Von Ignace de Witte
Außer den Franzosen, den afrikanischen Sklaven und den Piraten kamen Einwanderer aus Indien und China per Schiff auf die Insel. Die Einheimischen haben sich angewöhnt, jeden malbar zu nennen, der hinduistischen Glaubens ist, und jeden zarab, der dem Islam angehört. Ein zarab hat also nichts mit der arabischen Halbinsel zu tun. Sie sollten außerdem noch wissen, dass die créoles die Mischlings- Nachfahren der ersten französischen Siedler (und der sesshaft gewordenen Piraten) sind, und dass man die Nachkommen der 60.000 befreiten Sklaven (und im weiteren Sinne alle Menschen schwarzer Hautfarbe) cafres nennt. Gemeinsam bilden diese Gruppen den Sockel der Bevölkerungsstruktur, sie sind sozusagen die alteingesessenen Bewohner der Insel.
Die zweite Gruppe der Réunionnais kam mit dem Flugzeug auf die Insel, 100 Jahre später. Während sich die meisten ehemaligen Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg bemühten, zu unabhängigen Staaten zu werden, zog es Réunion vor, französisch zu bleiben und wechselte vom Status einer Kolonie zu dem eines Departements. General de Gaulle brachte die Sache in einer seiner Reden auf den Punkt: "La Réunion, c'est la France."
Diesen Satz werden Sie auf der Insel sehr häufig zu hören bekommen. Viele Franzosen kommen ebenso selbstverständlich hierher, wie sie in den Ferien in die Normandie oder in die Provence reisen würden. Auf Réunion werden diese europäischen Franzosen, egal ob sie nur ein paar Tage oder ihr ganzes Leben bleiben, zoreys genannt. Dieser Begriff hat seinen Ursprung im französischen oreille, Ohr, und spielt darauf an, dass die aus der Metropole eingereisten Franzosen des Kreolischen nicht mächtig waren und deshalb die Hand ans Ohr legen mussten, um die ihnen fremde Sprache besser zu verstehen.
Unter den zoreys finden sich überdurchschnittlich viele Beamte aus Frankreich, die sich auf die Insel haben versetzen lassen - aus klimatischen Erwägungen heraus, aber vor allem aus ökonomischen, denn als Beamter lässt es sich auf Réunion sehr gut leben. Dafür sorgt die französische Regierung. In Paris ist man sich der geostrategischen Bedeutung der Territorien und Departements in Übersee bewusst: Ohne sie wäre Frankreich auf das Sechseck in Europa beschränkt, mit ihnen hat es riesige Seegebiete und spielt auf dem Parkett der Weltpolitik die Rolle einer Großmacht.
Die Beamten sind für die Wirtschaft der Insel ein biblisches Manna
Man ist in Paris der Ansicht, dass diese Größe Frankreichs auch Opfer fordern darf. Und eines dieser finanziellen Opfer ist das Fortbestehen von Privilegien, die noch aus der Kolonialzeit stammen. Zurzeit profitieren 50.000 aktive und 15.000 pensionierte Beamte auf Réunion von Bezügen, die rund 35 bis 50 Prozent höher liegen, als die ihrer Kollegen in Europa.
Diese 65.000 privilegierten Staatsdiener, mit ihren Familien rund 150.000 Menschen, sind für die Wirtschaft der Insel ein biblisches Manna, man könnte auch sagen, eine Kuh, die stets gemolken werden kann. Das schaukelt natürlich auch die Preise in die Höhe. Ist ein Hausbesitzer auf der Suche nach neuen Mietern, wird er natürlich den gut bezahlten Beamten bevorzugen, von dem er mehr Geld verlangen kann. Das Mietniveau steigt stetig, und schon jetzt sind die Mieten in der 160.000- Einwohner-Stadt Saint-Denis nur unwesentlich niedriger als in Paris.
Ein trauriger Nebeneffekt ist, dass sich der Reichtum leider nicht gerecht und gleichzeitig auf alle ergießt. Manche Inselbewohner genießen den höchstmöglichen Lebensstandard in diesem Teil der Welt, leben in luxuriösen Villen und fahren einen Ferrari oder Porsche auf einer Insel, deren längste Gerade keine fünf Kilometer misst.
An anderen geht der Wohlstand vorüber. Die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 30 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit noch um etliches höher. 64.000 Menschen leben von Sozialhilfe, Elendsviertel gibt es auch in Frankreichs tropischem Garten.
Réunion ist für Frankreich, was Las Vegas für Amerika
Meiner Ansicht nach hat man sich in Paris bewusst von dem Gedanken verabschiedet, das Übel an der Wurzel zu packen. Es wurde wohl versucht, aber jedes Mal, wenn die Regierung finanzielle Privilegien abbauen wollte, kam es zu heftigen Protesten, zu Streiks und Demonstrationen. Um eine soziale Explosion zu verhindern, muss Paris die Wirtschaft auf der Insel künstlich ankurbeln, das heißt: mehr Geld für Sozialausgaben in die Insel hineinpumpen (proportional gesehen gibt es dreimal so viele Sozialhilfeempfänger wie in Frankreich), höhere Unternehmenszuschüsse bewilligen und steigende EU-Subventionen für die Insel aushandeln.
Réunion ist für Frankreich vergleichbar mit dem, was Las Vegas für Amerika ist - dort eine Stadt aus der Wüste geboren, hier eine Insel dem Ozean entsprungen, ohne natürliche Ressourcen, auf der das Leben aber süß und angenehm ist, dank des Geldes, das von außen hereinströmt.
Denn: Auf Réunion lässt es sich sehr gut aushalten. Die Wirtschaft mag künstlich aufgeblasen sein, aber die Lebensqualität ist sehr real. Das liegt nicht nur am sonnigen Klima, sondern auch an dem unglaublichen kulturellen Reichtum, der eine Folge des europäischen, asiatischen und afrikanischen Erbes ist. Jede ethnische Gruppe hat sich eine gewisse Authentizität bewahrt, ohne sich den anderen gegenüber abzuschotten.
Es gibt auf Réunion kein Chinatown oder Little India, es existiert eine große mélange, geprägt von Toleranz: Wenn Sie sich in einem Café auf die Terrasse setzen, werden Sie Frauen mit islamischem Kopftuch und Mädchen im Minirock sehen, Männer mit Anzug und Krawatte und solche in afrikanischen Gewändern. Am Strand von Saint-Gilles les Bains werden Sie Frauen begegnen, die verhüllt im Schatten eines Baumes picknicken, während sich andere barbusig in die Sonne legen. Jeder macht, was ihm gefällt, und alle finden es völlig normal.
Meiner Ansicht nach liegt darin die Hauptattraktion der Insel: Réunion ist 10.000 Kilometer von Paris entfernt, aber in Sachen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist man hier dem Mutterland um einiges voraus.
Ignace de Witte stammt aus Belgien und lebt seit 1989 als freier Journalist auf
Réunion. Ina Kronenberger übersetzte den Text aus dem Französischen.
Aus dem "Merian"-Heft "Mauritius und Réunion", Oktober 2003
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