Von Ignace de Witte
Stellen Sie sich eine Insel von der Größe Luxemburgs vor, mit Bergen, die auf über 3000 Meter ansteigen und deren Gipfel in anderen Breiten von ewigem Schnee bedeckt wären. Réunion jedoch ist inmitten der Tropen den Tiefen des Ozeans entsprungen und kennt nur eine Jahreszeit: den Sommer.
Stellen Sie sich eine Insel vor, die von der Natur fast schändlich verwöhnt ist, mit Wasser und Sonne reichlich gesegnet. Réunion ist ein riesiger Garten. Die Insel hat wunderschöne Landschaftszüge zu bieten, vor allem die drei gewaltigen Talkessel im Innern: Salazie, Cilaos und Mafate, dazu den noch immer aktiven Vulkan Piton de la Fournaise, der schon allein die Insel zum Naturwunder macht. Réunion ist eine Ansichtskarte, aber gleichzeitig ein äußerst reales Stück Europa. Ein Journalist hat das Wesen der Insel einmal mit einem einzigen Satz zusammengefasst: "Es gibt zwei Arten von Menschen auf Réunion: diejenigen, die im Boot gekommen sind, und diejenigen, die das Flugzeug genommen haben."
Die im Boot kamen zuerst. Vor der Kolonialisierung im 17. Jahrhundert war die Insel menschenleer. Die ersten Kinder, die hier zur Welt kamen, waren Söhne und Töchter von französischen Siedlern und madagassischen Frauen. Später, im 18. Jahrhundert zogen außerdem Piraten auf die Insel, um hier sozusagen im Ruhestand eine bürgerliche Existenz zu beginnen. Franzosen, aber auch Holländer, Portugiesen und Flamen, die zuvor durch Kaperei reich geworden waren, siedelten sich mit ihrer Beute und der Erlaubnis des französischen Königs auf der Insel an. Schätzungen zufolge machen die Nachkommen der Piraten heute rund zehn Prozent der Inselbevölkerung aus. Das Grab des Seeräubers Olivier le Vasseur - genannt "La Buse", der Bussard - auf dem Seemannsfriedhof von Saint-Paul, ist das berühmteste Denkmal jener Zeit, die nach Kanonenpulver und dem rauen Wind auf offener See riecht.
Es ist schwer zu verstehen, dass ein Volk mit gemischter Bevölkerung die Sklaverei annehmen konnte
Die dunkelste Epoche der Inselgeschichte ist die Zeit der Sklaverei. Noch heute stehen die riesigen Landgüter der Plantagenbesitzer, umgeben von Zuckerrohrfeldern, die lange Alleen aus Kokospalmen queren, um sodann zu prachtvollen kreolischen Häusern zu führen. Besucher schwärmen oft für die romantisch-monumentale Szenerie und für die Villen, die Kulisse für "Vom Winde verweht" sein könnten. Sie fühlen sich wie Scarlett O'Hara oder Rhett Butler und vergessen, dass die Einheimischen sich beim Anblick solcher Häuser an düstere Zeiten erinnern. An Zeiten, in denen ihre Vorfahren entweder Sklaven oder Sklavenhalter waren.
Es ist schwer zu verstehen, dass ein Volk mit von Anfang an gemischter Bevölkerung das System der Sklaverei annehmen konnte. Vielleicht lässt sich das Paradox ansatzweise begreifen, wenn man Charles Baudelaire liest, vor allem seinen Gedichtband "Die Blumen des Bösen". Das Werk dieses Dichters ist von seinem Aufenthalt auf Réunion im Jahre 1841 inspiriert. Damals beruhte die ganze Wirtschaft der Insel auf der Sklaverei. Die Sklaven waren die Traktoren der Landwirtschaft, ihr Kraftstoff war die Peitsche. Ohne sie wäre die Bewirtschaftung der Felder unmöglich gewesen, und keines der großen kreolischen Anwesen hätte sich den damals üblichen riesigen Staat an Dienstboten leisten können. Sklaven wurden mittels kleiner Anzeigen in der Lokalzeitung gehandelt oder bei Auktionen versteigert, die per Aushang an den Kirchentüren angekündigt wurden. Sogar Priester hielten sich Sklaven. Drei Viertel der gesamten Bevölkerung bestand aus Leibeigenen.
Man kann sich die körperliche und geistige Gewalt vorstellen, die erforderlich war, um jeglichen Gedanken an Revolte dauerhaft zu unterdrücken. Die herrschende Bevölkerung machte gemeinsam Jagd auf die noirs marrons, die entflohenen Sklaven, die abgetrennte linke Hand berechtigte zur ausgesetzten Prämie. Solche Abscheulichkeiten in einem derart paradiesischen Umfeld ließen auch Baudelaire, den jungen 20-jährigen Pariser, der auf der Suche nach neuen Eindrücken war, nicht unbeeindruckt. Doch wo andere französische Intellektuelle die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anprangerten, wurde Baudelaire von ihr in den Bann gezogen. Er erlag friedlichen Trugbildern, die er in seinen Versen festhielt: "Voll sanfter Wollust lebt ich da in Schweigen, Mitten in Glanz und Wellen, blauen Lüften, Und nackte Sklaven mit den satten Düften Kühlten die Stirne mir mit Palmenzweigen".
Am 20. Dezember 1848 wurde die Sklaverei schließlich abgeschafft - gegen den Willen der kreolischen Sklavenhalter, die von der Rechtmäßigkeit ihres Systems überzeugt waren. Distanz und ein gewisses Misstrauen gegenüber Paris haben sich die großen, die Insel beherrschenden Familien bis heute bewahrt. In dichten Netzwerken und fast geheimbündlerischen Verbindungen versuchen sie, ihre Angelegenheiten möglichst untereinander zu regeln.
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