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04.06.2003
 

Santiago de Chile

Stadt der Manager

Von Carsten Volkery, Santiago de Chile

Inmitten der weltweiten Tourismuskrise öffnet die Luxushotelkette Ritz-Carlton ihr erstes Haus in Südamerika. Nicht zufällig steht es in der chilenischen Hauptstadt Santiago, wo ausländische Manager wie Götter verehrt werden.

Finanzzentrum von Santiago: Apartmentblöcke verdrängen die alten Villen
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Carsten Volkery

Finanzzentrum von Santiago: Apartmentblöcke verdrängen die alten Villen

Santiago de Chile - In sieben Tagen erschuf Gott die Welt, geht die Legende in Chile. Am achten Tag warf er alles, was an Material übrig war, über die Anden: Vulkane, Salzseen, Wüsten, Gletscher. So entstand auf einer Länge von 4300 Kilometern eins der abwechslungsreichsten Länder der Erde.

Doch so spektakulär die Natur Chiles, so durchschnittlich geriet die Hauptstadt Santiago. Neben Metropolen wie Buenos Aires, Rio de Janeiro oder São Paulo wirkt die Fünf-Millionen-Stadt immer noch wie eine weitläufige Provinzkapitale. Sehenswürdigkeiten und kulturelle Angebote sind spärlich, zum Shoppen muss man in die Mall. Der oft drückende Smog tut ein Übriges, dass viele Touristen nur durchreisen auf dem Weg zu den naturgemachten Attraktionen des Landes.

In Ermangelung berühmter Strände und Tango-Bars verfiel Santiago auf den Slogan "Business-Hauptstadt Lateinamerikas", um sich im Ausland zu positionieren. Der Traum der Stadt ist es, wie Dublin zum Brückenkopf eines ganzen Kontinents zu werden. Ähnlich abgelegen wie Santiago, hat sich die irische Hauptstadt innerhalb von zwei Jahrzehnten aus einem hoffnungslosen Fall in die Boom-Stadt Europas verwandelt. Zahlreiche ausländische Konzerne, besonders aus der Technologiebranche, nutzen Dublin als Europa-Zentrale.

Bürgersteige, frisch geschrubbt: Auf der Avenida Apoquindo in "Sanhattan"
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Carsten Volkery

Bürgersteige, frisch geschrubbt: Auf der Avenida Apoquindo in "Sanhattan"

So weit ist Santiago noch längst nicht, doch zumindest die Rahmenbedingungen stimmen. Chile ist das mit Abstand globalisierungsfreundlichste Land Südamerikas, Import und Export machen inzwischen 65 Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Am 6. Juni wird nach langem Verhandeln ein Freihandelsabkommen mit den USA unterzeichnet. Damit ist Chile das einzige Land der Region, das privilegierten Zugang sowohl zum europäischen als auch zum amerikanischen Markt hat.

Ausländische Beobachter staunen über den Nachdruck, mit welcher der sozialistische Präsident Ricardo Lagos Escobar die Standortpolitik seiner Vorgänger fortführt. "Die bewegen sich hier mit Lichtgeschwindigkeit", sagt Masimo Della Justina. Der Wirtschaftsprofessor aus dem brasilianischen Curitiba ist zum Lateinamerika-Forum der US-Zeitschrift "Business Week" angereist, das dieses Jahr von Miami nach Santiago verlegt wurde.

Die Ausrichtung aufs internationale Business hat das Gesicht Santiagos verändert, nirgends deutlicher als im Sektor "El Golf", dem supermodernen Finanzzentrum der Stadt. Wo vor 20 Jahren noch Vorort-Villen standen, drängen sich heute dicht an dicht zehnstöckige Apartmentblöcke und gläserne Bürohochhäuser. Die Bürgersteige blitzen, als hätte Meister Propper sie persönlich geschrubbt. Ein Blick auf die Läden des Viertels verrät, wer hier den Ton angibt: Blockbuster, T.G.I. Friday's, Ruby Tuesday, New York Bagels - und in der zweiten Jahreshälfte gibt auch Starbucks hier seine Südamerika-Premiere. Logisch, dass die Gegend "Sanhattan" genannt wird, doch Besucher fühlen sich wegen des sonnigen Klimas eher an Miami erinnert.

"Die Entwicklung ist beeindruckend", sagt die Neuseeländerin Dell Taylor, die seit 1997 das "Cafe Melba" betreibt, das sich dank des amerikanischen Brunchs zum Treffpunkt der Gringos entwickelt hat. "Es wird ständig gebaut." Die Geschäftsfrau hat soeben ihr zweites Restaurant eröffnet: Das kühl gestylte "Akarana" bietet internationale Finessen von Sashimi bis zu marokkanischem Lamm - ein Zeichen, dass auch in Santiago die Geschmäcker ausgefallener werden.

