Manaus - Unter den Tragflächen der zweimotorigen Maschine liegt der Amazonasdschungel. Gelegentlich durchzogen von Wasserläufen, erstreckt er sich wie ein endloses Brokkolifeld monoton bis zum Horizont. Schon kurz nach dem Start vor einer Stunde in Manaus bot sich dieses Bild. "Die Landschaft ändert sich auch in den nächsten 40 Minuten nicht", brüllt Pilot Paulo Nogueira in den Lärm.
Die von den Kautschukbaronen des ausgehenden 19. Jahrhunderts gegründete Großstadt Manaus gilt als das Eingangstor für Amazonien. Am hundert Jahre alten Pontonkai machen auch heute noch Hochseeschiffe fest, darunter auch Kreuzfahrtschiffe. An den einstigen Reichtum erinnert nicht nur das bekannte Opernhaus: Ein Kuriosum aus jener Zeit ist auch das Gebäude der Zollverwaltung, das die Stadtväter Stein für Stein mit Schiffen aus Großbritannien importierten.
Wenn auch der Dschungel aus dem unmittelbaren Umkreis von Manaus gewichen ist, gibt es jedoch 20 Bootsminuten flussabwärts ein Naturschauspiel ersten Ranges. Hier treffen die Fluten des dunklen Rio Negro mit den weiß-gelben, schlammhaltigen Wassermassen des Solimões zusammen, um sich erst nach sechs Kilometern zu mischen. Das Gewässer ist auch Tummelplatz der seltenen rosafarbenen Delfine, um die sich viele der Amazonas-Legenden ranken.
Das Abenteuer einer Amazonienreise beginnt dort, wo die Vegetation immer dichter wird. Unter dem grünen Dach der bis zu 70 Meter hohen Baumriesen herrscht gedämpftes Licht, nur etwa zehn Prozent der Sonnenstrahlen dringen durch die Laubkronen auf den Boden. In diese schöne, aber gefährliche Welt sollte man niemals ohne ortskundigen Führer eindringen. Nur er kennt den gefahrlosen Weg, entdeckt rechtzeitig als Zweige getarnte Giftschlangen. Zudem versteht er, Affenhorden auszuweichen, die von hoch oben ihren Kot auf die unerwünschten Eindringlinge werfen.
Idealer Standort für Exkursionen in die "grüne Hölle" sind die Buschhotels im Gebiet des Rio Negro westlich von Manaus. Die Anreise geschieht meist per Boot, das die angemeldeten Gäste am Hafen der Regionalhauptstadt abholt, oder in kleinen Flugzeugen. Von den Lodges aus gelangt man auf stundenlangen geführten Wanderungen durch die Wildnis und auf nächtlichen Beobachtungsfahrten zu den Liegeplätzen der Krokodile, deren Augen im Scheinwerferlicht blitzen wie eine Lichterkette.
Auch das Angeln von Piranhas steht auf dem Programm - einige Arten schmecken gegrillt ganz vorzüglich. Die berüchtigten Raubfische kommen glücklicherweise nicht überall im Amazonas vor, so dass durchaus Abkühlungen im Fluss möglich sind. Allerdings sollten Urlauber niemals ohne Badehose ins Wasser gehen. Hier könnte nämlich der tückische Candiru lauern, ein winziger Wels, der eigentlich als Parasit größerer Fische lebt. Gelegentlich vertut er sich: Dann dringt er in die Harnröhre seiner Opfer ein und spreizt seine Flossen ab. Nur durch eine Operation kann er wieder entfernt werden.
Raubkatzen wie Puma und Jaguar trifft ein Wanderer im Wald nur selten. Häufiger zu sehen sind dagegen Wasserschweine - Capybaras genannt. Sie sind die größten Nagetiere der Welt. Tapire, deren nächste Verwandte die Nashörner in Afrika und Asien sind, laufen bei Gefahr eilig zum Wasser. An den Ästen hängen Faultiere, der bis zu mehr als zwei Meter lange Ameisenbär geht mit seiner säbelförmigen Schnauze im Unterholz auf Insektenjagd.
Gelegentlich flattern bis zu 20 Zentimeter große Schmetterlinge durchs Halbdunkel, oder eine Vogelspinne quert den Weg. Das Konzert der zahlreichen Vögel, das sich mit den anderen Geräuschen der Wildnis mischt, verstummt in der Mittagshitze. Mücken allerdings muss der Wanderer im Dickicht nicht suchen, sie scheinen allgegenwärtig und können höchst schmerzhafte Bisse und Stiche hinterlassen.
Amazonien ist ein Gebiet der Superlative mit sieben Millionen Quadratkilometern - der nahezu 19fachen Ausdehnung Deutschlands. Von den Anden bis zum Atlantik erstrecken sich das wasserreichste Flusssystem und der größte zusammenhängende Regenwald der Erde. Die Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren ist nirgends größer. Noch immer gibt es unerforschte Gegenden.
Dem Normalreisenden öffnet Amazonien in der Regel aber nur seine Bilderbuchseiten. Das Abholzen des wertvollen Baumbestandes, Brandrodungen für Viehzucht und der umweltschädigende Abbau von Bodenschätzen passieren meist weit entfernt von den Pfaden der Touristen - irgendwo in der scheinbar endlosen Weite des Waldes.
Von Horst Heinz Grimm, gms
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