradestrecken und Reggae-Zelte werden vor allem in der Hauptwoche vom 30. März bis 7. April in Kingston, Montego Bay und Ocho Rios wieder prall gefüllt sein. Erstmals soll auch der Osten der Heimatinsel von Reggae-Legende Bob Marley in die Feiern mit Straßenumzügen und Nonstop-Musik einbezogen werden.

An die Geschichte der etwa 80.000 Sklaven, die Anfang des 18. Jahrhunderts auf Barbados arbeiteten, erinnert das "Crop Over Festival" im Juli. Es ist eine rauschende Mischung aus Zuckerrohr-Erntedankfest und Karneval. Musik und Speisen sind auf der früheren britischen Insel besonders variantenreich. Zu den gängigen Karibikrhythmen kommen dort Flöten und Trommeln der Tuk Tuk-Spieler.

Gegessen werden Fliegende Fische, die nicht wirklich fliegen können, aber immerhin etliche Meter durch die Luft springen. Am Ende landen einige auf dem Grill. Auch die Verkäufer von "Pepperpot" mit Fleisch und vielen Gewürzen, von "Cou-Cou", einer Mischung aus Okraschoten und Maismehl, sowie von "Roti"-Fladenbrot machen neben den Produzenten von Rum, Bier und Saft gute Umsätze.

"Das Crop Over Festival ist ein gutes Beispiel, wie wir unsere Geschichte und Kultur auf fröhliche Weise auch Touristen aus Europa und den USA vermitteln können", sagt Jean Holder, Generalsekretär der Caribbean Tourism Organization (CTO). Besonders die kleinen Inseln, die unter einer Urlauberflaute leiden, sollten mit dieser Art Kultur-Tourismus werben, sagt der Chef der karibischen Tourismusvereinigung. "Erholung unter Palmen plus Frohsinn, Karneval und Kultur könnte eine gelungene Ferienmischung werden."

KARIBISCHER KARNEVALSKALENDER:

JANUAR: San Juan/Puerto Rico (San Sebastian Street Fiesta)
FEBRUAR: Aruba, Bonaire, Curacao, Dominikanische Republik, Guadeloupe, Haiti, Martinique, Isla Margarita/Venezuela, Karibikküste Mexikos, St. Martin, St. Lucia, Trinidad
MÄRZ: Guadeloupe und Martinique (Mi-Careme mit musikalischen Straßenumzügen)
APRIL: Jamaica, St. Maarten, St. Thomas/US-Virgin Islands
MAI: St. Vincent und die Grenadinen (Musikfest)
JUNI: Bay Islands/Honduras (Coconut Festival)
JULI: Antigua, Barbados (Crop Over Festival), Kuba, Saba, St. Eustatius, St. Vincent und die Grenadinen, St. John/US-Virgin Islands
AUGUST: Anguilla, Grenada, Surinam (Kunst- und Karneval-Festival)
SEPTEMBER: St. Kitts (Ocean-Fest)
OKTOBER: Cayman Islands (Pirates Week), Dominica (World Creole Music Festival), Trinidad (Steelband Competition)
NOVEMBER: Mexiko (International Caribbean Cultural Festival)
DEZEMBER bis ANFANG JANUAR: Bahamas (Junkanoo-Karneval, St. Kitts, Montserrat, St. Croix/US-Virgin Islands

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