Von Andreas Lorenz
Mao Zedong war in den dreißiger Jahren hier und kehrte nie zurück. Auch Deng Xiaoping kam nicht wieder. In den achtziger Jahren begann jener Mann, der bald Parteichef werden soll, hier seine Karriere als Provinzfürst. Doch seitdem wurde auch Hu Jintao nicht mehr gesichtet.
Guizhou hat dies nicht verdient. Zwar ist die südwestliche Region eine der rückständigsten Regionen der Volksrepublik, aber gerade darin liegt ihr Reiz. Sie bietet wunderschöne Natur und freundliche Menschen. Nadelwälder und Bambushaine wechseln sich ab. Flößer versuchen ihr Holz über Stromschnellen zu manövrieren. Auf den Dächern der Bergbauern trocknen rote Paprikaschoten und gelber Mais.
Zahlreiche Völker leben in der 43-Millionen-Einwohnerprovinz, in der über ein Drittel nicht zur Mehrheit der Han-Chinesen gehören. Dazu zählen vor allem die Dong, die Miao (im Westen besser bekannt als Hmong) und die Shui.
Wer sich von der Hauptstadt Guiyang mit dem Auto über oft heikle Serpentinenstraßen in die Dörfer aufmacht, reist in eine andere Welt und Zeit. Hier glauben die Bewohner an Geister und Götter. Die Dong, die vor 3000 Jahren aus Thailand einwanderten, verehren zum Beispiel die Urmutter Shama.
Das moderne China der Ostküste scheint Lichtjahre entfernt, selbst wenn sich auch hier die landesweit verbreitete Badezimmer-Architektur - weiß gekachelte Wände, blau oder grün getönte Scheiben - ausbreitet. Die meisten Dorfbewohner zimmern ihre Häuser aber noch nach altem Brauch aus Holz. Frauen in schwarzen, indigo-blauen oder grünen Trachten, das Haar kunstvoll aufgetürmt und mit einem Kamm zusammengehalten, schleppen in Körben ihre Waren zum Markt.
Wie eh und je klopfen die Bauern Hirse im Mörser, ihre Klos stehen über den Reisfeldern oder Fischteichen. Die Häuser sind mit schwarzen Schindeln gedeckt, von den Balkonen hängen indigoblaue Stoffe. Ihre Kinder tragen die Frauen, wohin sie auch gehen, auf dem Rücken.
Zu den schönsten Orten Guizhous gehören die Dörfer der Dong, die traditionell an Flüssen siedeln. Fast jeder Flecken besitzt einen kunstvoll geschnitzten Turm - zuweilen bis zu 13 Stockwerke hoch -, eine Freilichtbühne und die "Wolken-und-Regen"-Brücke, auf der sich nach Feldarbeit die Jugend trifft und erste zarte Bande knüpft.
Diese fein geschnitzten Bauwerke, in denen kein Nagel und keine Niete steckt, stehen am Ausgang des Ortes: Sie sollen, so glauben die Einwohner, verhindern, dass der Reichtum im Fluss fortgespült wird.
Die Trommeltürme dienten einst dazu, die Dörfler bei Feuer oder einem Angriff zu alarmieren oder zu einem wichtigen Treffen zusammenzurufen. In vielen Orten allerdings werden die Trommeln nicht mehr geschlagen: Banditen und feindliche Warlords treiben nicht mehr ihr Unwesen, Versammlungen finden im Parteikomitee statt. Bekanntmachungen stehen mit Kreideschrift an einer Tafel und lauten wie in dem Dorf Tan An etwa so: "Das Vaterland verteidigen und Widerstand gegen Aggressoren leisten. Das ist die heilige Pflicht der Bürger der Volksrepublik China."
Im Winter liegt der Ort Tang An in einer nasskalten Wolkenschicht. Frauen mit bunten Kopftüchern waschen an einem Brunnen Chili-Schoten, Radieschen und Salatblätter, ein paar Männer und Kinder stehen fröstelnd, die Hände tief in den Hosentaschen, um ein Feuer, das sie unter dem Trommelturm entfacht haben. Auf die Frage, wann zum letzten Mal die Instrumente genutzt wurden, zucken die Männer mit der Schulter. "Vor der Befreiung vielleicht?" vermutet einer und meint damit die Zeit vor der Gründung der Volksrepublik 1949.
