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31.10.2002
 

Pilanesberg-Nationalpark in Südafrika

Operation Genesis

Es war die wohl größte Umsiedelungsaktion seit Noahs Zeiten: Tausende von großen Säugetieren wie Löwen, Nashörner und Elefanten fanden Anfang der Achtziger im neu gegründeten Nationalpark Pilanesberg ein neues Zuhause. Sie waren neben Casinos, Nacktshows und Golfplätzen Köder für Touristen aus dem nahen Johannesburg.

Breitmaulnashorn: Anfang der achtziger Jahre in die Ebene von Pilanesberg umgesiedelt
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Breitmaulnashorn: Anfang der achtziger Jahre in die Ebene von Pilanesberg umgesiedelt

Sun City - Im südafrikanischen Busch ist es später Nachmittag. Eugene Le Roux sitzt am Steuer eines umgebauten Geländelasters, dreht sich um und hebt die Stimme: "Steigen Sie bloß nicht aus. Die Tiere hier sind wirklich wild", mahnt er. "Und spätestens wenn ich zum Gewehr greife, sollten Sie wissen, dass es ernst wird." Schließlich hellt sich die dunkle Miene des Rangers auf: "Willkommen im Pilanesberg-Nationalpark." Dann fährt er los - auf der Suche nach den "Big Five", den großen Fünf der afrikanischen Tierwelt: Löwen, Leoparden, Elefanten, Büffel und Nashörner.

Wenn gegen Abend die Schatten der Akazien in der Savanne länger werden und die Hitze des Tages weicht, werden die Tiere wieder aktiver. Zwei Geparde streifen durch das hohe Gras. Schließlich nehmen die schnellen Raubkatzen auf einer Anhöhe Platz, im Blickfeld weidende Gnus, deren Körper sich schwarz gegen das Gold der grasbewachsenen Ebene absetzen.

Safari-Abenteuer: Die Elefanten stammen aus dem Krüger-Nationalpark
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Safari-Abenteuer: Die Elefanten stammen aus dem Krüger-Nationalpark

Dass Touristen heute im Pilanesberg-Nationalpark solche Tiere bewundern können, hat keine natürlichen Gründe. Der Nationalpark fällt eher unter die Rubrik "Paradiese aus Menschenhand": Bis in die siebziger Jahre war die Gegend Farmland. Rinder zogen durch die Ebenen von Pilanesberg, den hügeligen Resten eines gewaltigen Vulkans, der vor anderthalb Milliarden Jahren auseinander flog und kollabierte.

"Die Idee zum Nationalpark kam 1969", erklärt Johnson Maoka von der Parkverwaltung. Die Schönheit des ehemaligen Kraters mit seinen weiten Grasflächen zwischen sanft geschwungenen Hügeln hatte es den Planern angetan - und wohl auch die Nähe zum Ballungsraum Johannesburg sowie die Pläne des Hoteltycoons Sol Kerzner.

Ehemaliger Vulkankrater: In den siebziger Jahren grasten hier riesige Rinderherden
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Ehemaliger Vulkankrater: In den siebziger Jahren grasten hier riesige Rinderherden

Kerzner, Chef des südafrikanischen Hotelkonzerns Sun International, ließ hier - im damaligen Homeland Boputatswana und damit außerhalb der strengen Sittengesetze des Apartheidstaates - ein südafrikanisches Las Vegas aus dem Boden stampfen. Eröffnet wurde das Resort 1979. Seitdem locken Luxus-Hotels, Golfplätze, ein riesiges Freiluftwellenbad, ein künstlicher See und vor allem das Casino in Sun City Vergnügungssüchtige an. "Wir sind hier hingefahren, haben unser Geld verprasst und uns die Nacktshows angesehen", erzählt Glen Finlay, der Tagesausflüge von Johannesburg aus nach Sun City und in den Park organisiert.

Heute ist es stiller geworden in Sun City. Längst stehen in Kapstadt und Johannesburg größere Spielpaläste als hier. "Sun City und der Nationalpark hängen von einander ab", sagt Parkmanager Maoka. Viele der 300.000 Parkbesucher jährlich kämen von Sun City. 1979, rechtzeitig zur Eröffnung des Resorts, nahm auch der Pilanesberg-Nationalpark Gestalt an: Das 55.000 Hektar große Areal war komplett eingezäunt und innerhalb des Parks alle Rinder, Zäune und Siedlungen beseitigt. Selbst von Menschen eingeschleppte Pflanzen mussten weichen, um eine möglichst natürliche Vegetation wieder herzustellen.

Bei der gigantischen Umsiedelungsaktion wurden rund 6000 große Säugetiere 19 verschiedener Arten in den Park gebracht - darunter 50 Elefanten aus dem Krüger-Nationalpark, rund 2000 Impala-Antilopen und 19 vom Aussterben bedrohte Spitzmaulnashörner. Bis heute seien es insgesamt 10.000 Tiere, die hier ihr neues Zuhause fanden, sagt Parkmanager Maoka.

Pilanesberg-Nationalpark: Rund 190 Kilometer nordwestlich von Johannesburg
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Pilanesberg-Nationalpark: Rund 190 Kilometer nordwestlich von Johannesburg

Auch Giraffen aus dem Etosha-Nationalpark in Namibia kamen in den Park. "Antilopen wie Springbock und Gämsbock waren wahrscheinlich vorher nicht hier", sagt Glen Finlay. "Vermutlich auch die Giraffen nicht. Der Park liegt eigentlich zu hoch." Doch die Macher wollten nicht auf die attraktiven Langhälse verzichten. Den Giraffen aus den Nachbarland scheint es zu gefallen.

Die ebenfalls aus Namibia stammenden Löwen fallen durch ihre besonders fotogene dunkle Mähne auf. Sie kamen zusammen mit den Geparden und Wildhunden erst nach 1993 in den Park. "Die Löwen sind vor allem als Attraktion für die Touristen gedacht", gibt Parkmanager Maoka zu. "Doch Krügerpark-Löwen konnten wir nicht nehmen." Die waren damals für Menschen gefährlich, weil sich dort illegale Einwanderer aus Mosambik nach Südafrika durchschlugen. "Die namibischen Wüstenlöwen waren friedlicher", sagt Maoka.

Zebras: Wildtiere müssen heutzutage auch Geld einbringen
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Zebras: Wildtiere müssen heutzutage auch Geld einbringen

Sich selbst werden die Tiere im teuer errichteten Nationalpark jedoch nicht überlassen: Jedes Jahr zählen die Ranger den Bestand. Sind etwa zu viele Elefanten im Park, droht das gesamte Ökosystem Schaden zu nehmen. Dann werden die Überzähligen abgeschossen oder an private Wildschutzgebiete verkauft. Um überleben zu können, müssen auch Wildtiere heutzutage Geld einbringen, lautet das Motto der Parkverwaltung. "Pilanesberg ist kein vollkommen naturbelassenes System, der Park ist eingezäunt und muss organisiert werden", erklärt Maoka. Gegen spöttische Bezeichnungen wie Freiluftzoo oder Safari-Park wehrt er sich dennoch: "Pilanesberg ist ein Nationalpark, ganz klar."

Von Arnd Petry, gms

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