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24.05.2003
 

Höchste Klinik der Welt

Notfalleinsatz zwischen Gletschertürmen und Lawinen

Ob Hirnödem, Khumbu-Husten oder Durchfall - Luanne Freer ist auf alles vorbereitet. Die amerikanische Notfallärztin kämpfte über ein Jahr für ihre medizinische Station im Everest-Basislager. Einem irischen Bergsteiger rettete sie vor kurzem das Leben.

Medizinische Hilfe am Everest: Ärztin Luanne Freer und Helfer Chris Ho in ihrer Zeltklinik im Basislager
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Oliver Häussler

Medizinische Hilfe am Everest: Ärztin Luanne Freer und Helfer Chris Ho in ihrer Zeltklinik im Basislager

Je höher George stieg, desto stärker wuchs der Druck unter seiner Schädeldecke. Er kümmerte sich nicht darum. Beim Aufstieg in Höhenlagen über 7000 Meter kann es schon mal vorkommen, dass es im Kopf hämmert. Dachte er. Aber nach 24 Stunden sah er auch noch doppelt. Als hätte er zu viel getrunken. Dabei brachte er seit seiner Ankunft in Camp 3 am Mount Everest nichts mehr runter, musste sogar jeden Schluck Tee sofort erbrechen.

Gegenüber seinen Bergsteigerkameraden aus Irland versuchte er seinen Zustand zu verheimlichen. Er wollte nicht zur Last fallen. Als Arzt bildete er sich ein, seinen Körper unter Kontrolle zu haben. Doch in Wirklichkeit wollte er die nahe liegende Diagnose nicht stellen: HACE, abgekürzt für "High Altitude Cerebral Edema", ein Hirnödem, das beim Bergsteigen auftritt und oft tödlich endet, wenn der Betroffene nicht sofort reagiert.

Sonnenheizung: Die Solarpanele sorgen für die Wärme in kalten Nächten
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Oliver Häussler

Sonnenheizung: Die Solarpanele sorgen für die Wärme in kalten Nächten

"Bergsteiger mit HACE verlieren ihre Urteilsfähigkeit, besonders männliche Bergsteiger spielen die Symptome gerne herunter", sagt Luanne Freer. Die Notfallärztin leitet auf 5300 Meter Höhe die medizinische Station der Himalayan Rescue Association (HRA) im Basislager des Mount Everest, die höchstgelegene Klinik der Welt: In einem grünen Zelt stehen drei Liegen dicht beieinander, dazwischen ein Sauerstoffapparat und das komplette medizinische Material. Den Strom liefern faltbare Solarpanele. Wenn die Sonne scheint, herrschen in dem dunklen Zelt weit mehr als 40 Grad Celsius Wärme. In der Nacht kann die Temperatur auf minus 10 Grad fallen. Nicht gerade ideale Bedingungen für eine Langzeitbehandlung.

Als ihn seine Kollegen drängten, ins Basislager abzusteigen, wo die Luft einen höheren Sauerstoffanteil besaß, war es für George schon fast zu spät. Ein Bergsteiger-Kollege stützte ihn links, ein anderer rechts. Sie setzten ihm eine Sauerstoffmaske auf und versuchten ihm die Sauerstoffration einzuflößen, die eigentlich für den Gipfelanstieg bestimmt war. Besonders am Khumbu-Eisbruch mit seinen hohen Gletschertürmen und tiefen Spalten hatten sie Mühe, den willenlosen Bergsteiger zum Weitergehen zu bewegen. Mehrere Male brach George zusammen.