Das erste Ritz in Südamerika: Santiago steht bei den internationalen Managern hoch im Kurs
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Carsten Volkery

Das erste Ritz in Südamerika: Santiago steht bei den internationalen Managern hoch im Kurs

Am 4. Juni eröffnete das neue Ritz, das erste und vorerst einzige in Südamerika. Der 15-stöckige Luxustempel auf den teuersten Quadratmetern Chiles lockt mit einem französischen Pastelerie-Chef und einer Zigarrenbar. In der Lobby-Bar können Gäste unter hundert verschiedenen Martinis wählen. Aus dem Hotelpool unter dem gewölbten Glasdach blicken sie direkt auf die schneebedeckten Anden. "Santiago ist reif für die Kategorie Ultra-Premium", meint Hoteldirektor James Hughes. Nach den Wirtschaftskrisen in Argentinien und Brasilien ist er doppelt froh über die Standortwahl.

Santiagos Hotel- und Gastronomieszene ist in den vergangenen Jahren explodiert. Zwei Drittel aller Hotelzimmer sind weniger als zehn Jahre alt. Die Zahl der Tagungsräume hat sich in dem Zeitraum verdoppelt. Besonders die US-Ketten sind in großem Stil eingefallen. Das vor drei Jahren eröffnete Marriott ist das höchste Gebäude der Stadt, zusammen mit dem glitzernden Hyatt dominiert es die Skyline im Osten. Auf Grund der globalen Wirtschafts- und Tourismuskrise ist die Auslastung der Hotels zuletzt allerdings auf magere 50 Prozent zurückgegangen. "Es ist im Moment kein leichter Markt", räumt Hughes ein. Doch er setzt auf den positiven Effekt des Freihandelsabkommens mit den USA. "Zwei Jahre nach Nafta hat sich die Hotelauslastung in Mexiko verdoppelt."

Bei den internationalen Managern steht Santiago weiterhin hoch im Kurs: In der aktuellen Standort-Rangliste Lateinamerikas, ermittelt von der Wirtschaftszeitschrift "America Economia", teilt sich die Stadt mit dem viel größeren São Paulo den zweiten Platz. Die 1600 befragten Manager loben vor allem Lebensqualität, Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität. Den ersten Platz belegt Miami, das weiterhin vielen US-Konzernen als Sprungbrett in den lateinamerikanischen Markt dient.

"Wir steigen in einen Wachstumsmarkt ein": Ritz-Direktor James Hughes
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Ritz

"Wir steigen in einen Wachstumsmarkt ein": Ritz-Direktor James Hughes

Zahlreiche ausländische Unternehmen, darunter Nestlé und Unilever, haben ihre Lateinamerika-Zentrale in Santiago angesiedelt, andere haben Call-Center und andere "Back Office"-Abteilungen hierher ausgelagert. Zuletzt wurde die Nachricht gefeiert, dass General Electric fortan die Gebrauchsanleitungen für seine Turbinen in Santiago schreiben lässt. Diese Art von Dienstleistungen, glaubt Phil Schneider, Standort-Experte der Unternehmensberatung Deloitte Touche, wird entscheidend sein für das wirtschaftliche Wachstum von morgen.

Doch ob Santiago zum "Dublin Lateinamerikas" werden kann, bleibt abzuwarten. Die weltweite Wirtschaftskrise hat auch Chile getroffen, ausländische Investoren sind merklich zurückhaltender geworden. Das Land ist weiterhin viel zu sehr vom Kupferpreis abhängig, dem wichtigsten Exportprodukt. Und es gibt andere Länder, vor allem in Zentralamerika, die um dieselben Dienstleistungen kämpfen.

Den entscheidenden Schub erhofft man sich in Santiago vom Freihandelsabkommen mit den USA und der damit einher gehenden Öffentlichkeit. "Es ist sehr hilfreich, in den USA in der Zeitung zu stehen", erklärt Roger Marull vom Call-Center-Betreiber Prego. Noch kann niemand mit Sicherheit sagen, welche Folgen das Freihandelsabkommen haben wird. Nur eine Prognose erscheint ziemlich sicher: Die Zahl der Geschäftsreisenden wird zunehmen. Die Chefs der Manager-Absteigen haben bereits Dollarzeichen in den Augen. Ritz-Direktor Hughes: "Wir steigen in einen Wachstumsmarkt ein."

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