Patagonien: Das Abenteuer Stille

Von Matthias Matussek, Punta Arenas

2. Teil

Alle Zimmer dieses Hotels, das am Seeufer liegt wie Noahs Arche, haben weit gezogene Fensterfronten, tief genug, um all die Pracht auch vom Bett aus genießen zu können. Selbst ins angrenzende Badezimmer sind Fenster eingelassen, die den Blick auf die Gebirgskette freigeben. Und dort glühen jeden Morgen gegen acht Uhr die ersten Sonnenstrahlen, die rosafarbene Ringe um die Gipfel legen. Sehr viel Schönheit bietet das "Explora", neben der Stille.

Torres del Paine ist eines der exklusivsten Naturschutzgebiete der Welt
Matussek / DER SPIEGEL

Torres del Paine ist eines der exklusivsten Naturschutzgebiete der Welt

Rund zwanzig gut ausgebildete, junge Bergführer bieten Exkursionen in die Natur an, von einfachen Wanderungen, über Ausritte und Mountain-Bike-Touren bis hin zur anspruchsvollen Kletterpartie. Eine von ihnen ist Susanne, die vor einem halben Jahr hier hängen blieb und einfach "nicht mehr weg kann". Sie fotografiert. Sie schleppt turmhohe Rucksäcke. Und sie ist ständig ansprechbar und gut gelaunt, ohne einem damit auf den Wecker zu gehen. Im Explora geht es nicht um Animation. Die Natur ist animierend genug - die Führer helfen lediglich, sie zu verstehen.

An diesem Morgen finden wir am Ufer des Saermiento-Sees frische Puma-Spuren. "Es könnten die von Penny sein". Penny ist womöglich der berühmteste Puma der Welt - drei Jahre lang hat Naturfilmer Hugh Miles Penny für "National Geographic" porträtiert - wie sie jagt, wie sie ihre Jungen aufzieht, wie sie ihre Beute verteidigt. All das haben wir am Abend zuvor im Videoraum des Hotels gesehen.

Vor den Felswänden des Paine Massivs kreisen Kondore. Offensichtlich liegt da ein Kadaver. Ein Schaf, das Penny sich gerissen hat? Das Tier liegt in der Nähe einer Weide, und auf dem Weg dahin müssen wir Pico passieren.

Die Führer helfen, die Natur zu verstehen
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Die Führer helfen, die Natur zu verstehen

Pico ist ein domestiziertes Guanaco. Es ist von einem Schäfer als Jungtier aufgefunden und aufgezogen worden. Wahrscheinlich hält es sich mittlerweile selber für ein Schaf. Anders aber als die blökend-fliehende Herde stellt es sich uns in den Weg und verlangt Zoll. Susanne hält Nüsse und Rosinen bereit. "Wenn ich nichts dabei habe, spuckt es", sagt sie.

Die Guanacos sind Verwandte der Lamas, elegante Kletterer. Ein ganzes Rudel sehen wir kurz darauf eine Bergflanke hinauftrotten. Die Tiere stehen braun und weiß in den frostüberzogenen, blauen Gräsern, wie in Bildern von Franz Marc. Und unten, aus dem türkisen Wasser des Sarmento-Sees, steigen rosafarbene Flamingos auf und segeln über das schneeweiße Ufer. Das sind Momente, Blicke, Eindrücke, von denen man lange zehrt.

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, in diesen 2400 verzauberten Quadratkilometern Natur auf andere Menschen zu treffen - insgesamt gibt es nur fünf kleine Hotels im Park, die die allerstrengsten Auflagen haben.

Unter ihnen ist das Explora das exklusivste. Es ist auf raffinierte Art primitiv. Die Türhänger sind aus recycelter Pappe und Paketschnüren, doch das Daunenbettzeug stammt aus Barcelona, die Teppiche aus New York, das Porzellan aus England und die Möblierung aus Chimbarongo.

Zu den abwechslungsreichen Vier-Gänge-Menüs werden chilenische Spitzenweine kredenzt, in einem Speisesaal, der über einem kleinen Wasserfall liegt. Dieser bildet den Zufluss zu einem tiefer gelegenen See, an dem das Bootshaus mit dem erwärmten Indoors-Pool und den Saunas untergebracht ist. In die ausgebleichten Planken außerhalb sind zwei größere Jacuzzis eingelassen.

Der Gletscher leuchtet an Wolkentagen sechsmal intensiver als bei Sonnenschein
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Der Gletscher leuchtet an Wolkentagen sechsmal intensiver als bei Sonnenschein

Es gibt nichts Schöneres, als nach einem Ausritt hier auszuruhen, im dampfenden Sprudelwasser zu sitzen, den Seespiegel vor Augen, das Laub, den blassblauen Himmel und die abgestorbenen Äste, die wie silberne Schlangen im Gras liegen. Und ansonsten: Stille.

Die buchstäblich größte Attraktion, die die Explora-Führer anzubieten haben, ist der Gletscher Grey. Er ist Teil des riesigen "südlichen Eisfeldes". Der Tag, an dem wir zu Grey aufbrechen ist wolkenverhangen und grau. Und genau das ist das Licht, das die Eisberge, die sich von dem Gletscher lösen, brauchen - dann leuchtet ihr Blau sechsmal intensiver als an Sonnentagen.

Die Gespräche ersterben und alle schauen nur noch auf die Pracht, die still an dem kleinen Kutter vorbeitreibt. Die Bruchstücke lösen sich von einem 27 Kilometer langen Gletscher, der jährlich rund 130 Meter Länge und vier Meter Höhe verliert. Es sind weiße Giganten darunter, von denen nur acht Prozent über den Wasserspiegel ragen, bizarr geformt wie eisige Fabelwesen, tauchen sie aus der grauen Stille auf und leuchten blau auf, eine gemächliche Geisterkarawane auf dem Weg in einen Höllenschlund am Ende der Welt.

Von nun an wird es das sein, was ich mit Patagonien assoziiere: diese magischen, blauen Unikate. Und die Flamingos im Eissee. Die Puma-Spuren im Schnee. Die Kondore, die mit weiten Schwingen im Aufwind vor der Steilwand des Torre del Paine schweben.

Zwei Tage Fahrt zum nächsten Flughafen
Matussek / DER SPIEGEL

Zwei Tage Fahrt zum nächsten Flughafen

Wir bleiben vier Tage und genießen das rarste Abenteuer der Welt: Stille. "Was für eine herrliche rosa Tönung die Wolken heute Morgen haben", heißt es auf den letzten Seiten von Bruce Chatwins Patagonien-Buch. Keine Rede von toten Pinguinen.

Patagonien, das ist eben immer auch eine Frage des Blickes.

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  • Datum: Freitag 07.06.2002 | 13:37 Uhr
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