Khumbu-Husten im Angebot: Eine Behandlung während der Sprechstunde kostet 50 Dollar
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Oliver Häussler

Khumbu-Husten im Angebot: Eine Behandlung während der Sprechstunde kostet 50 Dollar

Als er endlich das Basislager erreicht hatte, steckte ihn Luanne Freer sofort in einen so genannten Gammo-Bag, einen länglichen Sack, der als mobile Unterdruckkammer dient und dem Patient das Gefühl verleiht, in einer niedrigeren Höhe zu sein. Nach 45 Minuten ging es George deutlich besser, obgleich sein Organismus immer noch ausgetrocknet war. Sieben Liter muss ein Bergsteiger pro Tag beim Everest-Aufstieg trinken. Doch HACE verhinderte immer noch, dass George auch nur einen Schluck bei sich behalten konnte. Die Ärztin verabreichte ihm eine Infusion. Liter für Liter flossen in seine Venen, aber selbst nach dem vierten konnte er noch keinen Tropfen pinkeln.

Am Abend schleppen sich Luanne Freer und ihre Helfer erschöpft in ihre kleinen Zelten unweit der Station auf dem Eis und Geröll des Khumbu-Gletschers. Der einzige Luxus steht in der Ecke des Mannschaftszelts: ein kleiner Ofen, der die eisigen Abende erträglich macht. Wer Luanne Freer im Basislager besucht, muss den Eindruck gewinnen, sie sei strafversetzt worden. Doch die US-Amerikanerin aus Bozman in Montana hat lange für diese Krankenstation gekämpft. Mehr als ein Jahr lang redete sie auf die Klinikleitung im 1000 Meter tiefer gelegenen Dorf Pheriche ein, ihr Projekt zu unterstützen. Die 45-Jährige war sich sicher, dass 50 Jahre nach der Erstbesteigung des Mount Everest so viele Expeditionen ins Basislager strömen würden wie nie zuvor. Also nahm sie Kontakt mit jedem Expeditionsleiter auf. "Sie können sich das Geld für einen Basislager-Arzt sparen", warb sie. "Die HRA-Klinik hat die bessere Ausrüstung und mehr Erfahrung mit den Höhenproblemen."

Schließlich erhielt sie etwa 30.000 Dollar und konnte im April diesen Jahres die HRA-Station eröffnen. Einen kleinen Teil tragen nun Sponsoren, einen Teil die HRA-Klinik in Pheriche. Der Rest muss sich durch die Behandlungskosten tragen. 50 Dollar verlangt das Ärzteteam pro Behandlung, 100 Dollar bei Fällen, die außerhalb der Sprechstunde behandelt werden. Medikamente kosten extra. Auch die einheimischen Bergführer, die Sherpa, müssen zahlen, allerdings nur 25 Dollar pro Behandlung.

HRA-Klinik: Seit 1. April 2003 für erkrankte Bergsteiger geöffnet
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TEXT/AUFMACHER

HRA-Klinik: Seit 1. April 2003 für erkrankte Bergsteiger geöffnet

Manche Expeditionsleiter werfen der Klinik vor, die exponierte Lage des Basislagers auszunutzen, um Geld zu machen. Luanne Freer wehrt sich gegen die Vorwürfe. Nach "American standards" seien 50 Dollar nicht viel Geld für einen Arztbesuch. Zudem seien die Expeditionsleiter für ihre einheimischen Angestellten verantwortlich. Außerdem müssten die Kosten gedeckt werden.

Schwere Fälle wie George sind selten. Die meisten Patienten kommen, weil sie sich Blasen gelaufen haben, wegen Durchfall und dem so genannten Khumbu-Husten, den sich viele wegen der trockenen Luft einfangen. George dagegen war nicht so einfach zu heilen, er musste die Nacht hindurch beobachtet werden, obgleich er versicherte, dass es ihm gut ginge. Dabei schaffte er es nicht einmal, alleine auf die Toilette zu gehen. Am nächsten Morgen flog ein Helikopter trotz Nebels aus Katmandu ins Basislager ein und kehrte mit George an Bord zurück in die Hauptstadt. Dort legte sich seine Sehstörung. Er konnte auch wieder Wasser lassen. Glück gehabt, bei 90 Prozent der Betroffenen verläuft HACE tödlich.

Von Oliver Häußler, Nepal

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