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30.05.2003
 

Armenien

Im zweifelhaften Charme der Siebziger

Für eine Reise durch Armenien im Südkaukasus muss niemand ein Abenteurer sein - aber er muss Geduld haben. In der ehemaligen Sowjetrepublik erfordert Alltägliches oft Ungewöhnliches.

Das Zentrum Eriwans: Am Platz der Republik, entworfen von Alexander Tamanjan, steht auch das Hotel Armenia
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Das Zentrum Eriwans: Am Platz der Republik, entworfen von Alexander Tamanjan, steht auch das Hotel Armenia

Eriwan - Dreimal muss der Taxifahrer halten, und jedes Mal gibt es dasselbe Ritual: Er klopft energisch auf den Motorblock, zerrt und reißt am Benzinschlauch, gießt schließlich Öl aus einer Plastikflasche in den Motor. Zweimal geht die Fahrt tatsächlich weiter. Beim dritten Mal verabschiedet sich die klapprige Limousine mit einem Knall und hüllt den Wagen in weißen Rauch: "Bad petrol in Armenia - schlechtes Benzin in Armenien", lächelt der Taxifahrer entschuldigend.

Alltägliches erfordert in der ehemaligen Sowjetrepublik erfordert oft Ungewöhnliches: Die Straßen auf dem Stadtplan tragen nicht immer die Namen, unter denen sie auch die Einheimischen kennen. Manchmal ist es sogar mühevoll, den Namen des Ortes herauszufinden, in dem man gerade ist. Auf den Ortstafeln steht er nur in armenischen und kyrillischen Schriftzeichen.

Bisher war das "Armenhaus des Kaukasus" in Europa weniger als Reiseziel, sondern vielmehr als "Krisenherd" bekannt: 30.000 Menschen starben 1988 bei einem Erdbeben. Zirka ein Jahr später brach der blutige Krieg mit Aserbaidschan um die "Exklave" Berg-Karabach aus - bis heute bleibt der politische Status ungeklärt. Und im Oktober 1998 ermordeten Terroristen Regierungschef, Parlamentspräsidenten und mehrere Abgeordnete.

Doch Beobachter erkennen immerhin demokratische Züge in der jetzigen Regierung. Auf den Straßen Armenien ist kaum Militär zu sehen. Auch die wenigen Polizisten sind unbewaffnet. Von dieser Sicherheit und vor allem von der Gastfreundlichkeit der Bewohner sollen Reisende profitieren. Wer jetzt Armenien besucht, kann ein touristisch noch nahezu unerschlossenes Land erkunden. Doch die Infrastruktur für Urlauber wächst langsam.

 Am Fuß des Aragaz: Die Überreste der Festung Amberd liegen am höchsten Berg Armeniens
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Am Fuß des Aragaz: Die Überreste der Festung Amberd liegen am höchsten Berg Armeniens

Gute Hotels sind jedoch weiterhin rar. Selbst das "Hotel Armenia", der ganze Stolz der Eriwaner, tut einzig im Eingangsbereich groß. Noch immer wiederholen Taxifahrer den Namen des Hotels leise und ehrfurchtsvoll. Dabei zeigen Zimmer und Gänge im zweifelhaften Charme der siebziger Jahre. Auch gibt es modernere und gemütlichere Hotels in der Stadt, aber nirgendwo ist man so zentral untergebracht wie hier am Platz der Republik. Der Architekt Alexander Tamanjan entwarf das Herz der Stadt: Das Historische Museum, das Haus der Regierung, das Gewerkschaftshaus und eben das "Hotel Armenia" markieren den öffentlichen Raum.

Dabei ist es nicht geblieben. Später entstand die halbe Stadt auf Tamanjans Reißbrett. Sein "Generalbebauungsplan" scheint für die Ewigkeit geschaffen - zumindest was die Bauzeit angeht. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren die ersten Entwürfe entstanden, noch heute wird an der Nord-Süd-Achse gebaut. Etwa an der monumentalen Treppe, der "Kaskade" im Norden der Stadt. Am Beginn der "Kaskade" beugt sich das Denkmal Tamanjans über den Bebauungsplan.

Die kleinste der drei Kaukasusrepubliken: Armeniens Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind geschlossen
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Die kleinste der drei Kaukasusrepubliken: Armeniens Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind geschlossen

Fast-Food-Restaurants, schicke Cafés und Boutiquen werden gebaut, die roten Tuffsteinhäuser weichen gläsernen Bürokomplexen. Und während die neue Stadt entsteht, werden weiterhin die alten Pläne Tamanjans verwirklicht. Die Intellektuellen der Stadt klagen, die Menschen würden für wenig Investitionen jeglichen Respekt vor der eigenen Kultur verlieren. Baugenehmigungen gebe es für jedermann, heißt es. Und für Dollar sei noch jedes Gebäude abgerissen worden.

Für die Armenier im Ausland gehören Investitionen in ihrem Herkunftsland zum guten Ton. Jahrhunderte lange Verfolgung und Leid haben die Bewohner des ersten christlichen Landes der Welt zusammengeschweißt. Am stärksten wohl der Genozid des türkischen Militärs an rund 1,5 Millionen Armeniern während des Ersten Weltkrieges.

Wer die kaputten Straßen nicht scheut, besucht die eindrucksvollen Klöster und Kirchen des Landes. Im Jahre 301 wurde in Armenien die erste christliche Staatskirche - die armenisch-apostolische Kirche - gegründet. Rund 50 Kilometer westlich Eriwans liegt etwa das Kloster Geghard, das in eine Felswand geschlagen wurde. Das Kloster Etschmiadsin, das als "Vatikan" der apostolischen Kirche und des obersten Patriarchen gilt, findet sich im Südwesten der Stadt - eine Taxifahrt von knapp 20 Minuten.

Ausflug in die Berge: Rund 50 Kilometer westlich von Eriwan liegt das in eine Felswand geschlagene Kloster Geghard
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Ausflug in die Berge: Rund 50 Kilometer westlich von Eriwan liegt das in eine Felswand geschlagene Kloster Geghard

Eine kurvenreiche Fahrt über die Stadt Aschtarak, nördlich von Eriwan, führt hingegen zur Festung Amberd. Die Anlage am Fuße des mit 4090 Metern höchsten Berges Armeniens, des Aragaz, stammt aus dem 10. bis 13. Jahrhundert. Hier stand einst das Schloss des Fürsten Pahlawuni. Erhalten geblieben sind Teile des Bades, des Wasserversorgungssystems und ein einst geheimer Gang. Ein kurzer Fußmarsch führt zur erstaunlich gut erhaltenen Kirche.

Reisende, die sich an Klöstern und Kirchen satt gesehen haben, besuchen den größten natürlichen See des Landes, den Sewan-See. Einige Dutzend Flüsse münden in das 1400 Quadratkilometer große Gewässer. Wird die Hitze unerträglich, flüchten vor allem die Städter an den auf rund 1900 Meter Meereshöhe liegenden See mit dem türkisfarbenen Wasser. Aber natürlich gibt es auch hier ein sehenswertes Kloster - über 1200 Jahre alt.

Von Dietmar Telser, gms

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