Von Ole Helmhausen
Der elegante junge Mann ist nicht von hier. Er käme "from the City", lässt aber offen, aus welcher. Dabei schwingt er seine teure Handycam, und man ahnt: New York, die Hamptons oder wenigstens Boston! Und während er den Auflauf auf der Main Street durch den Sucher verfolgt, grinst er so spöttisch, wie es nur ein City Slicker kann. Das hier sei eine Mischung aus landwirtschaftlicher Leistungsschau und Oktoberfest, sagt er, schau dir mal die Haarschnitte an, die seien hier noch in den Seventies, und überhaupt filme er das Ganze nur für seinen alten Onkel, der werde bei diesem Thema immer so rührselig.
Und dennoch: Er ist gekommen, von einem anderen Planeten, wie es scheint, aber immerhin. Genau wie die Großfamilie aus Arkansas, die in der Heckklappe ihres Oldsmobile Brotzeit hält, und wie das Bikerpärchen aus Michigan und, na gibt's das auch, da drüben parken sogar Autos aus Florida und Kalifornien.
Alle saßen mehrere Tage am Steuer, um einen Ort in Maine zu besuchen, wo sich Hund und Katze gute Nacht sagen, Stephen King von einem Pick-up überfahren wurde und die Ostküste am weißesten und ärmsten ist. Touristen verirren sich nur selten hierher. Die bleiben lieber am Atlantik, um auf Leuchttürme zu klettern und Hummer zu essen. Lisbon, ein Kaff mit verbeulten Straßenkreuzern und übergewichtigen Einwohnern, hat auch nicht viel zu bieten. Trucks kosten hier mehr als Häuser, Arbeitsplätze sind rar. Mit der Textil- und Papierindustrie geht es seit Menschengedenken abwärts.
Einmal im Jahr jedoch verpasst ein ur-amerikanisches Festival dem eine Autostunde landeinwärts liegenden Ort eine Vitaminspritze. Es findet Mitte Juli statt, dauert drei Tage, und zwar seit 1984. Da fällte Frank Anicetti II, vierschrötiger, Hornbrille tragender Inhaber des Kennebec Fruit Store an der Rte. 196 Ecke Main Street einen Beschluss: Er wollte den 100. Geburtstag von Amerikas National-Limo mit einer Party feiern. 5000 Gäste kamen, viertausendneunhundert mehr als erwartet, und fortan dachte Frank, es sei doch gut, wenn die Party größer würde. Und das tat sie: Letztes Jahr säumten 25.000 Menschen die Straßen Lisbons, um den Umzug zu sehen, Fähnchen zu schwenken und braune Brause zu konsumieren. Dieses Jahr, vom 11. bis 13. Juli, sollen noch mehr kommen.
Wer jetzt an Coca-Cola denkt, ist auf dem Holzweg. Die Limo aus Atlanta habe nichts Persönliches an sich, sagen sie hier, und deswegen in Lisbon nichts zu suchen. Und außerdem sei Coca-Cola glatte zwei Jahre jünger. Denn am Anfang war nicht Coca-Cola. Am Anfang war ... Moxie!
Der junge Mann aus der Stadt hat diese schockierende Erkenntnis inzwischen verarbeitet und arbeitet jetzt mit der Demut des Dokumentarfilmers. Mann, das ist historisch, zischt er, und gleitet an einem Stand mit der Handycam über ein Spalier alter, brauner Moxie-Flaschen aus den dreißiger Jahren. Der Besitzer, ein Mensch aus Kentucky, verlangt 40 Dollar pro Flasche, und 70 für die mit dem Grünstich, das sei eine ganz seltene Fehlproduktion.
Dann greift er sich den alten Herrn daneben. Das ist Frank N. Potter, flüstert er über die Schulter, während er den Greis digital von oben bis unten abtastet. Potter ist Bestseller-Autor. Auf einem Büchertisch liegt die von ihm verfasste Bibel. "The Moxie Mystique" heißt sie und wurde x-mal aufgelegt. Potter - und die restlichen 30.000 - sind Moxiephile.
