Newport - Bei Spazierfahrten auf der Bellevue Avenue in Newport dürfte am Ende des 19. Jahrhunderts mancher adelige Besucher aus dem alten Europa neidisch geworden sein. Ein Herrenhaus in den Abmessungen eines kleinen Schlosses reihte sich ans nächste. Zu allem Überfluss bezeichneten die Besitzer - meist neureiche Industrielle - ihre Anwesen leicht untertrieben als "Sommerhäuser". Was in Amerikas goldenem Zeitalter mit viel Geld alles machbar war, erfährt der Tourist im US-Bundesstaat Rhode Island noch heute in einem Dutzend dieser Mansions, die ihm im Villenviertel von Newport offen stehen.
Natürlich tragen diese kleinen Paläste in der Stadt etwa eine Autostunde südlich von Boston am Atlantik keine ordinären Hausnummern. Namen wie "Chateau-Sur-Mer", "The Elms" oder "Hunter House" machen mehr her. Die bekanntesten und meistbesuchten Anwesen sind "The Breakers", das an das Weiße Haus in Washington erinnernde "Marble House" sowie "Rosecliff". Letzteres musste häufig schon als Filmkulisse herhalten - gedreht wurde hier unter anderem für "The Great Gatsby" und den Schwarzenegger-Streifen "True Lies".
Das Anwesen "Rough Point" liegt nicht an der Bellevue Avenue, sondern um die Ecke an der Touro Street und damit direkt am Meer. Der Garten wurde von Frederick Law Olmsted entworfen, der auch den Central Park in New York angelegt hat. Als dritter Besitzer übernahm James B. Duke "Rough Point" im Jahr 1922. Er ließ das Gebäude um zwei Flügel auf 105 Zimmer erweitern. Viel hat Duke von seinem neuen Heim nicht mehr gehabt. Nach seinem Tod 1925 ging der Besitz an Tochter Doris über, die den Blick auf den Atlantik bis 1993 genießen konnte.
Kamele knabbern am Teppich
Seit ihrem Tod wird das Anwesen von einer Stiftung verwaltet. Der Besucher darf staunen: Die Hausherrin hat sich mit Werken großer Maler wie Renoir und Van Dyck, französischen Möbeln aus dem 18. Jahrhundert, Brüsseler Tapete aus dem 16. Jahrhundert, Vasen aus der Ming-Dynastie und vielen weiteren Prunkstücken umgeben. Etwas schrullig soll die Dame im fortgeschrittenen Alter auch gewesen sein - mit Hinweis auf einen angeknabberten Teppich erzählt die Gästeführerin von zwei Kamelen, die das Anwesen mit Doris Duke teilen durften. Die beiden Höckertiere waren die Zugabe für den Kauf einer gebrauchten Boeing 747 von einer arabischen Fluggesellschaft.
Mondän geht es heute auch am Hafen von Newport zu: Längst haben Yachten die Herrschaft übernommen und die Fischkutter weitgehend verdrängt. Newport ist eine Seglerstadt: Im Juni 2003 starteten von hier aus Boote im Rahmen der "DaimlerChrysler North Atlantic Challenge" ihre Regatta über den "Großen Teich" nach Hamburg. Segelfans kommen auch bei einem Besuch des Museums of Yachting auf ihre Kosten. Und in der "International Yacht Restoration School" kann beobachtet werden, wie alte Boote wieder flott gemacht werden.
Ausgelatschte Schuhe von Steffi Graf
Nicht der Geld-, sondern der Tennisadel wird in der Miller Hall of Fame geehrt. Die Vitrinen des 1880 gebauten Museums sind gespickt mit den Utensilien der Stars: ausgelatschte Tennisschuhe von Steffi Graf und die getragenen Hemden von Pete Sampras wecken Erinnerungen an lange Tennis-Nachmittage im Fernsehen. Auf Knopfdruck kann sich der Besucher auch die packendsten Szenen großer Spiele zeigen lassen.
Im Newport Casino - so heißt die Tennisanlage, zu der die Hall of Fame gehört - wird das einzige Rasenplatzturnier der USA ausgetragen. Erdbeeren gehören hier anders als in Wimbledon nicht zum bevorzugten Imbiss. Die Atmosphäre ist - typisch amerikanisch - familiär. Schließlich kommt man nach Newport, um die Sommerfrische zu genießen.
Von Sven Appel, gms
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