Das Dorf Zhaoxing ein paar Kilometer weiter im Tal besitzt gleich fünf Trommeltürme und fünf Wind-und-Regen-Brücken, was auf kleinen Wohlstand schließen lässt. Die Einwohner haben in den letzten Jahren den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt, nun finden ausländische Reisegruppen ihren Weg hierher. Sie übernachten in kleinen, sehr einfach ausgestatteten Gästehäusern.
Guizhou ist die Provinz der kleinen Geldscheine, die Bauern schaffen vielerorts nur ein Jahreseinkommen von 300 Yuan (41,42 Euro), die Pekinger verdienen im Schnitt dagegen 1598 Euro.
Deshalb sind im Dorf Feng Deng nur wenige Einwohner zurückgeblieben. Die meisten Männer und Frauen arbeiten in der Nachbarprovinz Guangdong (Kanton), wo sie mit Glück in einem Monat doppelt so viel kassieren als in ihrer Heimat das ganze Jahr.
In den kleinen Orten Guizhous hängen noch keine Reklameschilder für Computer, Mobiltelefone oder Fernseher an den Wänden. Statt dessen prangen hier - wie in den vergangenen Jahrzehnten - Parteiparolen: Heute sind es die "wichtigen Gedanken der Drei Repräsentationen" von KP-Chef Jiang Zemin. "Bücher lesen, um sich zu bilden", heißt es woanders, und: "Bildung, um sich weiter zu entwickeln."
In einigen Orten finden sich gar noch Zeugnisse aus Maos egalitären Zeiten, als alle Bauern das Gleiche verdienten, das Gleiche anzogen, anpflanzten und das Gleiche dachten: "Volkskommune ist gut"
Fast jedes Dorf hat mittlerweile eine Schule, zu denen Kinder aus abgelegenen Gehöften täglich viele Kilometer laufen müssen. Im Dorf Gaojin sitzen die Schüler in kahlen Klassenräumen, zu Dutzenden dicht gedrängt auf kleinen Holzbänken. Um sich zu wärmen, tragen sie glühende Holzkohlen in kleinen Körben mit sich. Einige sind den Anblick von Ausländern nicht gewohnt: Erschreckt tauchen sie beim Anblick der "Langnasen" unter die Bank.
Auf einer Tafel am Dorfplatz stehen sorgsam Ausgaben und Einnahmen der Gemeinde aufgelistet: 25.475, 48 Yuan (3517,88 Euro) hatte der Ort im vorigen Jahr zur Verfügung, darunter sind Zuschüsse vom Amt für nationale Minderheiten (für die Reparatur der Theaterbühne) und von der örtlichen Regierung (für Überschwemmungsschäden). 473 Euro gab das Dorf allein für "Beköstigung und Unterbringung" von Funktionären aus - immerhin rund 13 Prozent des Etats.
Eine bemerkenswerte Liste klebt am Trommelturm: Sie enthält Namen von Frauen, die sich sterilisieren ließen. Im Gegensatz zu den meisten Han-Chinesinnen in den Städten dürfen die Frauen der ethnischen Minderheiten zwar zwei Kinder gebären. Danach, so scheint es Praxis in Guizhou, folgt aber automatisch die Sterilisation.
Dong-Frauen, die mit blauen Schürzen und weißen Tüchern um den Kopf durch die enge Gasse kommen, beteuern, der Eingriff erfolge freiwillig. Vielleicht aber auch nicht: Wer gegen die staatliche Geburtenpolitik verstößt, muss mit enorm hohen Geldstrafen rechnen.
Guizhou ist kein gewöhnliches Reiseziel. Doch wer mehr erfahren will von China, wer gar den Kontrast zu den modernen Boomstädten Peking und Schanghai sucht - für den ist die Provinz eine spannende Station. Die Hauptstadt Guiyang fliegen mehrere Fluggesellschaften aus Peking, Schanghai und Hongkong an.
Aber: Die Straßen außerhalb Guiyangs sind zuweilen beschwerlich und nicht immer sicher, die Unterkünfte einfach und im Winter nicht geheizt. Europäisches Essen ist hier nicht zu finden. Für Individualtouristen ist es ratsam, sich über ein privates Reisebüro ein Auto mit Fahrer und Dolmetscher zu mieten. Das allerdings kann für vier Tage (Hotel inklusive) rund 550 Euro pro Person kosten.
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