Von Frank Schneider
Der erste Siedlungsversuch von Europäern in Klein-Spanien, so die Übersetzung von "Hispaniola", scheiterte kläglich. Das von Kolumbus' Seeleuten aus den Resten ihres Schiffes erbaute Fort hielt nicht einmal stand, bis der Entdecker auf seiner zweiten Seereise ins vermeintliche "Westindien" zurückkehrte. Von den auf der Insel verbliebenen Spaniern fand sich keine Spur, ihre Hütten waren dem Erdboden gleichgemacht. Die Tainos, bis dato Herren der Insel, hatten sich ein letztes Mal gegen eine drohende Knechtschaft aufgebäumt.
Zwar war es bereits vorher zu Kriegen verschiedener karibischer Stämme untereinander gekommen, aber was ab 1493 folgte, hatte es noch nicht gegeben. Eine wechselvolle Geschichte, ebenso illuster wie blutrünstig, durchzog fortan die karibische Inselwelt. Für Conquistadores, Abenteurer und Piraten war Santo Domingo, die heutige Hauptstadt der Dominikanischen Republik, viele Jahre lang erste Anlaufstelle in der neuen Welt.
1496 gegründet, beherbergt Santo Domingos koloniale Altstadt zudem die erste Kathedrale, das erste Hospital, die erste Universität und das erste Zollhaus "Americas". Die neuen Herren auf Hispaniola hatten sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Süden der Insel, an der Mündung des Rio Ozama und gleich neben dem großräumig angelegten und gut gesicherten Fort, ein kleines Schmuckstück errichtet.
Das ist die koloniale Altstadt Santo Domingos heute noch. 1990 wurde sie von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Überaus gut erhalten und gepflegt stehen die Häuser dar wie in der Blütezeit der spanischen Herrschaft. Als Besucher schlendert man noch heute durch dieselben Gassen wie weiland die Herren Cortez, Pizzaro oder Kolumbus Junior. Diego, der Sohn des Entdeckers, residierte in einem kleinen Palast am Westufer der Ozama-Flussmündung.
Dahin war die Stadt jedoch erst 1502 verlegt worden: Die ursprüngliche Siedlung am Ostufer, wo sie zunächst wegen der Nähe zu den Goldminen errichtet wurde, war nach einem Hurrikan und einer Ameiseninvasion aufgegeben worden. Nicolas Ovando plante die Neugründung und legte ein gitterartiges Straßennetz zu Grunde, auf das beinahe alle anderen Stadtplaner der neuen Welt ebenfalls zurückgriffen.
Gleich mehrere Bauten können besichtigt werden. Zweifelsohne ist der Kolumbus-Palast das interessanteste Haus. Immer noch sind dort originale Einrichtungsgegenstände der Erstbewohner zu sehen, so etwa das Schlafzimmer von Kolumbus und seiner Frau. Das liegt gleich neben dem ihres Mannes. Ovando integrierte in seine Stadt viele Plätze, Innenhöfe und Gärten. Der Baustil der Häuser indes blieb wie in Spanien. Die Altstadt von Las Palmas auf Gran Canaria, wo Kolumbus vor der Überfahrt für ein paar Monate lebte, könnte ein benachbartes Stadtviertel des kolonialen Santo Domingo sein. Oder umgekehrt.
Hispaniola war schnell zum Dreh- und Angelpunkt vor den Toren Amerikas geworden. Eroberer von Gottes, Königs und eigenen Gnaden, machtgierige Vizekönige und Gouverneure - sie alle kamen und gingen. Ganze Völker mussten ihr Leben lassen - allein auf Hispaniola starben binnen der ersten 30 Jahre Blutherrschaft der Spanier eine Million karibische Indianer: Die gesamte Inselbevölkerung - den Taino-Indianern hatte die Flucht in die Berge und Verstecke in Höhlen nichts genutzt - war von den europäischen Eindringlingen durch deren Gier nach Gold und Silber erst versklavt und dann ausgerottet worden.
Man schickte sich deshalb an den Königshöfen der alten Welt an, schwarze Sklaven aus Afrika in die Silberminen der Karibik bringen zu lassen. Deren Nachkommen bilden nun den Großteil der Bevölkerung der Dominikanischen Republik und Haitis. Dagegen haben nur geschätzte 4000 karibische Ureinwohner überlebt, die meisten bewohnen ein abgeschirmtes Reservat auf der Insel Dominica.
Am Ende gab es auf Hispaniola doch nicht so viel Gold, wie man es sich am spanischen Königshof erhofft hatte, und die Eroberer suchten bald auf anderen Inseln sowie in Mittel- und Südamerika nach mehr. Selbst das Gold, mit dem sich Santo Domingo schmücken konnte, wurde den Spaniern bald entrissen. Ein gewisser Sir Francis Drake, Pirat im Dienste der englischen Queen, schickte sich nämlich an, seinen Teil des Edelmetalls aus der neuen Welt einzufordern. Also ließ er einen Boten ausrichten, dass er Santo Domingo in Schutt und Asche legen würde, falls nicht eine gewisse Summe Goldstücke an ihn übergeben wird.
Die Spanier hielten ihn jedoch hin. Als es Drake zu lange dauerte, marschierte er mit seinen Männern in die Stadt, raubte alles Gold aus der Kathedrale einschließlich des Wandschmucks und zog von dannen. Nur einen Seitenflügel der Kirche verschonte er. Und genau so wie Francis Drake die Kathedrale von Santo Domingo verlassen hat, bietet sie sich den Besuchern noch heute dar: kahl - bis auf diesen einen Seitenflügel.
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