Sie lieben alles, was mit Moxie zu tun hat. Den Namen, der in den amerikanischen Sprachgebrauch einging und jemandem, der Courage zeigt, Moxie zuschreibt. Die mit Moxie verbundenen Bilder aus einer Zeit, als Amerika jünger und wilder war und die dicken Autos von Draufgängertypen mit kecken Mädels auf dem Beifahrersitz gefahren wurden. Die Geschichte dieser Limo, die in den zwanziger Jahren besser ging als Coca-Cola. Die Reklameideen, die das Merchandising aus der Taufe hoben. Und natürlich die Memorabilia. Hot Dogs, Baseball, Apple Pie und Chevrolets seien ja ganz okay, schreibt Potter. Moxie aber gehe tiefer, und es sei zu hoffen, dass das Moxie-Mysterium niemals sterbe. Der junge Mann flucht. Der Speicher ist voll.
Die Dose kostet 1, 20 Dollar. Ein "Moxie Shipping Club" verschickt Moxie weltweit. Dabei schmeckt es nach Hustensaft mit Meerrettichgeschmack. Nur die Kohlensäure treibt es runter. Dass Moxie in den zwanziger Jahren von Massachusetts aus rund 25 Millionen Kästen in 38 Bundesstaaten verkaufte, ist ein PR-Wunder. Moxie wurde 1884 in Lowell, Massachusetts, von einem gewissen Dr. Augustin Thomas erfunden. Als Mittel gegen alles, vor allem aber gegen Impotenz, "Gehirnerweichung" und "allgemeine Hilflosigkeit". Thomas nannte seine Gebräu "Moxie Nerve Food" und überließ die Frage, woher er den Namen hatte, den PR-Strategen. Die traten um 1900 auf den Plan, als Amerika anfing, seine Limos mit Kohlensäure zu versetzen.
Auftritt Frank Archer. Er erklärte das gewöhnungsbedürftige, alkoholfreie Getränk zum Autofahrerdrink - Alkohol am Steuer war ein neues Problem, Moxie kam gerade richtig. Das Geschmacksproblem löste er, indem er Moxie mit Slogans wie "Distinctly Different" und "Just Make It Moxie For Mine" für den Mann von Welt reservierte. Den Namen, der munter und optimistisch klang, verband Archer mit dem damals ungestört sprießenden amerikanischen Draufgängertum. Slogans wie "What this Country needs is plenty of Moxie" trafen vor allem während der beiden Weltkriege den Zeitgeist.
Lollis, Kugelschreiber, Kaffeetassen, Archer nutzte alles, was sich irgendwie als Werbeträger eignete. Aus Moxieland, der Abfüllerei in Boston, machte er eine Touristenattraktion. Die Depression ließ die Preise ins Bodenlose stürzen. Moxieland wurde geschlossen. Das Wunder: Die Brause überlebte, vor allem in Maine, deren Bewohnern schon immer ein abgehärteter Gaumen nachgesagt wurde.
In Lisbon nähert sich das Moxie-Festival seinem Höhepunkt. Nach Blaskapellen, klapprigen Veteranen, dem in die Kameras zeigenden Moxie-Man, feschen Tanzmariechen, Marines in Tarnanzügen, jeder Menge "God bless America"-Transparente und einer bildhübschen Miss Maine reitet ein gewisser Will Markey auf dem letzten der Moxiemobile vorbei. Über ein Dutzend dieser Karossen, die ein Holzpferd mit Lenkstange im Hals trugen, trommelten damals landesweit für Moxie. Die Menge jubelt. Den Alten schießt das Wasser in die Augen. Ein Senator, der wiedergewählt werden will, nutzt die Gunst der Stunde und schwört, während seiner nächsten Amtszeit noch mehr Moxie, sprich: Courage, zu zeigen. Kameraleute tanzen um das hölzerne Pferd herum, elegante Reporterinnen aus Boston schnappen sich Frank Anicetti, der bereits seit Morgengrauen Moxie-T-Shirts verkauft. Gerade heutzutage brauche Amerika wieder Moxie, spricht Frank in die Mikrofone. Die Reporterinnen nicken begeistert. Der junge Mann hat doch noch ein paar MB im Speicher. Onkel wird zufrieden sein.
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